Es sind harte Zeiten, die hinter Bewohnern, Angehörigen und Pflegenden liegen. Der Wunsch nach ein bisschen Normalität ist groß. Die Hoffnung: Noch eine letzte Kraftanstrengung, bis alle, die es wollen, geimpft sind, bis dahin keine neue Infektionen und dann - endlich - wieder mehr menschliche Kontaktmöglichkeiten.

Die Impfungen schreiten im Landkreis seit dem 27. Dezember langsam voran. Immer wieder sei es zu Termin-Absagen gekommen. "Eine Vollkatastrophe" sei es, sagt Volker Göbel von der Diakonie Schweinfurt, "wenn 15 Minuten vorher überraschend die Nachricht vom Impfzentrum kommt, wir kommen doch nicht". Alles im Seniorenheim müsse schließlich vorbereitet sein, und alle Mitarbeiter seien da.

Lieferung aus Würzburg

Der Impfstoff wird aus Würzburg geliefert. Vom Landratsamt heißt es, man könne nicht vorhersagen, zu welchem Zeitpunkt und mit welcher Menge an Impfstoff der Landkreis versorgt werde. Die Planung ist schwierig.

"Das Team vom Impfzentrum ist sehr bemüht, aber es ist ernüchternd für uns, wenn die Impfungen nicht so durchgeführt werden, wie wir wollen", sagt Marco Schäfer, Vorstand der Carl von Heß'schen Sozialstiftung. Er steht sieben Senioren-Einrichtungen im Landkreis vor.

Jeder Tag ist wichtig

"Das macht mich schon zum Teil wütend", sagt Schäfer. Mit jedem Tag, der verstreiche, bestehe das Risiko, dass sich erneut Menschen mit dem Virus anstecken.

Anzahl der geimpften Bürger

Insgesamt sind bislang 1 618 Bürger und Bürgerinnen im Landkreis gegen Covid-19 geimpft worden, die Mehrzahl davon in Pflegeheimen. "Bisher konnten wir etwa in drei Viertel der stationären Einrichtungen impfen", teilt Nathalie Bachmann von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landratsamtes mit.

Wer schon geimpft ist

Auf der Prioritätenliste stehen Bewohner von 25 stationären Seniorenheimen, von fünf ambulant betreuten Wohngemeinschaften und von 13 Behinderten-Einrichtungen. Die erste Impfdosis erhalten haben etwa die Bewohner und ein Teil der Mitarbeiter des Seniorenheimes Haus Rafael in Zeitlofs, des Seniorenhauses Thulbatal in Oberthulba, des Dr. Maria Probst Seniorenheimes in Hammelburg, des Seniorenhauses in Euerdorf und des Juliusspitals in Münnerstadt. Auch die Bewohner des Pflegezentrums Theresienstift in Bad Kissingen, des Seniorenhauses Kramerswiesen in Oerlenbach und des Erhard-Klement-Hauses in Maßbach sind geimpft.

Seniorenzentren zurückgestellt

Aber etwa das Seniorenzentrum St. Elisabeth in Münnerstadt und das Seniorenzentrum Waldenfels in Bad Brückenau sollten zunächst zurückgestellt werden, weil dort in den vergangenen Wochen Infektionen festgestellt wurden. Für Schäfer eine unverständliche Entscheidung. "Da konnte mir keiner eine vernünftige Erklärung geben."

Er findet: Es sei wichtig, Bewohner und Mitarbeiter, die sich nicht angesteckt hätten, zu schützen. Er verweist auf das Schreiben des Staatsministeriums vom 6. Januar. Schäfer will noch mal beim Impfteam anfragen, ob nicht doch ein früherer Impftermin möglich sei.

Impfbereitschaft

98 Prozent der Heimbewohner möchten sich impfen lassen, schätzt Göbel. "Bisher gibt es niemanden, dem die Impfung nicht bekommen hat", sagt Schäfer. Die Akzeptanz des Impfstoffes sei bei den Mitarbeitern in den Pflegeheimen bisher gering. "Wir haben keine Impf-Verweigerer, aber viele Mitarbeiter wollen noch abwarten", sagt Göbel.

