"Was willst du denn später mal werden?" Das wurden die meisten von uns früher irgendwann mal gefragt. Die wenigsten wussten dann eine klare Antwort. Es gab früher wenig Möglichkeiten, einen Beruf probehalber mal "von innen" anzuschauen. Vielleicht tun sich Jugendliche da heutzutage leichter, weil Betriebe teils händeringend nach Auszubildenden suchen. Sehr gute Chancen, in den Wunschberuf hineinzuschnuppern, haben auf jeden Fall Mittelschüler im Landkreis, die über das Netzwerk Wirtschaft-Schule in das Projekt der "vertieften Berufsorientierung" eingebunden sind.

2008 kam dieses alternative Praktikumsmodell für die 8. und 9. Jahrgangsstufen erstmals zum Tragen. Die Initiative ging vom Landkreis aus. Träger ist die GbF Schweinfurt mbH (Gesellschaft für berufliche Förderung). Die ersten beiden Jahre gab es zum Gelingen des neuartigen Konzepts Mittel aus dem Leader-Topf der Europäischen Union. Inzwischen wird die Initiative von der Agentur für Arbeit in Schweinfurt zu 50 Prozent gefördert. Die andere Hälfte der Kosten übernimmt größtenteils der Freistaat Bayern. Aber auch der Landkreis trägt sein Scherflein dazu bei.

Gegen den Fachkräftemangel

Jedes Jahr wird das Projekt, das inzwischen "Berufsorientierungsnetzwerk" - kurz BON - heißt, von der Agentur für Arbeit neu ausgeschrieben, muss sich die GbF neu bewerben, werden die Geldgeber wieder gebeten sich zu beteiligen. 22 500 Euro hat der Landkreis auch 2020 wieder für die "erweiterte vertiefte Berufsorientierung" in den Etat aufgenommen. Im Wirtschafts- und Umweltausschuss am 20. Januar hielt man deshalb Rückschau auf die vergangenen Jahre und weitete den Blick nach vorn. Das Projekt sei bei Pädagogen, aber auch bei Firmenchefs "unumstritten", sagte Landrat Thomas Bold. Ziel dabei sei es, die Ausbildungs- und Betriebsreife der Jugendlichen nachhaltig zu verbessern. Zudem hoffe man, mit dieser Initiative auch dem Fachkräftemangel im Landkreis entgegenzuwirken. Stolze 800 Betriebe haben sich, laut Bold, in den ersten Jahren an dieser Art der Berufsorientierung beteiligt. Inzwischen machen bereits 1000 Firmen und Geschäfte mit.

"Wir bringen die Schüler so viel näher an die Wirtschaft heran", bilanzierte Berufsberater Thomas Schlereth von der Arbeitsagentur die vergangenen Jahre. 62 Prozent der Schüler bleiben, nach Abschluss der 9. Klasse, in den Betrieben, die sie durch das Projekt kennenlernten. Und mehr als 57 Prozent von ihnen hätten schließlich einen Ausbildungsvertrag im Betrieb ihrer Wahl in der Tasche.

Schulrätin Birgit Herré begründete das Konzept zur vertieften Berufsorientierung einstmals mit, als sie noch Rektorin an der Bad Brückenauer Mittelschule war. Jetzt zog sie, zusammen mit GbF-Geschäftsführerin Gertrud Türk, im Wirtschafts- und Umweltausschuss ein überaus positives Resümee: Die Schüler hätten bei dieser Initiative die Möglichkeit, zielgerichtet "vom Schnupper-Praktikum zum Lernort Betrieb" zu gelangen, sagt Herré.

Weil die Schüler einen kontinuierlichen Praxistag in einem Betrieb haben, würden sie sich viel besser mit dem identifizieren, was sie tun. Nach einem halben Jahr könnten sie sich einen zweiten Beruf näher anschauen.

Den Berufsalltag im Blick

Dass die Jugendlichen ihre Arbeit in den Betrieben dokumentieren müssen, mache sie fit für den beruflichen Weg, sagte Herré. Zum einen bekommen sie eine betriebliche Lernaufgabe gestellt, zum anderen müssten sie ein Berichtsheft führen. Das führe zur Reflexion über eigene Fähigkeiten und berufliche Begabungen.

Die Lernaufgaben werden auch in den Klassen vorgestellt, so die Schulrätin weiter. Jeder Schüler präsentiere seine Tätigkeit zudem an einem Ausstellungsstand auf dem "Markt der Möglichkeiten", der beispielsweise an der Bad Brückenauer Mittelschule beim Schulfest stattfand.

Die jungen Leute würden so eher ein reelles Bild des Berufsalltags bekommen und lernen, ihre Aufgaben pünktlich und zuverlässig zu bewältigen, sagte GbF-Geschäftsführerin Türk. Nicht zuletzt auch deswegen, weil sie positive Rückmeldungen bekämen. Die Initiative des Landkreises Bad Kissingen ist inzwischen auch in anderen Landkreisen angekommen, so zum Beispiel im Rhön-Grabfeld, in den Haßbergen und im Landkreis Schweinfurt.

Es gebe inzwischen auch viel weniger Schülerinnen und Schüler im Landkreis, die eine begonnene Ausbildung abbrechen, sagte Berufsberater Schlereth. Seinen Recherchen zufolge habe Deutschland eigentlich ein großes Problem mit Jugendlichen, die ihre Lehre abbrechen.

Weniger Abbrüche im Landkreis

Die Quote liege seit zehn Jahren bei gut 25 Prozent. Genaue Zahlen über den Landkreis Bad Kissingen seien allerdings schwer zu bekommen, so der Berater weiter. Aber zum Beispiel habe eine Nachfrage bei der Handwerkskammer für Unterfranken in Schweinfurt ergeben, dass die Abbrecherquote im Landkreis Bad Kissingen nur bei neun Prozent liegt.