Wenn in einer Kirche das Schunkellied "Wir kommen alle in den Himmel" erklingt, ist das schon an sich recht ungewöhnlich. Als Martin Luther (Martin Hentschel) in historischer Bekleidung per Zeitmaschine dann aber auch noch bei einer feucht-fröhlich feiernden Faschingsgesellschaft auftaucht, setzt das dem Ganzen die sprichwörtliche Krone auf. Für die Karnevalistin (Nicole Fläschner) und ihre Partygänger stellt der Gast aber anfangs überhaupt kein Problem dar. In Unkenntnis der Person lobt sie erst einmal seine "tolle Verkleidung". Trotzdem bemerkt die Närrin, "dass an dem Mann etwas merkwürdig ist".
Laiendarsteller beschäftigten sich in dem eindrucksvollen Stück "Time Machine - Zeit der Gnade?" mit der Idee, dass Martin Luther in der Gegenwart auftaucht.
Es ist ein ganzer Katalog von Missverständnissen, der sich im weiteren Verlauf des Aufeinandertreffens zwischen Gast und Gastgeberin offenbart. Und wenn der Zuschauer meint, beide würden sich trotz des Zeitunterschiedes von rund fünf Jahrhunderten langsam aufeinander zu bewegen, hakt die Kommunikation schon wieder. Man denkt und handelt auf verschiedenen Ebenen, ein gescheites Gespräch ist schier unmöglich.
"Es reißt mich", ruft Luther aus. "Wer regiert eure Welt?", fragt der Reformator angesichts der Dinge, von denen ihm vorgeschwärmt wird. Alles dreht sich offenbar nur um die Themen Wohnung, Auto oder Urlaub. Der Geistliche scheint schier verzweifelt darüber, "dass alles vorbei ist, wofür ich gekämpft habe". Schmerzlich vermisst er in der heutigen Zeit christliche Eckpfeiler wie Glaube, Gnade, Demut oder ganz einfach ein friedliches Miteinander. Es könne doch nicht sein, dass der Mensch nur noch von der Konsumgesellschaft beherrscht werde, Lebenspartner sich hauptsächlich über Agentur oder Internet suchen und vielleicht sogar finden - mit welchen Auswirkungen auch immer.


Rausch der Kommunikation

Nahezu verzweifelt stellt Luther auf seiner Zeitreise fest, dass die Leute durch die Vielzahl elektronischer Medien in einen regelrechten "Rausch der Kommunikation" verfallen seien, ohne sich wirklich etwas Wesentliches zu sagen, das ihrem Leben einen Sinn gibt oder wenigstens einen konstruktiven Erfahrungsaustausch ermöglicht. Auch das Böse habe im Laufe der Zeit leider nichts von seiner Macht und Faszination zugleich verloren, nur komme es heute eben anders daher als vor 500 Jahren, sinniert er.


Sich der Wahrheit stellen

Das Mysterienspiel macht einen Zeitsprung, es ist sieben Jahre später. Luther und die Karnevalistin begegnen sich "durch Zufall" erneut. Sie hat inzwischen geheiratet, ein gesundes Kind bekommen, besitzt ein großes Haus sowie ein komfortables Auto und fliegt regelmäßig in den Urlaub. Trotz ihres vermeintlichen Glücks muss sie ihrem Gesprächspartner aber resigniert gestehen, sie habe niemals konkret hinter die alles verdeckende Fassade geblickt: "Ich bin so leer." Luther findet es zwar nach wie vor furchtbar mitanzusehen, "was da bei euch läuft". Einen Tipp hat er dennoch parat. Sich der Wahrheit zu stellen, sei immer hilfreich - trotz Schmerzen. Da ist beim Zuschauer dann allerlei Spielraum für individuelle Interpretationen. Eine Auslegung könnte beispielsweise lauten: "Gott zeigt zwar den Weg, die Strecke muss mit seiner Hilfe aber jeder für sich gehen."
Am Ende der Aufführung bleibt beim Publikum trotz diverser heiterer Passagen, die das Stück zweifellos beinhaltet, eine gewisse Nachdenklichkeit. Aber die ist laut Pfarrer Gerd Kirchner, der für Konzeption, Realisierung und Regie verantwortlich zeichnete, durchaus beabsichtigt: "Wir wollten Luther einmal jenseits jener Facetten zeigen, die heute vermeintlich jeder von dieser Persönlichkeit kennt." Und wenn das Konterfei des Reformators zum Jubiläum sogar von Keksen, Gummibärchen oder Bierflaschen prangt, dann sei es doch nur recht und billig, der Fantasie über den "Mann des Kirchenjahres" mit all seinen Ecken und Kanten freien Lauf zu lassen.
Der Termin für die Wiederholung der Aufführung ist am Samstag, 28. Oktober, um 19.30 in der Kirche Geroda.