Es ist vollbracht: Nach rund drei Jahren Arbeit schließt das Jugendamt Bad Kissingen die repräsentative Jugendbefragung 2013 bald ab. 704 Seiten umfasst der Abschlussbericht, der jede Menge Grafiken und Handlungsempfehlungen enthält. "Der Bericht wird in den kommenden Wochen verschickt", kündigte Melanie Schäfer vom Jugendamt in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses an. Damit sei aber die Arbeit nicht abgeschlossen: "Es ist natürlich ganz wichtig, dass die Maßnahmen jetzt auch umgesetzt werden", rief Schäfer zur Mitarbeit auf.
"Die Ergebnisse sind ein Spiegelbild dafür, was die Jugendlichen heute an Bedürfnissen haben", fasste der stellvertretende Landrat Emil Müller (CSU) die Studie zusammen. Das Jugendamt kündigte an, einzelne Ergebnisse und die abgeleiteten Empfehlungen unters Volk zu bringen: Unter anderem bei der Vollversammlung des Kreisjugendringes hat sich Melanie Schäfer bereits eingeladen.


Ablehnung nahm seit 1999 zu

Eines von vielen abgefragten Themen (siehe Info-Kasten auf Seite 5) war die Einstellung der Jugendlichen zur Gewalt. "Insgesamt ist die Ablehnung von Gewalt größer geworden", fasst Melanie Schäfer das wichtigste Ergebnis zusammen. Der Aussage "Ich verabscheue jede Art von Gewalt" stimmten bei der aktuellen Befragung 78,0 Prozent der 1242 befragten Jugendlichen zu. Bei der vorhergehenden Befragung aus dem Jahr 1999 waren es 76,6 Prozent.
Geblieben ist die Geschlechterverteilung: Währnd 89,2 Prozent der Mädchen und jungen Frauen jede Art der Gewalt ablehnen, sind es bei Jungen und jungen Männern nur 66,8 Prozent. Eindeutig ist ein Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum: Die Jugendlichen, die angaben, nie Alkohl zu trinken, lehnten Gewalt zu 81,9 Prozent vollständig ab, bei den Jugendlichen, die wöchentlich Alkohol trinken, sind es nur 58,8 Prozent. "Das ist schon ein ganz eindeutiger Zusammenhang", kommentiert Schäfer dieses Ergebnis.
Die Daten der Studie decken sich mit den Erfahrungen von Matthias Göbhardt, der als Direktor des Amtsgerichts Bad Kissingen dem Jugendhilfeausschuss angehört. "Oft führt die Distanzlosigkeit durch Alkohol zu Übergriffen", berichtet er aus der Praxis, gerade bei Verhandlungen wegen sexuellen Missbrauchs. Diese Delikte und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz würden am Jugendschöffengericht eher zunehmen, dagegen gibt es einen positiven Trend: "In diesem Jahr verhandelte das Jugendschöffengericht bislang deutlich weniger Gewaltdelikte", zieht Göbhardt eine vorläufige Bilanz. Auf seinem Tisch landet alles, was eine Jugendstrafe nach sich ziehen könnte. Ein Schwerpunkt sei dabei aktuell der Eigenanbau von Cannabis-Produkten: Illegale Pflanzenzucht statt schwerer Körperverletzungen lautet also der Trend.

Melanie Schäfer ist im Bad Kissinger Jugendamt die Herrin über alle Zahlen: Hunderte von Diagrammen und tausende von Einzel-Ergebnissen hat sie in den vergangenen Monaten zum Abschlussbericht der Jugendbefragung 2013 zusammengefasst. Und trotzdem relativiert auch sie einzelne Ergebnisse: "Manche Aussagen machen nur einen Sinn, wenn man die Verhältnisse vor Ort beachtet", sagt sie über die Ausreißer zum Thema Gewalt im Landkreis. In Geroda und Thundorf etwa lehnen nur gut die Hälfte der Jugendlichen jede Art der Gewalt ab. In Wartmannsroth erwarten 29,2 Prozent, in Fuchsstadt 31,8 Prozent Zoff mit anderen Jugendgruppen, wenn sie mit der Clique unterwegs sind (siehe Grafik auf der Titelseite).


Ablehnung wächst mit dem Alter

Positiv sieht Melanie Schäfer auch, dass die Einstellung zu Gewalt mit zunehmendem Alter meist kritischer wird. Bei der generellen Ablehnung von Gewalt ist der Wert zwar bei den 12- bis 14-Jährigen am größten (79,6 Prozent). Danach sinkt die Ablehnung bei den 15- bis 17-Jährigen auf 75,5 Prozent und steigt bei den 18- bis 21-Jährigen auf 78,8 Prozent. Eindeutiger ist der Zusammenhang mit dem Alter beim kritischen Blick auf gewaltverherrlichende, extremistische und fremdenfeindliche Lieder und Texte: Daran stören sich nur 61,1 Prozent der 12- bis 14-Jährigen, aber 71,3 Prozent der 15- bis 17-Jährigen und 78,4 Prozent der 18- bis 21-Jährigen.
Die gewaltverherrlichenden Lieder, Texte und Filme sind der einzige Bereich mit einem negativen Trend im Themenfeld "Einstellung zur Gewalt": 1999 empfanden noch 77,4 Prozent der Jugendlichen im Landkreis solche Werk als schlimm, 2013 waren es nur noch 71,3 Prozent. "Das dürfte daran liegen, dass viele sich gar nicht mit dem Inhalt der Texte befassen", vermutet Melanie Schäfer.