Monatelange Kraftanstrengung

Eingeschränkte Kontakte über Monate, Besuch nur mit Test, ständige Sorge vor Ansteckungen, Festtage unter erschwerten Bedingungen und ein zusätzlicher Bürokratieaufwand für Mitarbeiter. Das alles hat viel Kraft gekostet.

Die Mitarbeiter hätten Überstunden ohne Ende gemacht, sagt Göbel. Man sei wirklich an einer Grenze. "Es gibt keinen Spielraum mehr." Es sei zunehmend schwierig, die Motivation der Mitarbeiter zu halten, berichtet auch Schäfer.

Wust an Formularen

Auf die Mitarbeiter würden von der Politik immer wieder neue Aufgaben "abgewälzt", sagt Göbel. Alle Mitarbeiter müssen zweimal in der Woche mit einem Schnelltest getestet werden. Die Impf-Vorbereitungen bedeuten für die Heime einen Wust an Formularen und Einverständniserklärungen.

Anfang Dezember fehlte den Einverständniserklärungen des Robert-Koch-Instituts etwa ein Absatz, der über mögliche Nebenwirkungen aufklärte, berichtet Schäfer. Alle bereits unterschriebenen Formulare seien plötzlich ungültig geworden. Also alles von vorne.

Großer Verwaltungsaufwand

"Ein riesen Verwaltungsaufwand", sagt Göbel. Er findet: "Die eigentliche Aufgabe unserer Mitarbeiter ist es, Menschen zu betreuen. Dafür braucht man Zeit, aber die haben wir nicht mehr." Gerade in schwierigen Zeiten brauchten die Menschen mehr Ansprache, nicht weniger. "Menschen, die mit ihnen spielen und sprechen. Aber das Gegenteil ist der Fall."

Diakon Christoph Glaser betreut als Seelsorger mehrere Seniorenheime in Bad Kissingen. Die Einrichtungen direkt zu besuchen, ist für ihn aktuell kaum durchführbar. In Bereichen, in denen es um Betreutes Wohnen geht, sind Besuche teilweise möglich, im Pflegebereich finden sie nicht mehr statt. Sowohl aus Sicherheitsgründen, aber auch weil die Pflegebedürftigen ihn in voller Schutzmontur entweder nicht verstehen oder nicht erkennen.

Seelsorge übers Telefon

Dabei ist der Bedarf groß: "Die Tage sind lang. Es gibt viele, die sehnen sich nach einem guten Wort und Zuwendung", sagt er. Kontakt in die Heime halten er und zwei Kollegen in Form eines monatlichen, schriftlichen Grußwortes sowie über Anrufe.

Seine Erfahrung dabei: Die Senioren mühen sich um Zuversicht. "Sie bringen viel Verständnis dafür auf und wollen durchhalten", berichtet Glaser.

Trost spenden

Demenzkranke und Hochpflegebedürftige seien am schlimmsten vom fehlenden persönlichen Kontakt betroffen. "Sie wissen gar nicht mehr, was mit ihnen geschieht. Sie vereinsamen. Und sie werden noch sprachloser, als sie es ohnehin schon waren", beschreibt der Diakon seine Erfahrungen. Dass er als Seelsorger hier keinen Trost spenden kann, empfindet er als Belastung. Er sagt: "Aber es ist leider so, dass sie es aushalten müssen. Das ist das Dilemma."

Todesfälle

Seit Beginn der Pandemie sind in Pflegeheimen im Landkreis 43 Menschen verstorben, die mit Covid-19 infiziert waren. Die Einrichtungen werden im Folgenden aufgezählt, die Zahl in der Klammer gibt die Todesfälle an: Seniorenheim Bürgerspital, Hammelburg (6); Pflegeheim Kramerswiesen, Oerlenbach (6); Seniorenzentrum St. Elisabeth, Münnerstadt (11); Kurstift, Bad Brückenau (3); Seniorenzentrum Waldenfels, Bad Brückenau (2); Seniorenresidenz Parkwohnstift, Bad Kissingen (11); Pflegezentrum Theresienstift, Bad Kissingen (3), Azurit Pflegezentrum, Bad Bocklet (1). (Stand: 15.01.2021)

Artikel von: Benedikt Borst und Charlotte Wittnebel-Schmitz