Wer im Internet den Spielplan des Maßbacher Theaters aufruft, ist überrascht: Bis zum 20. Dezember sind da 33 Aufführungen angekündigt! Natürlich die Komödie "Nach Paris!" zur Eröffnung der neuen Spielzeit im Intimen Theater, allerdings aus Hygienegründen und -vorschriften in die Lauertalhalle verlegt. Dann das Kinderstück "Peter Pan", das eigentlich in der Lauertalhalle gespielt werden sollte, was - das ist ja klar - jetzt nicht geht. Dafür haben die Maßbacher die Dorfhalle in Weichtungen gemietet. Dazu das weitere Kinderstück "Paulas Reisen", das im TIP, dem Theater im Pferdestall, angesetzt ist. Knapp die Hälfte der Aufführungen sind allerdings Gastspiele. Eigentlich ziemlich ambitioniert in Zeiten, in denen wegen des Lockdowns livekulturmäßig so gut wie gar nichts mehr geht, auch fürs Theater.

Ein weißer Spielplan

Aber es ist ja auch nur ein Traumbild, das da auf dem Monitor zu sehen ist, die Beschreibung eines Zustands, wie er um diese Zeit sein sollte, nicht, wie er tatsächlich ist. Den Haken an der Sache erkennt man eigentlich erst auf den zweiten Blick: Unter jeder Datumszeile steht ein kleiner, unscheinbarer, aber beklemmender, lakonisch kurzer Satz: "Die Vorstellung entfällt." Und plötzlich begreift man, warum diese Seite so leer wirkt: Es fehlen am rechten Rand die grün-gelb-roten Ampeln, die Auskunft geben über die Verfügbarkeit von Karten. Denn es gibt keine. Und nach dem 20. Dezember ist der Spielplan makellos weiß.

"Die Termine werden da in Kürze nicht mehr stehen, die sind hinfällig geworden. Die stammen noch aus der Zeit vor dem zweiten Lockdown", meint Susanne Pfeiffer, die bei "Nach Paris!" Regie führt. Verbindliche Ersatztermine kann es im Augenblick nicht geben: "Wir haben uns heute Vormittag zusammengesetzt, und Anne Maar hat verschiedene Pläne vorgestellt, damit wir im Ernstfall, wenn der Spielbetrieb wieder möglich ist, sofort loslegen können." Der erste, vielleicht etwas optimistischer Plan geht vom Januar aus. Die weiteren folgen für Februar und März.

Froh über Proben

Aber macht es da überhaupt noch Sinn zu proben, wenn man nicht die geringste Ahnung hat, wenn einmal, wenn überhaupt, eine Premiere stattfinden kann. Ist das nicht verlorene Liebesmüh? Nein, auf keinen Fall, ist sich die Truppe einig. Die Leute sind heilfroh, dass sie überhaupt proben dürfen. Und sie machen die Inszenierungen so weit fertig, dass sie aufführungsreif abrufbar sind. Das geht bei "Nach Paris!" schon deshalb relativ einfach, weil mit Anna Schindlbeck, Marc Marchand und Alessandro Scheurer drei Leute auf der Bühne stehen, die feste Ensemblemitglieder sind und durch einen Anschlussvertrag ohnehin an das Haus gebunden sind. Anders ist es bei Lessings "Emilia Galotti", zu dem die Proben in ein paar Tagen beginnen. Da erwarten - natürlich nach negativem Coronatest - die Maßbacher drei Gäste von auswärts, bei denen der Spielplan bei Verschiebungen unter Umständen auf andere Verpflichtungen Rücksicht nehmen muss.

Einen gewissen Zeitdruck gibt es allerdings trotzdem: "Nachdem es mit der Öffentlichkeit nicht geht, haben wir beschlossen, interne Premieren zu spielen", sagt Anna Schindlbeck. Ganz schön mutig, denn Kollegen schauen immer ganz genau hin. Diese Premieren finden an den ursprünglich vorgesehenen Terminen veranstaltet; einen Aufschub gibt es nicht. Susanne Pfeiffer: "Dann werden die Produktionen eingemottet und sind jederzeit abrufbar." Und dann geht's weiter mit "Emilia Galotti" - auch sie für die Vorratskammer.

