Auf den Spuren ihres bekanntesten Vorfahren, des Gründerzeit-Industriellen Wilhelm Sattler (1784-1859) in Schweinfurt, wandelte kürzlich eine Gruppe von 14 Angehörigen seiner weit verzweigten Nachkommen erstmals im Landkreis. Zum Programm des dreitägigen Aufenthalts gehörten zwei Vorträge, ein Rundgang durch Bad Kissingen sowie ein mehrstündiger Besuch im Schloss Aschach.

Nach einem Einführungsvortrag über die Geschichte des Staatsbades Bad Kissingen, bei dem Gästeführer Sigismund von Dobschütz besonders auf die Jahrzehnte zwischen 1830 und 1870 einging, in denen die Sattlers auf Schloss Aschach ansässig waren, folgte am nächsten Tag eine zweistündige Stadtführung. Hierbei waren für die Sattler-Nachkommen nicht etwa die historischen Kurbauten der Höhepunkt, sondern das Hotel "Weißes Haus" in der Kurhausstraße, dessen Bauherr Wilhelm Sattler war.

Die Geschichte des heutigen Hotels, das erst 1912 durch Aufstockung um zwei Geschosse und Verschönerungen im Jugendstil durch den Kissinger Architekten Franz Krampf sein jetziges Aussehen erhielt, beginnt schon 1835. Zeitgleich mit Baubeginn des Kissinger Arkadenbaues ließ Wilhelm Sattler an der damals noch Würzburger Allee genannten Straße sein "Stadthaus" mit Gästezimmern errichten. Das auf alten Bildern recht nüchtern wirkende zweigeschossige Gebäude aus Buntsandstein muss wohl bald mit weißer Farbe übermalt oder weiß verputzt worden sein. Jedenfalls taufte Sattler, nachdem 1839 eine Anordnung des Landrichters Julius von Rotenhan erfolgt war, jedem Kurheim ähnlich einem Gasthaus einen Namen zu geben, sein Gästehaus auf den französischen Namen "La Maison Blanche" ("Das weiße Haus").

Nach dem Tod Sattlers (1859) fiel sein "Weißes Haus" zunächst an eine Erbengemeinschaft, dann kaufte es 1884 der Badearzt Gustav II. Diruf (1845-1909). Dessen zweite Ehefrau Nelly war es schließlich, die drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes den Auftrag zum Umbau vergab. Heute sind die zwei unteren Geschosse des Hotels noch als Sattler'sches Stadthaus zu erkennen.

Wilhelm Sattler, 1784 in Kassel geboren, machte sich 1807 mit eigenem Unternehmen in der Schweinfurter Kirchgasse selbstständig und begann mit der Herstellung von Farben. 1813 lagerte er einen Teil seiner Produktion nach Schonungen aus, erwarb 1822 das Schloss Mainberg und richtete dort eine Tapeten-Fabrik ein. Schließlich kaufte er 1829 Schloss Aschach und baute dort die als "Englisch-Porzellan-Fabrik" bezeichnete Steingut-Manufaktur auf.

Im Erdgeschoss des Schlosses waren gleich rechts vom Eingang das Kontor mit direktem Zugang zu Sattlers Büro sowie Labore und Magazine, berichteten die Schlossführerinnen Renate Kiesel und Susanne Bocklet den Sattler-Nachkommen. Im ersten Obergeschoss waren die Dienstwohnung Sattlers sowie die seiner Teilhaber Wüstenfeld und Reuter. Im zweiten Obergeschoss war die Produktionsstätte. Brennöfen waren im Erdreich des Schlossgeländes eingegraben. Aber auch im Keller des Schlosses gab es Öfen, die erst 2005 bei Sanierungsarbeiten wieder freigelegt und von der Reisegruppe besichtigt wurden.

Der Betrieb der Aschacher Steingut-Manufaktur, die zu ihren besten Zeiten 130 Männer und Frauen beschäftige, wurde bald nach dem Tod Wilhelm Sattlers eingestellt und das Schloss im Jahr 1873 an den unterfränkischen Regierungspräsidenten Friedrich Graf von Luxburg verkauft. Außer dem Kontor, dem heutigen Napoleon-Salon mit seinen prächtigen Tapetenbildern, und dem "Spruchzimmer", das Wilhelm Sattler als Büro nutzte, sind heute kaum noch Spuren des Industriellen auf Schloss Aschach sichtbar.

Produkte seiner Manufaktur, von denen eine kleine Auswahl den Sattler-Nachkommen gezeigt wurde, sind im Museumsdepot in der Schlossmühle gelagert. Allerdings plant Museumsleiterin Josefine Glöckner, wie sie auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte, im kommenden Jahr eine Sonderausstellung mit Sattler'schem Steingut im Graf-Luxburg-Museum auszurichten.