Für Alexander Gerndt geht es nicht nur zurück in die Heimat, sondern auch zurück zu seinen beruflichen Wurzeln. Nach der Schule hat er in der Schreinerei Krug in der Landwehrstraße seine Ausbildung gemacht, arbeitete danach ein Jahr als Geselle weiter. Jetzt, gute acht Jahre später, hat der 28-Jährige den Betrieb von Peter Krug übernommen. "Ich wollte endlich meine eigenen Ideen und Vorstellungen realisieren. Ich konnte mir schon vor vier Jahren vorstellen, mich selbstständig zu machen, aber da war ich mir noch zu jung", sagt er.

Gerndt machte seinen Meister in Würzburg und sammelte in verschiedenen Firmen Berufserfahrung. Privat zog es ihn zu seiner Freundin nach Düsseldorf. Vergangenes Jahr entschlossen die beiden sich, dem gehetzten Leben in der Großstadt den Rücken zu kehren und in seine Heimat zurückzukehren. "Jetzt traue ich mir den Schritt in die Selbstständigkeit zu. Da bin ich auf Peter zugegangen, ob er noch einen Nachfolger sucht", sagt der Bad Kissinger.

Übergabe nach langer Suche

Das Angebot kam gerade zur rechten Zeit. Peter Krug hatte die Hoffnung beinahe schon aufgegeben, noch jemanden zu finden, der den traditionsreichen Familienbetrieb und zugleich die letzte Schreinerei in der Kernstadt übernimmt. "Ich habe den Betrieb in den letzten Jahren immer weiter runtergeschraubt", sagt er. Aus Altersgründen. Die Geschäfte seien gut gelaufen; so gut, dass er Ende der 1980er Jahre die Werkstatt in Richtung der früheren Polizei erweiterte. Bis zu 14 Mitarbeiter waren in den besten Jahren bei ihm beschäftigt, heute ist es noch ein Schreiner. Krug ist inzwischen 74 Jahre alt, die Werkstatt führt er seit beinahe 50 Jahren. 2021 hätte er den Schlussstrich gezogen, sagt er - mit oder ohne Nachfolge. "Jetzt freue ich mich, dass es weiter geht. Alexander kennt den Betrieb, er hat da gelernt. Das sind gute Voraussetzungen, dass es funktioniert", sagt er.

Betriebsschwund erwartet

Viele Handwerker und Unternehmer in der Region stehen vor dem Problem, einen Nachfolger zu finden. Rund 18 000 Handwerksbetriebe gibt es in Unterfranken. "Wir gehen davon aus, dass rund ein Drittel, also 6000 in den nächsten 15 Jahren übergeben werden", sagt Daniel Röper, Pressesprecher bei der Handwerkskammer Unterfranken. Wie viele potenzielle Nachfolger es gebe, könne nicht valide beziffert werden. Die Kammer geht jedoch davon aus, dass nicht jeder Betrieb den Generationenübergang schaffen wird. "Es wird einen Schwund in den nächsten Jahren geben", sagt er. Immerhin: Die Corona-Krise scheint diesen Trend nicht zusätzlich zu verschlimmern. Es sei deshalb wichtig, möglichst frühzeitig die Übergabe zu planen und nach dem Nachfolger zu suchen. Die Handwerkskammer bietet kostenlose Beratungen sowohl für Senior-Chefs, als auch für Übernehmende an.

Auch in anderen Bereichen kämpfen mittelständische Unternehmen mit dem Generationenwechsel. Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mainfranken, sind zwei von zehn Unternehmern in der Region über 60 Jahre alt und mehr als die Hälfte ist älter als 55 Jahre. Die IHK erwartet, dass bis 2035 die Zahl der Unternehmen in Mainfranken im Vergleich zu heute um rund neun Prozent sinkt.

"Die Geschwindigkeit, in der sich die Herausforderung der Unternehmensnachfolge aufbaut, ist erschreckend", sagt Sascha Genders, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Würzburg-Schweinfurt. Während die Unternehmerschaft immer älter wird, sinke bei den Jüngeren das Interesse, sich selbstständig zu machen. Der IHK-Experte befürchtet, dass die Corona-Krise die ungünstige Entwicklung verschärft.

Kerngeschäft bleibt gleich

Alexander Gerndt macht sich wegen Corona weniger Sorgen. Für ihn zählt, dass der Übergang gut gelingt. "Ich übernehme genau das Kerngeschäft, wie es Peter Krug vorher gemacht hat", sagt er, sprich: Es geht um Möbelbau, Innenausbau, Reparaturen und Glasarbeiten. Krug werde ihn vorerst bei Bedarf als Ansprechpartner weiter mit unterstützen. Der junge Schreinermeister freut sich darauf, im eigenen Unternehmen loszulegen. "Ich schätze die Individualität. Jedes Stück, das wir fertigen, ist ein Unikat, weil es jeden Baum nur einmal gibt", sagt er.

Aus Schreinerei Krug wird Schreinerei Gerndt

Geschichte Peter Krugs Urgroßvater - er hieß auch Peter Krug - arbeitete im 19. Jahrhundert bereits als Schreiner in der Groppstraße. 1896 übernahm Großvater Andreas Krug die Schreinerei, die sich inzwischen in der Erhardstraße befand. 1907 baute Andreas Krug die Schreinerei sowie das Wohnhaus in der Landwehrstraße. Sein jüngerer Sohn Georg Krug führte die Schreinerei bis 1973, dann gab er sie wiederum an seinen Sohn Peter ab. Zum Jahreswechsel ist das Unternehmen an Alexander Gerndt übergegangen, der die Schreinerei unter seinem Namen weiterbetreibt.