Barbara Mohr und Sebastian Kleinhenz, beide 28 Jahre alt, haben eine ausgiebige Radeltour von rund anderthalb Jahren hinter sich gebracht. Jetzt trafen sie in ihrem Heimatdorf Machtilshausen ein, wo auf sie ein feierlicher Empfang von Verwandten, Freunden und Dorfmusik wartete. "Es ist schön, die vertrauten Gesichter wieder zu sehen", sind sie glücklich.
"Eine komplette Weltreise war es nicht", wehrt Sebastian ab. Aber nach den geradelten rund 22 500 Kilometern gerechnet war es der halbe Erdumfang. Glücklich und völlig entspannt sehen Barbara und Sebastian aus, als wären sie lediglich von einer Tagestour zurück gekommen. Ihre Fahrräder sind zum Reisemobil geworden. Barbara: "Ein Zelt braucht man für die lange Reise unbedingt. Und einen Kocher". Außerdem waren Schlafsäcke, Wäsche für warme und kalte Tage, Ersatzmaterial für das Fahrrad (zum Beispiel Kette und Speichen), sowie ein Laptop die unverzichtbaren Begleiter. "Unsere Fahrräder sind von einfacher Art, aber stabil und von guter Qualität", so Sebastian. Die hätten so schlechte Straßen gemeistert, wie es sie in Deutschland nicht gebe.


Die Welt mit eigenen Augen sehen

"Wir haben unsere Arbeitsplätze gekündigt, die Wohnung aufgelöst und unser Erspartes in die Hände genommen, um diese Fahrradreise durch Asien und Europa anzugehen", schildert Sebastian. "Wir wollten die Welt mit unseren eigenen Augen entdecken", sagt Barbara und verbessert sich: "Es war bloß die halbe Welt". Und dann bestätigen beide: "Für uns hat diese Reise unglaublich viele Veränderungen gebracht."
Man lerne sich auf einer solch langen Reise ganz anders kennen als daheim. "5-RRR-O" haben die Weltradler ihr Reiseprojekt getauft und erklären das so: "Rollende Räder Richtung Osten". Die Zahl 5 beziehe sich auf die Räderanzahl, zu der anfangs ein Rad des Anhängers gehörte. "Den Hänger brauchten wir aber schon bald nicht mehr", so Sebastian.
Über fremde Regionen erhalte man radelnd Ansichten und Einsichten, die man sonst nicht bekommen hätte. "Mit dem Auto hätten wir nie so bodennahen Kontakt zu den Leuten bekommen wie als Radfahrer", so Sebastian. Vorurteile über fremde Länder, die sie noch vor der Reise per Fernsehen gehabt hätten, seien rasch über den Haufen geworfen worden. Das machen sie am Beispiel Iran fest: "Unsere Freunde daheim hatten uns abgeraten, dort hin zu fahren. Ja, sie hatten uns nahezu für verrückt erklärt", schildert Sebastian. Er habe vor Ort jedoch die Erfahrung gemacht, dass er weder beraubt noch gekidnappt worden war. "Die Iraner waren die freundlichsten Leute aller 27 Länder, die wir besuchten", so Sebastian.


