Das Rakoczy-Festwochenende in der kommenden Woche könnte ein historisches für die Stadt werden. Denn dann entscheidet sich, ob Bad Kissingen Weltkulturerbe wird. Gestern (Freitag, 16. Juli) startete die zweiwöchige Tagung des Welterbekomitees der Unesco. Das Komitee entscheidet bis 31. Juli unter anderem über rund 40 Nominierungen. Darunter befindet sich auch der Antrag der Great Spas of Europe. Die Great Spas sind eine Bewerbergruppe aus elf europäischen Kurbädern. Diese erlangten ab dem späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert internationale Bedeutung. Auf deutscher Seite hoffen Bad Kissingen, Baden-Baden und Bad Ems, dass die Unesco den Great Spas of Europe und damit automatisch ihnen als Teil der Gruppe den Welterbe-Titel zuerkennt.

Wie die dpa unter Berufung auf die Deutsche Unesco-Kommission berichtet, wird über die Great Spas im Sitzungsblock am Samstag und Sonntag, 24. und 25. Juli entschieden. Im Bad Kissinger Rathaus wird mit der Entscheidung voraussichtlich am Samstag gerechnet.

Warten auf Entscheidungstag

Beim Bad Kissinger Welterbe-Team um Projektleiter Peter Weidisch und Welterbemanagerin Anna Maria Boll sowie natürlich bei Oberbürgermeister Dirk Vogel (SPD) steigt die Anspannung. "Es ist ein bisschen wie beim Topfschlagen. Bisher haben wir den Topf nicht gefunden, jetzt wird es aber wärmer. Am 24. drehen wir ihn herum", sagt Vogel. Nach mehr als zehn Jahren Vorbereitungszeit (siehe rechts) steht nun die Entscheidung unmittelbar bevor. "Wir hoffen, dass alle Bad Kissinger Bürgerinnen und Bürger, Gäste, Freunde und Freundinnen Bad Kissingens die Daumen drücken", sagt Weidisch. Im Kissinger Rathaus, in der Bewerbungsgruppe, aber auch bei beteiligen Behörden und Institutionen wie der Staatsbad GmbH, dem Landesamt für Denkmalpflege und dem bayerischen Kultusministerium sei man frohen Mutes. "Es herrscht eine positive Grundstimmung. Alle sind optimistisch und warten auf den 24.", berichtet Weidisch.

Wichtige Fragen zur Bewerbung

Was sind die Great Spas of Europe? Bei der Weltkulturerbe-Bewerbung dreht sich alles um das Phänomen "europäische Kurstadt". Kurbäder spielten bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs im Leben breiter Bevölkerungsschichten in Europa eine bedeutende Rolle. Die bekanntesten Orte genossen Weltruf. "Wir sind eine von elf Städten, die besonders für diesen Stadttypus und diese Epoche stehen", erklärt Vogel. Das Phänomen lasse sich nicht in einer Stadt allein, sondern nur als Gruppe abbilden. Weidisch: "Wenn die Entscheidung gefällt wird, sind diese elf Städte Teil einer gemeinsamen Welterbestätte." Die Unesco entscheidet darüber, ob das Phänomen europäische Kurstadt im Interesse der gesamten Menschheit besonders schützenswert sind.

Was macht eine Kurstadt aus? "Dreh- und Angelpunkt der Stadtentwicklung waren die Mineralquellen", erklärt Welterbemanagerin Boll. Jede Kurstadt entwickelte sich um die Quellen. Die Orte sind auf das Kuren ausgerichtet. Alle sind geprägt von Kurbauten wie Badehäusern, Trinkhallen, therapeutischen Einrichtungen, aber auch von touristischen und gesellschaftlichen Bauten wie Hotels, Villen, Theatern, Konzertsälen und Casinos sowie von einer Erholungslandschaft mit Gärten, Parks samt weitläufigem Wegenetz.

Was ist für Bad Kissingen typisch? Im Lauf der Bewerbung hatte sich die Gruppe von anfangs 16 in einer Evaluierung auf am Ende elf Kurstädte verkleinert. Diese elf weisen alle die wesentlichen Elemente einer Kurstadt auf. In Bad Kissingen sind laut Boll 40 Einzelelemente auf einer Fläche von 212 Hektar nominiert. Die beantragte Schutzzone beginnt im Norden im Kaskadental und erstreckt sich nach Süden bis zum Golfplatz. "Es geht nicht nur um Gebäude wie den Regentenbau, sondern auch um Dinge wie das Dampferle, die Umgebung und die Art, wie sie bis heute genutzt werden", sagt der OB. Besonders wichtig für Bad Kissingen ist das Kurgartenensemble mit Max Littmanns und Friedrich von Gärtners Kurbauten, die Untere Saline als Salz- und Solegewinnungsstätte und die Obere Saline als Wohnstätte Fürst Otto von Bismarcks. Dass die Räume, in denen der Eiserne Kanzler Politik machte, authentisch erhalten sind, "dieses Zusammenspiel aus materiellen und immateriellen Erbe macht die Obere Saline so wertvoll für die Bewerbung ", ergänzt Weidisch.

Welche Szenarien gibt es zur Entscheidung? Es gibt drei Varianten: Die Unesco kann den Antrag annehmen, ablehnen oder die Entscheidung vertagen. Bei der Vertagung könnte die Bewerbergruppe bis zur erneuten Entscheidung noch nachbessern.

Das Welterbekomitee setzt sich aus Vertretern von 21 Mitgliedsstaaten der Welterbekonvention zusammen. Die Unesco hat derzeit 193 Mitgliedsstaaten. Bislang gibt es weltweit 1121 Welterbestätten, 46 davon in Deutschland. Die 14-tägige Sitzung wird von Fuzhou, China, aus geleitet und online abgehalten. Wer Unesco-Luft schnuppern möchte: Die Tagung wird per Livestream im Internet übertragen: whc.unesco.org/en/sessions/44COM

Meilensteine für Bad Kissingens Unesco-Bewerbung

November 2010 Kontaktaufnahme zu Projektbeteiligten, sowie Experten von Unesco und Icomos

Juli 2013 Bad Kissingen wird auf die Vorschlagsliste der Bundesrepublik Deutschland für das Unesco-Welterbe aufgenommen.

Sommer 2014 Die Bewerbergruppe der Great Spas of Europe wird auf die weltweite Vorschlagsliste der Unesco in Paris aufgenommen.

Mai 2016 Die Bewerbergruppe entscheidet in Prag über ihre endgültige Zusammensetzung: Die Gruppe verkleinert sich, aus den ursprünglich 16 Bädern kristallisieren sich elf Städte heraus, die bei der Bewerbung dabei sein werden. Diese sind: Bad Kissingen, Baden-Baden, Bad Ems (Deutschland), Karlsbad, Marienbad, Franzensbad (Tschechien), Baden bei Wien (Österreich), Montecatini Terme (Italien), Vichy (Frankreich), Spa (Belgien) und Bath (Vereinigtes Königreich). Bad Homburg, Bad Pyrmont, Wiesbaden, Bad Ischl sowie Luhacovice fallen aus der Gruppe.

Januar/Februar 2019 Die Unesco-Botschafter der beteiligen Staaten sowie die Ober/-Bürgermeister der elf Städte unterzeichnen den Antrag und reichen ihn bei der Unesco ein.

September 2019 Experten der Icomos bereisen die elf Kurstädte im Auftrag der Unesco und fertigen ein Gutachten an.

Juli 2021 Das Unesco-Welterbekomitee entscheidet über den Antrag.