Wer nicht im Homeoffice arbeitet, sondern ins Büro, in die Werkshalle oder auf die Baustelle kommen muss, der soll die Möglichkeit haben, sich auf das Coronavirus testen zulassen. Zumindest ist das der Wunsch der Bundesregierung. Beim letzten Krisengipfel der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten vor Ostern wollte die Politik den Unternehmen allerdings noch keine Testpflicht am Arbeitsplatz vorschreiben, sondern erst einmal abwarten, was eine Selbstverpflichtung bringt. Berlin und Sachsen haben eine solche Testpflicht eingeführt. In den übrigen Ländern sind die Unternehmen angehalten, ihren Mitarbeitern freiwillig Testangebote zu machen.

Inzwischen halten auch im Landkreis Bad Kissingen und der Region Main-Rhön viele Arbeitgeber Selbsttests für ihre Belegschaft vor, oder sie planen zumindest, es zu tun. So kommt beispielsweise der Fertighaushersteller Hanse Haus (Oberleichtersbach, 850 Mitarbeiter) der Empfehlung der Bundesregierung nach und hat Selbsttests geordert. "Wir gehen davon aus, dass diese ab dem 19. April zur Verteilung an die Mitarbeiter zur Verfügung stehen", berichtet Marketingleiter Sebastian Gensichen. Jedem Mitarbeiter, der nicht dauerhaft zuhause arbeitet, soll ein Selbsttest pro Woche zur Verfügung stehen. "Die Tests sind freiwillig und nur ein Angebot", betont er. Das Unternehmen sieht die Schnelltests als eine Maßnahme von vielen für den Infektionsschutz im Betrieb.

Manche Betriebe testen schon seit Monaten

Im Baugewerbe müssen die Mitarbeiter präsent sein. "Wir haben vor einem halben Jahr angefangen, unseren Mitarbeitern im Verdachtsfall Coronatests anzubieten", sagt Lucas Zeitz, Marketingleiter bei Schick. Das Kissinger Bauunternehmen kooperiert dazu seit mehr als einem halben Jahr mit dem Kissinger Labor Laboklin. Besteht ein Coronaverdacht, werden die Mitarbeiter von Laboklin getestet, die Schickgruppe trägt die Kosten. Aktuell hat die Firma außerdem Schnelltests besorgt, mit denen sich die Mitarbeiter im Verdachtsfall ebenfalls testen können. Eine Ausweitung der Tests auf ein bis zwei Mal pro Woche je Mitarbeiter sieht das Unternehmen skeptisch. "Bei 500 Mitarbeitern sind das 50 000 bis 100 000 Euro Vollkosten pro Woche", begründet Zeitz.

Bei Siemens Deutschland - im Werk in Bad Neustadt sind gut 2300 Mitarbeiter beschäftigt - gehören laut einer Sprecherin Testangebote ebenfalls schon länger zum Schutzkonzept. Mitarbeiter werden demnach anlassbezogen seit Beginn der Pandemie getestet. "Wir unterstützen die Teststrategie des Bundes und wir überprüfen ständig, inwieweit eine Ausweitung im Hinblick auf eine weitere Risikoreduktion sinnvoll und möglich ist ", teilt die Sprecherin mit. Die Mitarbeiter arbeiten wo möglich im Homeoffice. Den übrigen will der Großkonzern, sobald ausreichend Antigen-Selbsttests zur Verfügung stehen, ein bis zwei pro Woche anbieten. Die Ausgabe organisieren die jeweiligen Standorte selbst.

ZF bietet Mitarbeitern zwei Tests pro Woche

Die 9000 ZF-Mitarbeiter in Schweinfurt haben seit Ende März die Möglichkeit, sich auf Corona zu testen. "Seit Ende März stehen bei uns Tests zur Verfügung", berichtet eine Sprecherin des Automobilzulieferers. Zwei Selbsttests wöchentlich werden für die Beschäftigten vorgehalten, die zum Arbeiten ins Unternehmen kommen. Die Tests sind freiwillig, die Ergebnisse werden weder kontrolliert, noch dokumentiert. Das Unternehmen setzt auf die Eigenverantwortung. "Wir haben eine Empfehlung kommuniziert. Sollte ein Test positiv sein, sollte der Mitarbeiter sich umgehend in Quarantäne begeben und sich beim Hausarzt oder in einem Testzentrum mit einem PCR-Test auf Corona testen lassen", sagt die ZF-Sprecherin. Gerade die Arbeiter in der Produktion seien auf die Tests angewiesen und nehmen davon auch Gebrauch. "Da ist die Rückmeldung gut."

Wirtschaftsverbände Sachstandsbericht vorgelegt

Die Spitzenverbände der Deutschen Wirtschaft haben am 4. April einen Sachstandsbericht "Wirtschaft testet gegen Corona" veröffentlicht. Bei der Erhebung gaben acht bis neun von zehn Unternehmen an, dass sie bereits testen oder den Teststart unmittelbar vorbereiten. Laut Radu Ferendino, Pressesprecher der IHK Würzburg-Schweinfurt, ist die Lage in der Region Main-Franken ähnlich.

Die Wirtschaft hält eine Testpflicht für nicht notwendig und lehnt sie ab. Sowohl große Arbeitgeber wie auch kleinere Mittelständler kommen der Testempfehlung der Regierung nach. "Zahlreiche Praxisbeispiele auch in Mainfranken zeigen, dass eine engagierte Umsetzung in der Fläche erfolgt", sagt Ferendino. Eine Testpflicht am Arbeitsplatz wäre eine Misstrauenserklärung an die Unternehmen, die große Mehrheit würde in Mithaftung genommen für wenige schwarze Schafe.

Pragmatisches Vorgehen gefordert

Selbst wenn der Bund eine verbindliche Testpflicht beschließen würde, hieße das nicht automatisch , dass sie sich auch so einfach umsetzen lässt. Kritiker bemängeln: Lieferschwierigkeiten und Beschaffungsprobleme, arbeits- und datenschutzrechtliche Unsicherheiten, ein hoher Organisationsaufwand und ungeklärte Fragen - etwa wer im Unternehmen beaufsichtigt den Test und wer bescheinigt das Ergebnis - stellen die Betriebe vor Herausforderungen. Die Testungen am Arbeitsplatz müssten weiterhin freiwillig, pragmatisch und ergebnisorientiert stattfinden, fordert der IHK-Sprecher. Er weist zudem darauf hin, dass Bund, Länder und Kommunen in Sachen Tests ebenfalls gefordert sind, egal ob in Ämtern, bei der Müllabfuhr oder der Polizei. "Die öffentliche Hand darf von privaten Unternehmen nur das verlangen, was sie auch selbst leisten kann", betont Ferendino.