Schon die Römer wussten um die Heilquellen, Kaiser Napoleon III schätzte die Stadt als Sommerresidenz, während des Zweiten Weltkrieges wählte die französische Marionettenregierung die Stadt als Regierungssitz - Von hier aus kollaborierte sie mit den Nazis. Die Rede ist von dem Kurort Vichy. "Vichy hat 2000 Jahre Geschichte hinter sich", sagt Anke Matthys. Dieses Jahr hofft die Stadt darauf, dass ein neues Kapitel dazukommt. Vichy ist wie Bad Kissingen Teil der Great Spas of Europe-Bewerbergruppe. Insgesamt elf historische europäische Kurbäder wollen von der Unesco als gemeinsames Welterbe anerkannt werden. Im Sommer berät die Welterbekommission über den Antrag.

Matthys ist als Welterbe-Manager in Vichy tätig. Per Video-Anruf nimmt er unsere Redaktion mit auf eine digitale Stadtführung. "Das gute an Vichy ist, dass man alles zu Fuß erlaufen kann", erklärt er auf Englisch. Die Kur hat sich in Vichys Weltbadzeit auf ein relativ kleines Gebiet konzentriert. So ist auch der Umriss der möglichen Welterbezone deutlich kleiner als etwa in Bad Kissingen.

Napoleon baute den Kurort aus

Wer als Tourist in Vichy am Bahnhof ankommt, den führen Alleen auf kurzem Weg durch schöne Villenviertel, direkt zum Quellenpark mit dem Opernhaus, der Trinkhalle, dem 700 Meter langen Wandelgang und dem großen Badehaus mit der markanten Kuppel. "Der Quellenpark ist der Kern unserer Kur­s tadt", erzählt Matthys. Obwohl die Heilquellen - neun werden heute für Trink- und Badeanwendungen genutzt - schon seit Jahrhunderten bekannt waren, erblühte Vichy erst im 19. Jahrhundert zum bedeutenden Kurort, als die französischen Kaiser das Städtchen förderten.

Napoleon Bonaparte legte den Grundstein für die weitere Entwicklung, als er 1812 den Quellenpark anlegen ließ. Ab 1861 forcierte Napoleon III den Ausbau Vichys. Parkanlagen und Promenaden entlang des Flusses wurden geschaffen, das Casino entstand, Villen, Chalets, Hotels und Boulevards wurden gebaut. Weil der Kaiser den Ort über Jahre als Sommerresidenz auserkor, avancierte Vichy zum internationalen Modebad für den Adel.

Die Stadt wurde quasi am Zeichenbrett entworfen, nach einem großen Vorbild: "Vichy war Klein-Paris mitten in Frankreich", sagt der Welterbe-Manager. Der Ort sei von den Herrschern deshalb so stark gefördert worden, damit Frankreich im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn ebenfalls einen erstklassigen Badeort vorzuweisen hatte.

Dazu schauten sich die Planer bei anderen Bädern einiges ab. Bei den Parks orientierten sie sich etwa an England, die Idee der Trinkhallen und Arkaden übernahmen sie aus Deutschland. "Vichy vereint alle Stärken, die in anderen Kurorten entwickelt wurden. Um 1900 war sie deshalb auch als ,Königin der Kurbäder' bekannt", sagt Matthys.

Partnerschaft mit Bad Kissingen

Bad Kissingens Welterbe-Managerin Anna Maria Boll schätzt die Zusammenarbeit. "Die Unesco-Bewerbung hat dort eine hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung", berichtet sie. Vichy und Bad Kissingen haben ein Jugendprojekt gestartet: 2019 besuchten Kissinger Jugendliche sowie Mitarbeiter der Stadtjugendarbeit Vichy und drehten dort einen Film. Der Gegenbesuch der Franzosen war für 2020 geplant, wegen der Coronapandemie steht er bislang jedoch noch aus. "Dass wir da so gute Partner sind, da sind wir schon stolz drauf", sagt Boll. Während in Bad Kissingen die Kurviertel um die mittelalterliche Altstadt herum entstanden sind, hat sich Vichy als reine Kurstadt entwickelt. "Es ist vom französischen Jugendstil geprägt und erinnert an das Paris des 19. Jahrhunderts", sagt Boll.

Wirtschaftlich ist Vichy heute bekannt für die gleichnamige Kosmetikfirma, die für ihre Produkte auch das Heilwasser verwendet. Ebenfalls wichtig für den Ort ist der Gesundheits- und Wellnesstourismus. "Unsere Badetradition ist immer noch sehr lebendig", sagt Matthys. Ein weiteres wichtiges Standbein ist der Sport, insbesondere der Wassersport. So wird der Fluss Allier auf 200 Meter Breite angestaut, um Wassersportmöglichkeiten zu bieten.

Vichy ist aber nicht nur als Badestadt und für Kosmetik bekannt - Viele Franzosen verbinden die Stadt mit dem Vichy-Regime, das während des Zweiten Weltkrieges mit Nazideutschland gemeinsame Sache machte. "Das war die schlimmste Periode der Stadt", sagt Matthys. Das schlechte Image aus diesen vier Jahren sei bis heute sehr präsent. Auch deshalb hoffen er und die Vichyer, dass die Unesco-Bewerbung der elf Great Spas erfolgreich ist. "Das würde gegen diese dunkle Image helfen", meint der Welterbe-Manager zuversichtlich.

Seine Kollegin in Bad Kissingen betont: "Die Great Spas of Europe stehen für eine gemeinsame europäische Zukunft und ein freundschaftliches Miteinander über Ländergrenzen hinweg."

Steckbrief: Vichy

Die Königin der Kurbäder Vichy ist als "Reine des villes d'eaux" beziehungsweise "queen of spa towns" bekannt und gilt als bedeutendstens Heilbad Frankreichs. Die Stadt ist mit knapp 25 000 Einwohner etwas größer als Bad Kissingen. Rund 30 000 Gäste besuchten die Stadt vor Corona zuletzt jährlich (zum Vergleich: die Staatsbad Bad Kissingen GmbH verzeichnete 2018 und 2019 rund 258 000 Gästeankünfte). Heilwasser aus Vichy wird bis heute abgefüllt und in alle Welt verschickt. Von Juli 1940 bis August 1944 wurde die Stadt wegen seiner Hotelkapazitäten Sitz des Vichy-Regimes.