Menschenkette in Schweinfurt: Es ist eine imposante Demonstration des Zusammenhalts und gemeinsamer Stärke von rund 1400 ZF-Mitarbeitern, die am Donnerstagmorgen eigentlich gerade arbeiten sollten.

Sie verlassen aber das Werk Nord in der Ernst-Sachs-Straße und das im Süden an der Röntgenstraße und stellen sich unter strahlender Sommersonne ab 9 Uhr zu einer Menschenkette zusammen. Sie führt zum Teil über die Hahnenhügelbrücke und reicht am Ende, als sie geschlossen ist, von einem Werk zum anderen und ist knapp drei Kilometer lang.

Die Hand am Abstandsband

Natürlich reichen sich in Corona-Zeiten die ZF-Metaller dabei nicht die Hände, sondern sind mit weißen, eineinhalb Meter langen Bändern verbunden. Die IG Metall, die zu dieser Aktion aufgerufen hat, achtet penibel auf Einhaltung der Corona-Regeln. Dazu gehört der Sicherheitsabstand, gerade bei einer Menschenkette mit weit über 1000 Leuten im Freien, dazu gehört auch der Mund-Nasen-Schutz (MSN). Mit dabei sind auch DGB-Regionsgeschäftsführer Frank Firsching sowie der Linke-Bundestagsabgeordnete und frühere Schweinfurter IG-Metall-Chef Klaus Ernst.

Was ist der Anlass für die spektakuläre Aktion? Es ist die Ankündigung von ZF-Chef Wolf-Henning Scheider im Mai, bis 2025 weltweit 15 000 Stellen abzubauen, davon 7500 in Deutschland, "um das Jahr 2020 zu bewältigen".

Er nannte die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie als Grund. Den Beschäftigten werde "eine unsichere Zukunft beschrieben", ohne "konkrete Vorschläge und/oder Maßnahmen zu benennen", kritisiert die IG Metall in ihrem Aktionsaufruf.

Auftragslage ging zurück

Klar sei, dass die Auftragslage schon seit Herbst vergangenen Jahres zurückgegangen sei. Mit den verschiedenen "Lock-Downs" sei der für ZF existenzielle Markt für Pkw und Lkw "zumindest zeitweise zum Erliegen gekommen". Um die Jobs zu halten, gebe es gute Kurzarbeiterregelungen, so die IG Metall. Was aber bedeutet die Ankündigung des Konzernchefs, 7500 Stellen abzubauen und Projekte zu streichen, für den Standort Schweinfurt, nach dem Unternehmenssitz Friedrichshafen der zweitgrößte in Deutschland?

Genau das ist bisher völlig ungeklärt, sagt Betriebsratschef Oliver Moll dieser Redaktion. "Wir wissen nicht, wo was und wie viel eingespart werden soll." Einem Stellenabbau steht eigentlich der erst im Dezember 2019 für Schweinfurt vereinbarte Beschäftigungssicherungsvertrag bis 2025 entgegen. Seit acht Wochen lebten die Mitarbeiter mit diesem Widerspruch. Für diesen Vertrag habe der Betriebsrat der teilweisen Verlagerung der Dämpferfertigung aus Schweinfurt zugestimmt und die Ansiedlung der Elektromobilität im Werk Süd erreicht.

Wenn jetzt geplant sei, aus den beiden Divisionen Powertrain (Antriebsstrang) und Elektromobilität künftig eine zu machen, wird das Auswirkungen auf die Belegschaft haben, ist Moll sich sicher. Welche, in welchem Maß und wo - bei Organisation und Verwaltung oder auch in der Produktion - sei ungewiss. Die IG Metall weist auf die bevorstehende Integration des erst dazu gekauften Nutzfahrzeugzulieferers Wabco hin, deren Auswirkungen schwer einzuschätzen seien. Und: Eine grundsätzliche Veränderung der Konzernstruktur, die neben der Zusammenlegung von Powertrain und Elektromobilität diskutiert werde "und zu der wir überhaupt noch keine konkreten Vorstellungen kennen", könne massive Auswirkungen auf die Zahl und die Qualität der Arbeitsplätze haben.