Bis nach Hanoi

Auf der historischen Seidenstraße führte der Weg weiter bis nach China und Vietnam. Hanoi sei der weiteste Reisepunkt im Osten gewesen und im Süden Singapur. Sebastian nennt noch Turkmenistan, Usbekistan und Samarkand. "Verständigt haben wir uns hauptsächlich mit den Händen", sagt Barbara. Denn die Bewohner in diesen fernen Ländern hätten allenfalls Russisch verstanden, keinesfalls aber Englisch. Mit Ausnahme des Iran, wo es manchmal einen Englischlehrer gebe. "Weiter östlich galten wir als die Ungebildeten, weil wir kein Russisch sprechen konnten", erinnert sich Sebastian. Extreme Temperaturen über 50 Grad und die Luftfeuchtigkeit seien weitere Herausforderungen auf der Reise gewesen.
Sebastian: "Es war manchmal recht brutal mit den extremen Temperaturen." Da habe nur geholfen, früh aufzustehen und möglichst in den Morgenstunden einen guten Teil der Tagesreise zurückzulegen. "Spätestens um 6 Uhr waren wir auf den Rädern", sagt er. Ab 11 Uhr sei es unerträglich gewesen mit dem Radeln. Abends vielleicht noch eine Stunde. In Asien waren die reisenden Europäer etwas Besonderes. Barbara: "Allein schon wegen unserer langen Nasen, die manche sogar einmal anpacken wollten". Aber sie seien überall freundlich empfangen worden und mitunter zum Essen oder Übernachten eingeladen worden. "Kein Problem hatten wir Christen gerade in den muslimischen Ländern", bestätigt Sebastian. Gut sei es auch in buddhistischen Regionen gewesen.


Tagebuch geschrieben

Freilich sei auch das aktuelle Flüchtlingsthema ihnen über den Weg gelaufen, bestätigt Barbara. "Als wir nach Athen kamen, sind wir vielen Flüchtlingen begegnet und haben auch Kontakt mit denen aufgenommen", sagt sie. Den Kontakt zur Heimat Machtilshausen konnten Barbara und Sebastian nicht täglich halten. Allein wegen des fehlenden Handy-Empfangs in einsamen Gegenden oder wegen nicht vorhandener Stromversorgung. "Aber unser Tagebuch haben wir geschrieben, um es für unseren Internet-Blog zu veröffentlichen", sagt Sebastian. Dort könne man auch einen Teil der 14 000 Fotos finden, die auf der Reise geschossen wurden (www.5rrro.de). "Im Hinterkopf ist bei uns drin, dass sich das Leben für uns jetzt wieder ändert", sagt Sebastian. Vor der Reise arbeitete er als Mechatronik-Ingenieur. Nun müsse er nach einem neuen Job Ausschau halten. Barbara ist jetzt weiter Ergotherapeutin. "Ich habe gelernt, dass ich jetzt Ausländer aus anderen Kulturkreisen besser verstehen kann", sagt sie. Sebastian: "Es hat sich gelohnt, und ich würde keine Sekunde darüber nachdenken, ob ich die Reise besser nicht unternommen hätte."
Auch gesundheitlich sei alles gut gelaufen. "Im ersten Teil der Reise habe ich etwa sechs Kilo abgenommen", so Sebastian. Spätestens in Singapur habe er die und noch mehr Kilos wieder zugenommen. Jetzt habe sich sein Gewicht auf den normalen Wert eingependelt. Die Muskulatur habe sich ganz dem Radeln etwas einseitig angeglichen, so Sebastian. Als kulinarische Besonderheiten, die sie zum Teil recht zögerlich probierten, nennen die Weltradler die Beispiele "Ploff" (Reis mit Karotten und Hammelfleisch), chinesische Hühnerfüße und gebratene marinierte Heuschrecken. Ein paar Ideen für exotische Speisen versuchen die Reiserückkehrer jetzt hier für die Heimat erträglich umzusetzen.


17 Monate unterwegs

Für die Reise von 17 Monaten haben beide rund 15 000 Euro ausgegeben. Das sind umgerechnet täglich knapp 15 Euro pro Nase. Sieben Fahrradreifen wurden erneuert und unzählige Platte geflickt. "Die Idee für diese Reise hatte ich schon lange in meinem Hinterkopf", verrät Sebastian. Ihn habe dieWelt außerhalb Europas schon immer interessiert. Vor dieser langen Reise hatten Barbara und Sebastian schon diverse Reisen durch Europa absolviert. "Das Fahrrad ist für uns das richtige Fortbewegungsmittel, um Leute kennen zu lernen." "Man hört und riecht radelnd viel mehr als im abgeschotteten Auto."