Strunzenöd ist überall - das ist die humorvoll-erschreckende Erkenntnis, die man als ein, vom Lachen durchgeschüttelter Besucher aus Michael Altinges Kabarettprogramm "Lichtblick" mitnimmt. Im Kissinger Kurtheater begeisterte der TV-bekannte Kabarettist zusammen mit dem Gitarristen und Stichwortgeber Andreas Rother die knapp 220 Gäste mit einer herrlich unausgewogenen Mischung aus subtilem Nonsens, radebrechender Satire und frech-rockigen Liedern.

Laut und schlitzohrig - so kennt man Michael Altinger aus TV-Produktionen, und auf der Kissinger Bühne wurde seine kabarettistische Seite durch die musikalische Ader ergänzt. Gitarrensound, Liedermacher-Qualitäten und der kongeniale Partner "Andi" waren die Garanten für eingängige Melodien mit tiefsinnig-hintergründigen Texten, wodurch die Anekdoten aus dem fiktiven Örtchen Strunzenöd verstärkt wurden.

Verlogenheit sucht wortgewaltig ihren Weg

Der Ü50-Kabarettist steht gerne auf der Bühne, liebt den Kontakt zum Publikum und spielt mit dessen Erwartungen ebenso wie mit den Themen. Diese sucht er weniger im politischen Alltag und den großen Zerwürfnissen unserer Zeit, sondern eher in den Menschen und ihren Widersprüchen, denn Zweidrittel aller Deutschen sind für das Tempolimit, aber "der Deutsche tut nicht das, was er für richtig hält, sondern das, was nicht bestraft wird". Es ist diese Verlogenheit, die sich in Altingers bayrischer Seele frisst und die sich wortgewaltig ihren Weg sucht. So geißelt man die Fußballweltmeisterschaft in Katar, aber man schaut sich die Spiele an. So verabschiedet man sich von der gesellschaftlichen Mittelschicht und lässt die Oberschicht nach Gutsherrnart "weiße Bändchen für die VIP-Lounge mit den goldenen Kloschüsseln" verteilen. So lässt man einen Elon Musk im Wasserschutzgebiet eine Fabrik bauen oder die freie Meinung über Twitter kontrollieren.

Altinger sagt dies weniger anklagend, sondern eher resignierend. Auch dazu gibt es kaum konkrete Namen oder heftige Anschuldigungen. Vielmehr dampft er alles ein auf Strunzenöd, macht aus dem Großen das Kleine im überschaubaren Rahmen und stellt augenzwinkernd fest: "Wir sind die Guten, die da draußen sind lauter Deppen."

Sarkasmus als Stilmittel

Doch auch zwischen Vereinsmeierei und Gastwirtschaft, zwischen Familie und Stammtisch, gibt es den "Hate-Speech", der mit "links versiffter Sau" schon zum guten Ton gehört, oder das Googeln als Kontroll-Reaktion auf Gesagtes, oder den allwissenden Algorithmus, der das Leben bestimmt, oder das korrekte Gendern, das ein Vorurteil geraderücken kann. Altinger will dem Publikum nicht die Pointen um die Ohren hauen, will es nicht führen, sondern vielmehr durch schrille Alltagsszenen zur eigenen Erkenntnis führen. Sarkasmus ist dabei sein Stilmittel, um den Lehrlingsmangel mit Lob zu überwinden: "Loben, loben, loben - und das auch Üben, denn der Waldorfschüler als einziger Bewerber soll sich nicht verarscht fühlen."

Kindheit gegen die Angst

Gleiches setzt er auch ein, wenn es um die Ängste der Deutschen geht, die stärker als jede Information seien: "Je ängstlicher die Situation, desto eher sind Sachen aus der Kindheit wichtig." Also Zwieback, Nutella und coronabedingtes Klopapier geben Sicherheit. Wenn's noch schlimmer ist, dann wird ein "Bulli-Bus als Sinnbild für die behütete Kindheit" gekauft - laut, langsam, 50 Jahre alt und 30.000 Euro teuer. Mit "Bares für Rares" werden unsere Ängste abgedeckt, denn "der Wert unserer Altersversorgung steht in den Kärtchen von Horst Lichter". Gleichzeitig räumt er auch mit dem Vorurteil auf, dass die Menschheit sich entwickle und lernfähig sei, denn mit Blick auf seine Kindheit in Strunzenöd bleibe nur eine Erkenntnis: "Die Arschlöcher von früher, sind die Arschlöcher von heute."