100 Mal Anlass zum Schmunzeln, zum Grinsen, zum Lachen - aber auch 100 Mal Anlass zur Nachdenklichkeit, zum Erschrecken. Diese Bandbreite an Empfindungen erlebt man bei der Ausstellung "Caricatura - Beste Bilder 2021", die bis zum 30. Oktober im Museum Obere Saline präsentiert wird und die mit einer humorvollen Laudatio von Bernd Gieseking eröffnet wurde.

Viel Zeit mitbringen

Zeit, Zeit und nochmals Zeit - das sollten die interessierten Gäste beim Besuch der Oberen Saline mitbringen, denn die Tiefe der ausgestellten Cartoons und Karikaturen lässt sich nicht im Vorbeigehen erfassen. Zwar springen einem die Themen sofort ins Auge, die mit spitzer Feder und feinem Wortwitz zu Papier gebracht worden sind, jedoch erschließt sich erst bei näherer Betrachtung der satirische Blick auf das Jahr 2021.

Die Ausstellung zum Deutschen Cartoonpreis ist die Quintessenz aus 3000 Cartoons, die von 220 kreativen Köpfen in Zeitungen, Zeitschriften oder im Internet veröffentlicht und zur Prämierung eingereicht wurden. Somit zeigt die Ausstellung "Beste Bilder 2021" nicht nur ein Kaleidoskop der Themen, sondern einen konzentrierten, einen reduzierten Einblick in die Aufreger des vergangenen Jahres. Mit dabei sind auch die drei Preisträger des Deutschen Cartoonpreises 2021, der vom Lappan-Verlag ausgelobt und in Zusammenarbeit mit der "Caricatura"-Galerie für komische Kunst Kassel präsentiert wird.

Für Oberbürgermeister Dirk Vogel beendet die Ausstellung "Monate der Enthaltsamkeit", und sie bringe wieder Leben in das Museum Obere Saline. Wichtig sei für ihn, dass man ein hohes Niveau bei den Ausstellungen anstrebe, damit sie sowohl für Gäste als auch für Kissinger interessant seien. Die Ausstellung "Beste Bilder 2021" erfülle diesen Anspruch, denn die politischen und gesellschaftlichen Widersprüche und Schwachstellen werden mit dem Stilmittel Satire in den Cartoons und Karikaturen schonungslos offengelegt. Stellvertretender Landrat Emil Müller bewertete das Museum Obere Saline als "Flaggschiff unter den Museen im Landkreis", das durch neue, interessante Ausstellungen seinen Erlebniswert beweist. Museumsleiterin Annette Späth ergänzte die Ausführungen und leitete über zur Ausstellungseröffnung, die in den bewährten Händen von Bernd Gieseking lag.

"Moin allerseits" - der Gruß des Nordens identifizierte Bernd Gieseking als "Nicht-Kissinger", seine heitere Analyse der ausgestellten Cartoons und Karikaturen als kundigen Fachmann und seine launigen Einlagen als Kabarettist mit Sprachwitz. Die Eröffnungsgäste, aber auch die zukünftigen Besucher forderte er auf: "Sehen Sie in den Bildern die Kunst und nicht nur den Witz." Bei den Bildern unterscheidet Gieseking feinsinng zwischen der Karikatur, die Personen erkennbar im Mittelpunkt der satirischen Überzeichnung präsentiert, und dem Cartoon, das den Witz der Situation in den Mittelpunkt der reduzierten Betrachtung stellt. Beides erfordert den Künstler im Hintergrund, der mit fachlicher Qualität die Essenz sieht und gekonnt darstellt: "Schwere Dinge leicht machen" lautet das Credo, das die hochkarätige Jury für die Vergabe der drei Preise angelegt habe, so Gieseking, wobei seine Grenzen zwischen Laudator und Kabarettist zur Freude der Zuhörer fließend waren.

Für die Zuhörer hatte er schon einige Bonbons herausgepickt, die er genussvoll und mit schelmischer Mimik präsentierte. Herr und Frau Gott betrachten die Erde und auf die Frage, was die Menschen daraus gemacht haben, antwortet Herr Gott: "Einen Kugelgrill!" Bittere Wahrheiten gab es auch zur Gafferproblematik, wenn ein Videoclip wichtiger als Hilfe ist, zu Internet-Bloggern als Pseudo-Experten, zur K-Frage und zum Merkel-Abschied, zur Maskenpflicht und zu Corona-Leugnern, zu Querdenkern und zum Gender-Wahn sowie zu allem, was mit "Home-" anfängt.

Nach einem kurzweiligen Streifzug durch die Themenwelten der Ausstellung, garniert mit philosophisch-humorvollen Betrachtungen zu Rene Descartes' Zitat "Ich denke, also bin ich", widmete sich Bernd Gieseking den drei Preisträgern, denen in der Ausstellung der prominente Platz gegenüber dem Eingang vorbehalten ist: die alternde Greta mit Armin-Laschet-Zügen, die mehr Tempo beim Klimaschutz fordert und bereits bis zur Hüfte im Ahr-Wasser steht, das nüchterne Gebäude des Innenministeriums, das mit einem Gendersternchen aufgepeppt wird, und die Persiflage auf das traurige Ende des Afghanistan-Einsatzes, die Heiko Maas, Gerd Müller und Angela Merkel in verstörender Ahnungslosigkeit zeigt. Nicht nur die drei Preisträger sind absolut sehenswert.