Ein Sitzplatz war nicht mehr zu ergattern. Die Fensternischen waren besetzt, die Säulen dienten als Rückenlehnen und selbst Stehplätze waren Mangelware. Wo sonst als in Europas größter und vielleicht schönster Wandelhalle ließ sich weihnachtliche Stimmung stilvoller fortsetzen in diesen Tagen als in der Bad Kissinger Wandelhalle. Herrlich. So geschehen bei der Weihnachtsmatinée der Staatlichen Kurkapelle.
Was für ein Ereignis.
Es wartete nach der Bescherung am Heiligen Abend und dem Festtagsfrühstück mit der Weihnachtsmatinée des Kurorchesters ein hoch willkommener musikalischer Konzertgenuss auf Kurgäste, Urlauber und Einheimische. Unschwer vorauszusagen, dass der Kissinger Winterzauber damit seine bisher publikumsträchtigste Veranstaltung erlebt hat.

Das Märchen vom Nussknacker

Freilich hatte der Vormittag auch alles parat, was einen Publikumsrenner ausmacht. Da beginnt Elena Iossifova, die Leiterin und Frontfrau des Kurorchesters, die musikalischen Darbietungen mit dem Puppenwalzer aus dem Ballett "Die Puppenfee" des österreichischen Komponisten Josef Bayer. Und sie tut das ganz im Stil der österreichischen Komponisten jener Zeit, Strauß lässt grüßen. Als Dirigentin und erste Geigerin agiert sie dabei einladend vor dem Orchester, wird zur Mittlerin zwischen Musikern und Publikum und schon ist das Eis gebrochen, schon sind die Zuhörer mit eingängigen Melodien wunderbar mitgenommen in die Welt der Salonorchester aus der Wiener k.u.k. Glanzzeit.

Ohne die Klassiker geht es nicht

Natürlich kommt ein Weihnachtskonzert nicht ohne die Klassiker aus - Tschaikowskis Nussknacker-Suite, E.T.A. Hofmanns Märchen. Die verfehlten auch in der Wandelhalle ihre Wirkung nicht, zumal sich Sebastian Keen als äußerst charmanter und einfühlsamer Erzähler erwies. Keen, von Haus aus Solo-Violoncellist der Meininger Hofkapelle, verstand es, nicht nur pointiert und ausdrucksstark zu lesen, sondern Spannungsbögen aufzubauen und das Publikum verstehend in die Musik hineinzuführen. Da war man richtig gespannt, wie die Schlacht des Spielzeugsoldaten gegen den Mäusekönig musikalisch umgesetzt wird und schwebte beim Tanz der Zuckerfee im Geiste als Ballerina über dem Parkett.
Auch festliche Trompetenklänge gehören zu einem Weihnachtskonzert: Georg Friedrich Händels: "The trumpet shall sound" gab Reinhold Roth (Trompete) und Roman Riedel (Posaune) Gelegenheit, sich als exzellente Solisten auszuweisen. Mit strahlendem fortissimo der Trompete und den weichen Posaunenklänge spielten sie Händels Arie aus dem Messias feingliedrig und überzeugend.

Weihnachtlich-festlich

Es ist neben Bach's Oratorium vielleicht das Weihnachtskonzert schlechthin, Arcangelo Corellis Concerto grosso Nr. 8. Wohl kaum eine Musik entspricht offensichtlich der Vorstellung von Weihnachten so sehr, wie die des italienischen Barockkomponisten. Wenn es weihnachtlich-festlich sein soll, kommt kaum eine Gala ohne "fatto per la notte di natale" aus, wie der Untertitel heißt. Und die Pastorale, der letzte Satz, ist eines der populärsten klassischen Werke überhaupt.

Souveräne Vorstellung

Da muss man schon großes Vertrauen in die eigene Gestaltungsmöglichkeit besitzen, wenn man das Stück, das hundertfach in unterschiedlichsten Besetzungen von großem Orchestern, oder als solistisches "Concertino" gespielt wird, in einer eigenen Zusammenstellung präsentiert. Aber das Kurorchester kann das auch, problemlos. Elena Iossifova überzeugte als souveräne Violinenvirtuosin. Den sonst üblichen Part der zweiten Geige übernahm die weiche Oboe von Joachim Bannasch. Elia Zurkovski, fügte mit dem Violoncello sattrunde Streicherkänge zum Quartett und Christoph Staschowski's vielseitiges E-Piano steuerte ergänzende Akzente zum harmonischen Klangbild. Das gelang bei den ersten fünf Sätzen ausgezeichnet.
Wie wandlungsfähig das Kurorchester unter Iossifovas Leitung geworden ist, zeigten die Musiker beim abschließenden "White Christmas", das sie lebendig und stilsicher im Sound der großen amerikanischen Ballroom Orchester spielten. Das klang so gar nicht nach betulichem Kapellenspiel, da klang professioneller Sound durch die Wandelhalle.

Weihnachtsmaus und Täterätätä

Für den Übergang zu den einzelnen Stücken hatte der Conférencier Keen jeweils ein kleines Gedicht parat. Mal besinnlich mit Eichendorff's "Winterwald" zu Tschaikowsky oder Hermann Hesse als Übergang zu Händel. Die heitere "Weihnachtsmaus" von James Krüss passte da perfekt zur Zugabe mit der schmissigen Version des Volksliedes "Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä" bei der das begeisterte Publikum rhythmisch mitklatschte. Na ja, schließlich ist es nicht mehr weit bis zum Wiener Neujahrskonzert und seinem unverzichtbaren Katschen beim Radetzkymarsch, womit wir wieder bei den glanzvollen vergangenen Zeiten wären.