Ergebnisse für die Bürgermeister

Ansonsten sind die Entwicklungen positiv: Der Aussage "Ich würde nie mit Gewalt meine Interessen durchsetzen" etwa stimmten bei der aktuellen Befragung 87,1 Prozent der 1242 Jugendlichen zu. 1999 waren es noch 80,1 Prozent. Bei dieser Aussage ist der Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Jugendlichen auch ziemlich gering: 85,3 Prozent der Jungen und jungen Männer würden nie Gewalt einsetzen, bei den Mädchen und jungen Frauen sind es 89,0 Prozent.
Bei der Altersverteilung gibt es auch hier eine eindeutige Steigerung: von 82,1 Prozent bei den 12- bis 14-Jährigen, über 86,8 Prozent bei den 15- bis 17-Jährigen auf 90,8 Prozent bei den 18- bis 21-Jährigen. Das Jugendamt vermutet, dass die Befragten die Aussagen vor allem auf körperliche Gewalt beziehen, psychische und verbale Gewalt oder gar Mobbing seien vielen wohl nicht bewusst.
"Die Bürgermeister bekommen alle Ergebnisse für ihre jeweilige Kommune aufgearbeitet", fasst Melanie Schäfer das weitere Vorgehen bei der Jugendbefragung zusammen. Gemeinsam mit Polizei und Jugendamt sollten sich die Kommunen dann die Ergebnisse - nicht nur zum Thema Gewalt - genauer anschauen.


Teilnahme Insgesamt wurden im Jahr 2013 im Landkreis Bad Kissingen 1242 von damals 12 011 Jugendlichen zwischen 12 und 21 Jahren befragt. Hier die Übersicht über die Zahl der befragten Jugendlichen (in Klammern Gesamtzahl): Aura 11 (116), Bad Bocklet 48 (480), Bad Brückenau 83 (715), Bad Kissingen 179 (1816), Burkardroth 93 (897), Elfershausen 49 (378), Euerdorf 17 (180), Fuchsstadt 22 (240), Geroda 9 (95), Hammelburg 138 (1401), Maßbach 63 (583), Motten 27 (235), Münnerstadt 90 (886), Nüdlingen 60 (559), Oberleichtersbach 29 (257), Oberthulba 78 (711), Oerlenbach 63 (633), Ramsthal 12 (132), Rannungen 15 (149), Riedenberg 12 (124), Schondra 24 (232), Sulzthal 10 (114), Thundorf 20 (179), Wartmannsroth 24 (255), Wildflecken 42 (402) und Zeitlofs 24 (242).

Verlauf Mit der Jugendbefragung hat sich der Jugendhilfeausschuss erstmals Ende 2012 befasst. Die ersten Fragebögen wurden im April 2013 verschickt. Damit die Studie in alle Kommunen repräsentativ ist, wurden bis Ende Juni noch weitere Jugendliche zur Teilnahme aufgefordert. Die Auswertung begann im August 2013 und dauerte bis Juni 2015. Der Abschlussbericht wird aktuell erstellt.
Themen Gefragt wurde nach zahlreichen Themen wie verbandliche Jugendarbeit, offene Jugendtreffs, finanzielle Situation, Konsum-Verhalten, Computer- und Internet-Nutzung, Ernährung, Drogen-Konsum, Gewalt, Prävention vor sexueller Gewalt, Integration, Schule, Ausbildung und Beruf, Selbstständigkeit, Freizeit, Mediennutzung, Jugendschutz, Ehrenamt und politisches Interesse.

Zoff mit anderen Entspannter ist offenbar das Verhältnis von Jugendgruppen untereinander: Bei der Befragung 1999 gaben noch 32,8 Prozent der Jugendlichen an, dass es Zoff mit anderen Jugendgruppen geben kann, wenn sie in der Clique unterwegs sind, 2013 waren es nur noch 14,7 Prozent. Der Wert bei den männlichen Befragten liegt mit 20,1 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei den weiblichen Jugendlichen (9,2 Prozent).

Überblick Die Hälfte aller Befragten hat alle Fragen so beantwortet, dass sie Gewalt eindeutig ablehnen. Zudem hat in der Hälfte aller Gemeinden niemand alle Fragen in Richtung Gewaltbereitschaft beantwortet. Der höchste Anteil an Jugendlichen, die alle Fragen in Richtung Gewalt beantwortet haben, liegt auf Gemeindeebene bei 7 Prozent.