Zurück in die Realität

Natürlich ist auch in Maßbach Corona immer dabei. Man macht sich Gedanken und Sorgen, diskutiert über das Wegbleiben des Publikums, über die Frage, wie es weitergehen soll, während der Krise und danach. Aber es gibt auch einen Freiraum: "Wenn wir proben, dann müssen wir so konzentriert bei der Sache sein, dass für Corona-Gedanken überhaupt kein Platz ist. Da ist die Pandemie ganz weit weg", meint Anna Schindlbeck. Im Moment teil sich das Denken in zwei Welten. Deshalb sind alle froh, wenn sie spielen können. "Nicht an Corona denken zu müssen ist eine gute Motivation zum Proben", betont Marc Marchand. Aber die Rückkehr in die Realität ist umso schwerer.

Wobei die Maßbacher das Glück haben, dass das Virus bisher nur in die Nähe des Schlosses gelangt ist. Was auch an der Rigorosität liegt, mit der man sich im Haus an die Hygienevorschriften hält. Der Druck kommt durchaus auch von oben, von der Chefin: Anne Maar sitzt in jeder Probe und passt auf, dass die Abstandsregeln eingehalten werden. Sobald es zu eng wird, kommt ihr warnender Ruf: "Wenn ihr keinen Abstand halten könnt, müsst ihr mit Masken spielen!" Für Schauspieler eine massive Drohung, nicht nur wegen des Mienenspiels.

Küssen verboten

Küssen geht deshalb im Moment gar nicht auf der Bühne. Und dann ausgerechnet "Nach Paris!", eine Liebeskomödie für drei Personen, die auf einem Bahnsteig spielt. Also an dem Ort für den noch unsere Großeltern Geld ausgaben, um sich Bahnsteigkarten zu kaufen, weil das der einzige Ort war, an dem sie sich legal in der Öffentlichkeit küssen durften. Was macht man da im Theater? Einen Luftkuss? "Nein, es handelt sich jetzt um eine ausgebuffte Choreographie. Angeatmet wird sich nicht", sagt Susanne Pfeiffer, die mehr allerdings nicht verraten will. Oder doch? "Am Ende gibt es doch noch einen Kuss." Aber halt auch etwas anders, aber auch "seuchengerecht". Doch eigentlich haben sich die Schauspieler daran gewöhnt, das Abstandsgebot mitzudenken oder mitzuspielen.

Kinder spielen mit Masken

Christian Schidlowsky, der seine für Maßbach bearbeitete Fassung von "Peter Pan" inszeniert, hat aus der Corona-Not eine Tugend gemacht. Was zunächst ein bisschen erstaunt: Er hat das Märchenstück in ein stillgelegtes Sanatorium verlegt. Für die Kinder, die da für sich das Märchen spielen, kann so die Corona-Situation Alltag sein. Sie spielen mit Masken, wenn sie sich zu nahe kommen. Und auf der Bühne steht auch ein Desinfektionsmittelspender, der mitspielt. Das ist, so Christian Schidlowsky, eine gute Möglichkeit, den Kindern zu zeigen, dass Theater und Realität auch für sie durchaus etwas miteinander zu tun haben, dass die Bühne keine abgeschottete Welt ist: "Die Coronakrise macht ja auch was mit den Kindern." Bis hin zu der Frage: "Müssen wir sterben?" Aber natürlich soll das Stück vor allem Hoffnung bieten.

Fragt sich nur: Können die Kinder überhaupt zu ihrem Stück in die Weichtunger Dorfhalle kommen? "Nein, im Moment nicht. Die Gastspieltheater haben auch alle abgesagt", erklärt Maar. "Wir werden "Peter Pan" aber auf jeden Fall wieder aufnehmen und im nächsten Jahr zumindest in den Gastspielorten spielen." Im Moment werde in München allerdings eine Anfrage des Arbeitskreises Kinder- und Jugendtheater in Bayern, ob nicht , wie in Nordrhein-Westfalen, Theater als Bildungseinrichtung gilt und die Schulen ins Theater kommen können. Dann könnte man das Stück zumindest in Weichtungen aufführen. Aber die Schulen haben Bedenken, vor allem wegen der Organisation der Busfahrten. So ist noch alles offen.

Kein Streaming

Eins ist allerdings geblieben: der zu Beginn der Coronakrise gefasste Entschluss, sich nicht mit Stückaufzeichnungen am Streamingangebot zu beteiligen. "Theater lebt vom konkreten Raum und vom Kontakt zum Publikum", meint Anne Maar. "Solche Streamingangebote dürfen nicht selbstverständlich werden. Da möchte ich gar nicht hindenken."