Im Hotel Sonnenhügel trafen sich Fachleute aus Justiz, Kriminologie und Sozialpädagogik mit ehrenamtlichen Konfliktschlichtern zum 16. Forum für Täter-Opfer Ausgleich (TOA). Ein hochkarätig besetztes Podium des Fachverbands für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik (DBH) zeigte die Chancen auf, die der TOA für Opfer, Täter und Justiz bietet.
Silke Menn-Quast, Leiterin der Fachstelle für Täter-Opfer Ausgleich in Siegen verwendet ein drastisches Beispiel um ihre Aufgabe als Mediatorin im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs zu verdeutlichen: Als Maria K. an einer Ampel hält, steigt ein Mann zu ihr ins Auto, bedroht sie mit einem Messer und zwingt sie in die Stadt zu fahren. Für die junge Frau folgen die schlimmsten Minuten ihres Lebens. Sie entkommt zwar an einer Bushaltestelle und obwohl sich der Täter noch am gleichen Tag stellt, werden die nächsten Monate für die Büroangestellte zur Hölle. Sie kann das Ereignis nicht verdrängen, kaum mehr schlafen, nicht mehr arbeiten und muss psychologisch behandelt werden.


Freiwillig und beidseitig

Vor dem anstehenden Strafprozess wird ihr die Möglichkeit eines Täter-Opfer-Ausgleichs (TOA) vorgestellt. Sie nimmt das Angebot an: Ja, sie will dieses Monster sehen, ihm ihre Qualen schildern. Auch der Täter will das, allerdings aus einem anderen Grund: Er bereut seine Tat zutiefst. Er hatte damals einen schizophrenen Anfall, ist inzwischen therapiert und stabil. "Der TOA ist freiwillig, jede Seite muss das wollen", sagt die Soziologin. Erst wird mit den betroffenen Personen einzeln gesprochen, bevor sich Täter und Opfer im Beisein eines Mediators gegenüberstehen, berichtet Frau Menn-Quast.
"Das Opfer (Maria K.) sieht heute das Gespräch mit dem Täter und die darin getroffenen Vereinbarungen als wirkungsvollsten Baustein ihrer Genesung", zieht die Diplom Sozialpädagogin eine positive Bilanz des Verfahrens.
Gerd Delattre, Leiter des Servicebüros für Täter-Opfer-Ausgleich und Konfliktschlichtung in Köln, das die Tagung veranstaltet hat, beschreibt auf der Pressekonferenz die Zielrichtung des Täter-Opfer-Ausgleichs als wirkungsvolles Mittel der Konfliktschlichtung. Viele Betroffene von Straftaten wollen sich Ängste von der Seele reden, Wiedergutmachung und Schadensersatz fordern. Auch viele Täter sind bereit, sich mit ihrer Tat in der persönlichen Begegnung mit dem Opfer auseinanderzusetzen.


Bürgernahes Angebot

Oft kennen sich Opfer und Täter, ist die Straftat Höhepunkt spontaner Auseinandersetzung oder eines längeren Prozesses. Der Täter-Opfer-Ausgleich ist ein bürgernahes Angebot der Befriedung, auch bei schweren Strafen meint der Leiter Delattre und sieht den Täter-Opfer-Ausgleich als notwendige Ergänzung zum Strafverfahren: "Ein Strafprozess kann oft den Bedürfnissen vieler Betroffener nicht gerecht werden."
Prof. Dr. Arthur Hartmann leitet das Institut für Polizei und Sicherheitsforschung in Bremen und stellt die wesentlichen Aspekte des Verfahrens heraus: Er betont, dass der Ausgleich, auf den sich beide Seiten einlassen, meist als fair empfunden wird. Zudem wirkt er auf den Tatverantwortlichen präventiv, weil vordergründige Beteuerungen und formalistische Entschuldigung hier nicht genügen.
Bis zu 30 000 Straftaten werden jährlich bundesweit im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs abgeschlossen. Trennung, Scheidung, Nachbarschaftskonflikte und Jugendkriminalität werden besonders häufig über den TOA entschieden. Mehr als die Hälfte der Geschädigten und 73 Prozent der Beschuldigten erklärten sich dazu bereit und meistens konnte eine Einigung erzielt werden.
"Dies entlastet auch die Gerichte", so der Wissenschaftler und verweist auf 450 Einrichtungen die Konfliktvermittlungen anbieten. Er erinnert an die Fähigkeit der Menschen, tagtäglich Konflikte ohne formelle Prozesse zu lösen. "Daran knüpft der TOA an und fördert so den sozialen Frieden."

Definition Der TOA ist eine Methode zur Konfliktbewältigung, bei der Geschädigte und Beschuldigte die Möglichkeit haben, ihren Konflikt selbstverantwortlich mit Hilfe von neutralen Personen (Mediatoren) zu vereinbaren.

Vorgehensweise Auf freiwilliger Basis können Opfer und Täter nach der TOA-Richtlinie im Strafrecht einen Täter-Opfer-Ausgleich vereinbaren, unabhängig davon, um welche Straftat es sich handelt. Er kann in jedem Stadium eines Strafverfahrens vereinbart werden. In vielen Fällen kommt es dann nicht mehr zum Prozess. In getrennten Vorgesprächen wird versucht herauszufinden, worum es dem Opfer geht und ob der Täter zu seiner Verantwortung steht. In weiteren gemeinsamen Gesprächen unter Mitwirkung eines Mediators werden die offenen Fragen besprochen und eine Wiedergutmachung, etwa Schmerzensgeldzahlung und/ oder Schadensersatz ausgehandelt.
Zielsetzung Am Ende steht eine für beide Seiten verbindliche Vereinbarung. Die Justiz entscheidet, ob das Verfahren eingestellt wird oder der TOA zu einer geringeren Strafe führt.