Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein enormer Sprung für einen einzelnen Chor: Der Folklorechor Nüdlingen-Bad Kissingen ist zum ersten Mal in seiner 43-jährigen Geschichte unter die "Tonträger" gegangen. In allernächster Zeit, auf jeden Fall aber rechtzeitig vor dem Weihnachtskonzert am Samstag, 16. Dezember, um 16 Uhr, in der Jakobuskirche, erscheint die erste CD.

Warum es so lange gedauert hat? Das kann niemand so recht erklären. Offenbar hatte niemand ein solches Projekt auf dem inneren Schirm. Auslöser war wohl das letzte Weihnachtskonzert im Dezember 2016 in der Jakobuskirche gewesen, erzählt Waltraut Hassa. Sie ist nicht nur Sängerin, sondern auch Schriftführerin des Chores: "Damals sind nach dem Konzert Besucher auf uns zugekommen, die gefragt haben, ob wir unser Programm nicht auch auf CD haben. Wir mussten sie enttäuschen." Aber die Idee hatte in den Köpfen Einzug gehalten.

Konkreter Schwung kam in die Sache, als im Januar dieses Jahres der Nüdlinger Klaus Beck den Vereinsvorsitzenden Georg Schmitt auf ein CD-Projekt ansprach. Der Medienkaufmann ist zwar nicht Mitglied beim Folklorechor, singt aber auch, allerdings auf einer ganz anderen Schiene: "Die singen wirklich toll, aber das ist nicht so meine Baustelle." Aber er hat die nötigen Beziehungen. Er besorgte das "Studio", den Probenraum der Haarder Musikanten im Keller des Feuerwehrhauses: "Der ist schon deshalb gut geeignet, weil dort gleich eine Akustikdecke eingebaut wurde." Und er stellte den Kontakt zu Hans Wild her, dem Geschäftsführer der Kissinger Wild Media GmbH, der mit der erforderlichen Aufnahmetechnik anrückte und gemeinsam mit Klaus Beck die Aufzeichnung und Nachbearbeitung durchführte sowie das CD-Cover gestaltete.

Doch ganz so einfach, wie das alles klingt, ging es natürlich nicht. Als erstes musste die Frage beantwortet werden: Was soll überhaupt aufgenommen werden? Für Dmitry Romanetskiy, den Leiter des Chores (seit 2011), und seine Leute war das keine Frage: die aktuellen Weihnachtslieder aus aller Welt, nach denen die Leute ja auch gefragt hatten. Auch wenn das eine Weile dauern würde: das nächste Weihnachten kam bestimmt.

"Wir haben die Auswahl mit elf Liedern und einer Gesamtspielzeit von 35 Minuten ganz bewusst etwas knapp gehalten, weil dann erfahrungsgemäß beim Zuhörer die Konzentration nachlassen kann", sagt Georg Schmitt. Ausgesucht haben er und Dmitry Romanetskiy "Lieder aus der ganzen Welt mit Seele und Herzblut", um möglichst viele Geschmäcker zu bedienen. Und vielleicht, so hoffen die beiden, lässt sich der eine oder die andere davon anstiften, in den Chor zu kommen und mitzusingen.

Natürlich wurde weiter gründlich geprobt, auch wenn die Festtage schon einige Zeit vorbei waren. Andere Chöre haben da schon ihre Osterlieder in den Notenmappen. Aber man wollte im Training bleiben. Schließlich ging es nicht nur um die richtigen Töne, sondern auch um die richtige Aussprache der zum Großteil fremden Sprachen.


Acht Stunden im Studio

Und dann wurde es plötzlich ernst an einem Samstag im Februar. Georg Schmitt staunt heute noch ein bisschen, wenn er sich erinnert, wie reibungslos die Aufnahme über die Bühne ging: "Wir haben um 9 Uhr begonnen, und, natürlich mit ein paar Pausen, um 17 Uhr war alles im Kasten." Hans Wild und Klaus Beck hatten ganz bewusst auf aufwändige Technik mit mehreren Mikrophonen verzichtet und nahmen auf zwei Spuren (damit's Stereo wird) mit zwei Raummikrophonen auf, weil sie um die gute Klangbalance unter den zum Teil sechs Stimmgruppen wussten. Da musste nichts hinterher besonders nachbearbeitet oder stärker oder leiser gedreht werden. Das einzige, was sie machten, war, die für die Aufnahme natürlich willkommene trockene Akustik des Raumes mit etwas Hall ein bisschen zu überglänzen, um die weihnachtliche Festlichkeit zu erzeugen - aber nicht so, dass es zu Lasten der Verständlichkeit gegangen wäre.

