Geht es nach den vier Schülerinnen, haben Bad Kissingen und die Great Spas of Europe den Titel Weltkulturerbe schon so gut wie in der Tasche. "Ich glaube schon, dass Bad Kissingen und die anderen zehn Städte zusammen Weltkulturerbe werden", findet Katharina. Die beiden Elisas und Klassenkameradin Olivia nicken. Ja, da drücken nicht nur die Viertklässlerinnen die Daumen: Dass die Unesco in wenigen Wochen die Bewerbergruppe Great Spas of Europe zum Weltkulturerbe ernennt. "Das ist etwas für wichtige Gebäude und Städte auf der ganzen Welt", sagt Olivia. Ihre Heimatstadt in einer Reihe mit berühmten Welterbestätten wie die Pyramiden von Gizeh - das fänden die vier Mädchen toll.

Die Klasse 4b der Sinnberg-Grundschule hat sich mit Lehrerin Beatrice Rose-Ebel im Unterricht mit der Unesco-Bewerbung beschäftigt und damit auch mit der Vergangenheit Bad Kissingens als Weltbad. Die Schüler kennen die wichtigen Kurbauten, haben als Hausaufgabe den Altenberg besucht, auf dem Kaiserin Sisi während ihrer Aufenthalte in Bad Kissingen oft spazieren ging. Jetzt stand ein Kunstprojekt inklusive Ausflug in den Kurgarten auf dem Stundenplan.

Kunst- und Heimatstunde im Kurgarten

Im Kurgarten befindet sich einer von fünf Unesco-Referenzpunkten. Diese Referenzpunkte hat die Stadt auf wichtigen, historischen Sichtachsen in den Boden einlegen lassen. Inspiriert von einer Künstlerin aus Berlin ("Raubdruckerin"), die Abdrucke von besonderen Gullideckeln auf T-Shirts nimmt, nahmen die Kinder Abdrucke von dem Referenzpunkt und gestalteten so eigene Bad Kissingen Unesco-Stofftaschen.

Heimatgeschichte ist Teil des Lehrplan der 3. und 4. Klassen, erklärt Rose-Ebel. "Ich habe eine sehr Geschichtsinteressierte Klasse, die sofort darauf angesprungen ist", sagt sie. Es sei wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, was die eigene Stadt ausmacht. In höheren Klassen komme Heimatgeschichte im Lehrplan kaum vor. "Ich finde es wichtig, dass die Kinder schätzen lernen, wo sie herkommen. Und für viele Kinder ist es ja auch eine neue Heimat", erklärt die Lehrerin.

"Uns ist sehr daran gelegen, die jungen Leute für das Thema Welterbe zu begeistern. Das ist die Generation, die es am Ende in die Zukunft trägt", sagt Bad Kissingens Welterbe-Managerin Anna Maria Boll. Neben dem Schutz und dem Erhalt ist die Wissensvermittlung eine der zentralen Aufgaben für Welterbestätten. Das Druck-Projekt bringe Kunst, Kultur und Bildung zusammen und bleibe den Schülern so im Gedächtnis.

Unesco entscheidet im Juli

Dass die Kinder sich mit der Stadt auseinandersetzen, gefällt natürlich Oberbürgermeister Dirk Vogel (SPD). Sollte die Welterbekommission positiv entscheiden, werde es essenziell sein, das Thema Welterbe zu beleben und "von der abstrakten Bewerbung hinzukommen zu einem Gedanken, dass das ,unser Welterbe' ist".

Die 44. Sitzung des Unesco-Welterbekomitees findet vom 16. bis zum 31. Juli online statt. In diesen Wochen entscheidet die Unesco insgesamt über fünf Anträge mit deutscher Beteiligung, darunter die Great Spas of Europe zu denen auf deutscher Seite neben Bad Kissingen noch Bad Ems und Baden-Baden gehören, außerdem Karlsbad, Marienbad und Franzensbad (Tschechien), Baden bei Wien (Österreich), Montecatini Terme (Italien), Vichy (Frankreich), Spa (Belgien) sowie Bath (England). Die Federführung über die Bewerbung hat Tschechien inne. Die Entscheidung der Unesco wird gegen Ende Juli erwartet.

Bis dahin bleiben dem Oberbürgermeister, dem Unesco-Team der Stadt wie auch den Bad Kissingern nichts zu tun, als zu warten. Dirk Vogel hat aber gute Nachrichten, zuletzt gab es offenbar positive Signale. "Alles ist soweit reif und steht zur Entscheidung. Die Voraussetzungen sind gut. Die Expertenempfehlung ist positiv", berichtet er. Im Herbst 2019 hatten Icomos Experten (Internationaler Rat für Denkmalpflege) im Auftrag der Unesco die elf Great Spas besucht. Die Empfehlung, die Icomos abgibt, fließt in die Entscheidung der Unesco mit ein.

Denkbar ist grundsätzlich, dass die Bewerbung abgelehnt wird, dass Nachbesserungen verlangt werden oder dass die Unesco zustimmt. Der OB äußert sich zuversichtlich. "Ich bin sehr optimistisch, dass es im Sommer hoffentlich passiert", sagt er.

Wissen über Kissinger Wahrzeichen

Zurück zur 4b der Sinnberg-Grundschule und dem Kunstprojekt mit den Referenzpunkten. Die Referenzpunkte hat der Kissinger Künstler Malte Meinck gestaltet. Sie zeigen in stilisierter Form Wahrzeichen der Stadt wie den Regenten- und den Arkadenbau, das Casino und das Theater, die Burgruine Botenlauben, das Feuertürmle und die Postkutsche. Die Schrift "Great Spas of Europe" ist auf den Abdrucken der Schüler spiegelverkehrt zu sehen. Für spätere Projekte hat Meinck der Schule weitere Druckplatten aus Kunststoff angefertigt. Auf den Platten ist die Schrift seitenverkehrt, nach dem Abdruck wird sie korrekt lesbar.

Die Kissinger Wahrzeichen auf den Drucken können die beiden Elisas, Katharina und Olivia problemlos unterscheiden. Einige haben die Klassenkameradinnen auch schon besucht; das Theater zum Beispiel und den Regentenbau. "Ich finde die Gebäude edel, weil sie alt und extravagant gebaut sind", meint Katharina. Lieblingsplätze der vier Mädchen sind der Rosen- und der Kurgarten. Wie Adelige, Könige und Königinnen in prächtigen Gewändern durch den Kurgarten spazieren und ihr Heilwasser trinken - das beflügelt ihre Phantasie. "Das würde ich gern einmal sehen", sagt Elisa.