Pfarrer Christian Müssig klemmt sich vom Stapel im Flur fünf flach gefaltete Umzugskartons unter den linken Arm. Mit dem rechten Arm bedeutet er dem Besucher, die Treppe in den ersten Stock des Pfarrheims hinaufzusteigen. "Ich nehme bei jedem Gang nach oben einen Satz Kartons mit rauf", sagt Müssig.

Die wenigen Wochen, die ihm in Hammelburg und in Deutschland bleiben, verbringt der Pfarrer mit Packen.
Immer wieder melden sich aber auch Gemeindemitglieder an, die sich von Müssig persönlich verabschieden möchten. Denn Ende September startet sein Flug nach Bolivien.

Müssig nimmt nicht alles mit nach Südamerika. Ein Teil der persönlichen Sachen bleibt in Deutschland. Vor allem die Möbel lässt er in seinem Heimatland. Sie werden während der kommenden fünf Jahre, in denen Müssig die Gläubigen der Diözese Santa Cruz de la Sierra in Bolivien seelsorgerisch betreut, in Höchberg bei seiner Mutter eingelagert.

Das gibt Müssig für später den Freiraum zu entscheiden, was nach Bolivien kommt. Denn ob er in Südamerika oder Deutschland für sich langfristig eine Zukunft sieht, lässt der Pfarrer derzeit unbeantwortet. Er meint nur: "Man muss manche Dinge in Gottes Hand legen." Das ist seine Grundeinstellung. Das hat Müssig beim ersten Missionseinsatz in Bolivien in den Jahren 2007 bis 2010 gelernt.

Die Mentalität hilft

Müssig hat sich zu eigen gemacht, was die bolivianische Mentalität seiner Erfahrung nach prägt: Im Leben darf nicht alles bis ins kleinste Detail durchgeplant und durchstrukturiert werden. Man muss sich auch darauf einlassen zu improvisieren. Es gibt ein Sprichwort, erklärt Müssig und übersetzt aus dem Spanischen: "Die Last rückt sich der Esel auf seinem Weg schon zurecht."

Diese Einstellung und das Bemühen, "den Menschen Raum zu lassen", half Müssig in Hammelburg. Er war "der richtige Mann an der richtigen Stelle", wie es Kirchenpfleger Siegfried Schilling formuliert.

Als Müssig 2010 die Leitung der Pfarrgemeinde übernahm, stand er vor einer spannungsreichen Aufgabe. Die Abberufung von Pfarrer Michael Sell hatte die Kirchenmitglieder gespalten. Mit "Kirche in Bewegung" (KiB) formierte sich kirchenkritischer Protest.

"Natürlich sitzt man in so einer Situation zwischen allen Stühlen", beschreibt Müssig seine anfängliche Rolle, "aber ich hatte den Vorteil, dass ich weg war und nicht alles mitbekommen habe." Heute sieht der Geistliche die Pfarreiengemeinschaft auf einem guten Weg. Die Hammelburger Kirchenmitglieder seien vom Gegeneinander über das Nebeneinander zum Miteinander übergegangen. Daran könne sein Nachfolger Thomas Eschenbacher ab Dezember anknüpfen.

"Wir haben Offenheit gelernt und, dass der eine Teil der Gemeinde den anderen nicht ausschließt", erklärt Schilling. Es gebe verschiedene Arten des Gebets, zu denen auch das Donnerstagsgebet von KiB gehöre. "Wir sind ein Bestandteil der Gemeinde", sagt Reinhard Beichel. Er schätzt, dass Müssig mit KiB offen umgegangen ist.

Land entfaltet Anziehungskraft

Doch warum verlässt er bei all der offenkundigen Sympathie Hammelburg, was zieht ihn nach Bolivien? Müssig kann nur antworten: "Es ist eine Gemengelage. Ich kann es nicht genau sagen." Er spricht davon, dass er etwas zurückgeben wolle und dass er ein Jahr lang überlegt habe.

Bolivien lässt Müssig einfach nicht los, seit er 1985 als Student das erste Mal in dem Land war. Dabei entwickelte sich der Aufenthalt damals nicht sehr angenehm für ihn. "Diätisch war es ein voller Erfolg", scherzt Müssig. Dennoch zog es ihn später so wie heute wieder in das südamerikanische Land. "Das ist das Paradoxe an der Sache", meint Müssig.