Zwei Aufnahmen, gelegentlich auch drei, wurden von jedem Lied auf einen Sitz und ohne Unterbrechungen aufgezeichnet. Dann wurde die beste Aufnahme ausgewählt. Klaus Beck: "Meistens war es die letzte." Nur einmal musste der Chor für eine vierte Aufnahme nachsitzen. Da hatte sich die Erkältung erbarmungslos Gehör verschafft: "So einen Huster kann man nicht einfach ausradieren."

Georg Schmitt freut es, dass sich sein Chor als "mikrophonfest" erwies, dass alle, auch die Solisten, stimmlich bestens in Form waren: "Nervös war eigentlich niemand." Das muss er als guter Vorsitzender natürlich sagen. Aber das ist nur fast richtig. "Ich war schon ein bisschen aufgeregt", gibt Waltraut Hassa zu, "aber bestimmt nicht mehr als vor jedem anderen Konzert." Hochkonzentriert waren alle. "Wenn bei den Proben Dmitry Romanetskiy mit einer Stimmgruppe eine Stelle probt, dann wird auf der anderen Seite auch schon mal leise gebabbelt. Dieses Mal war es mucksmäuschenstill", so Schmitt. Und noch etwas fällt auf, wenn man Fotos von den Aufnahmen betrachtet: Die 24 Sängerinnen und Sänger waren in ihrer Konzertkleidung im Tonstudio erschienen. Natürlich war das der Besonderheit des Anlasses geschuldet. Aber die vertraute Kleidung gab auch ein bisschen beruhigende Sicherheit.

Würde er etwas anders machen, wenn er die Lieder noch einmal aufnehmen würde? "Natürlich!", antwortet Dmitry Romanetskiy. Aber nicht aus Gründen der Qualität. "Man hat als Dirigent jeden Tag andere Ideen und Vorstellungen, wie ein Lied klingen könnte." Aber an eine Wiederholung denkt er im Moment nicht, sondern an die Zukunft: "Wir haben ja auch ein Sommerprogramm..." Seine Leute werden bestimmt wieder mitmachen. Sie wissen es nur noch nicht.


Die Lieder der CD: Joulupuu rakennettu (Finnland), Sterzinger Andachtsjodler (Südtirol), Altes Weihnachtslied (Deutschland), Venid, pastoroitos (Spanien), Schedrik (Ukraine), Luleise, Jesulein
(Polen), Bethlehem, du kleine Stadt (Deutschland), Noël (Frankreich), Trommellied (USA), Leise rieselt der Schnee (Deutschland), Jul, lul, strålande jul (Schweden); zum Teil bearbeitet von Dmitry Romanetskiy.

Personeninfos:
Dorothea Kretschmer:
Als Kind habe ich im Cloppenburger Kinderchor gesungen, damals schon in der 2. Stimme und nur auswendig. Das hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. So musste ich vor 20 Jahren nicht lange überredet werden, im Folklorechor Nüdlingen-Bad Kissingen mitzusingen. Eine eigene CD-Aufnahme ist natürlich immer wieder ein Ansporn, an der Qualität des Chores zu feilen. Im Konzert soll alles gut klingen, aber die CD soll auch später noch Spaß machen.

Waltraut Hassa:
Ob ich bei der Aufnahme nervös war? Naja, ein kleines bisschen nervös ist man da immer, auch vor einem Konzert. Vielleicht machen wir ja auch mal noch eine CD mit neuen Liedern. Denn wir sind recht sparsam mit Auftritten. Vielleicht werden dadurch ein paar Leute motiviert, bei uns mitzumachen, denn wir brauchen, wie alle anderen Chöre auch, dringend Nachwuchs. Es gibt schon noch junge Leute, die singen. Aber die gehen lieber in freiere Projektchöre.

Georg Schmitt:
Der Chor war natürlich von Weihnachten her noch drin in dem Repertoire, und er war, gut vorbereitet, bei den Aufnahmen hochkonzentriert. Wir haben uns ausnahmsweise erlaubt, mit Noten zu singen, weil es ja niemand gesehen hat und weil das für die Sängerinnen und Sänger eine Erleichterung ist, auch wegen der fremden Sprachen. Dann ist auch die Gefahr nicht zu groß, zu der alle Laienchöre neigen; immer ein bisschen schneller zu werden.

Klaus Beck:
Ich singe überhaupt nicht im Folklorechor, und ich bin da nicht einmal Mitglied. Ich singe zwar auch viel und gerne, aber meine Musik ist eine ganz andere. Ich habe dem Chor den Hans Wild vermittelt, und ich habe die Aufnahmen technisch begleitet. Ich war wirklich beeindruckt, wie schnell das alles geklappt hat, wie gut der Chor mit der Situation zurechtkam. Aber eine Aufnahme fängt ja auch nicht erst im Studio an.