Die Stadträte waren von den Schilderungen sichtlich betroffen. "Eine Erstklässlerin hat einem anderen Kind ein Messer an den Hals gehalten und gesagt, ich stech dich ab", berichtete Simone Albert. Das war einer von "drei heftigen Fällen", die die Grundschulleiterin in der Sitzung am Montagabend vortrug. Zudem erzählte sie von einem Schüler der 4. Klasse, der zu Hause offenkundig schwer misshandelt wurde. Und dann gab es noch einen Drittklässler, der Mitschüler auf dem Heimweg so sehr drangsalierte, dass sie sich nicht mehr aus dem Schulgebäude trauten.

Mit der großen Mehrheit der Schüler gebe es keine Probleme, betonte Albert, doch die Zahl der schwierigen Fälle sei von Jahr zu Jahr gestiegen. "Rund 20 Prozent der Kinder zeigen mittlerweile ein auffälliges Sozialverhalten", so Albert. Bei drei Prozent sei ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) diagnostiziert worden, vermutlich seien aber etwa 15 Prozent betroffen. 21 Prozent der Mädchen und Jungen hätten einen Migrationshintergrund, und es gebe einen relativ hohen Anteil allein erziehender Mütter oder Väter. "Wir gehen als Lehrer teilweise an unsere Grenzen", machte die Schulleiterin deutlich, dass die Hilfe einer Fachkraft dringend nötig sei.

"Eltern ins Boot holen"

Ein ähnliches Bild zeichnete auch Ingeborg Hoffmann, Leiterin der Mittelschule. Knapp 30 Prozent der Schüler fielen durch ihr Verhalten auf, in der 5. Jahrgangsstufe seien es sogar 60 Prozent. Sie listete anhand einer besonders schwierigen Klasse dort auftretende Probleme auf. Hierzu zählten Gewalttätigkeit, Angstzustände, Lernschwäche, Borderline-Syndrom, Bettnässen, ADS und ADHS und diverse andere psychische Störungen.
In den oberen Jahrgangsstufen gebe es Schüler, die Alkohol und Drogen konsumierten, die Schule schwänzten, sich selbst oder andere verletzten, in psychiatrischer Behandlung seien. Auch Verwahrlosung sei sogar schon ein Thema gewesen, so dass das Jugendamt habe eingreifen müssen.

"Wir versuchen, vieles über Gespräche abzufangen, schalten den Schulpsychologen ein, doch die Stunden reichen nicht", berichtete Hoffmann. Ganz wichtig sei es, die Eltern ins Boot zu holen. Doch das könnten die Lehrer nicht leisten. "Unsere Ressourcen sind erschöpft. Wir brauchen zusätzliche Kräfte, die in die Familien gehen, weil viele Probleme dort ihren Ursprung haben", weiß die Schulleiterin.

Bürgermeister Ernst Stross (SPD) plädierte dafür, auf die "Hilferufe der Schulleiter" zu reagieren und eine Vollzeitstelle in der Jugendsozialarbeit für beide Schulen einzurichten.

Landkreis mit Nachholbedarf

Siegbert Goll, Leiter des Jugendamtes Bad Kissingen, informierte, dass eine Vollzeitstelle brutto 52 300 Euro jährlich koste, womit Personal- und Sachkosten abgedeckt seien. Der Staat schieße 16 360 Euro zu. Der Landkreis und die Stadt müssten "als Minimum" jeweils rund 15 000 Euro übernehmen. Zehn Prozent finanziere zudem der freie Träger der Jugendsozialarbeit. Im Landkreis seien die gfi (Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration) und das Rote Kreuz in diesem Bereich tätig.

Schulamtsleiter Josef Hammerl sprach sich für die Schaffung einer Stelle an der Grund- und Mittelschule Hammelburg aus. Der Landkreis Bad Kissingen sei der einzige in Bayern, der noch kein solches Projekt in diesem Schulbereich angesiedelt habe. "Erfahrungsberichte zeigen, dass wenigstens jeder dritte Schüler von der Jugendsozialarbeit profitiert", so Hammerl.

Stadträtin Ursula (SPD) zeigte sich "erschüttert" über die Verschlechterung der Situation an den Schulen. Der Druck auf die Kinder müsse zurückgenommen und sich um benachteiligte Schüler gekümmert werden. CSU-Stadtrat Armin Warmuth berichtete von einer 1. Klasse, in der neun von 25 Kindern einen Migrationshintergrund hätten. "Drei von ihnen sprachen bei der Einschulung kein Wort Deutsch", so der künftige Bürgermeister. Die Lehrer bräuchten dringend Unterstützung. Der Bedarf für Jugendsozialarbeit sei ohne Zweifel da. Auf Nachfrage der 3. Bürgermeisterin Elisabeth Wende (CSU) erklärte Schulleiterin Ingeborg Hofmann, dass schon ein Raum vorhanden sei, der von dem Sozialarbeiter oder der Sozialarbeiterin genutzt werden könnte.

"Nicht nur Migranten"

Christian Fenn hielt fest, dass die angeführten Probleme bei Schülern schon seit vielen Jahren bekannt seien. "Es ist höchste Zeit, etwas zu tun", bekräftigte der Stadtrat der Jungen Liste. Im Übrigen gehe es nicht nur um Migranten, auch viele Einheimische hätten große Schwierigkeiten.

Einmütig schloss sich der Hammelburger Stadtrat der von Bürgermeister Stross formulierten Beschlussvorlage an. Demnach schließt sich die Stadt dem Finanzierungsmodell des Landkreises an und zahlt ab dem Schuljahr 2015/2016 jährlich 15 400 Euro für die Einrichtung einer Vollzeitstelle in der Jugendsozialarbeit an den beiden Hammelburger Schulen.