Der feindliche Panzer steht zwei Kilometer entfernt, am Fuße des Kleinen Auersbergs. "Entsichern", sagt Oberstleutnant Uwe Schirmer konzentriert. Daniel Hebner entsichert. Nicht die Waffe, er drückt eine Tastenkombination auf seiner Tastatur. "Drei, zwei, eins", sagt Schirmer. Hebner drückt ab. Der Bildschirm färbt sich grau. Erst als der Rauch abgezogen ist, wird der brennende Panzer sichtbar. Getroffen.


Bereich Virtuelle Taktik ausgebaut

Das Gefechtssimulationszentrum Heer (GefSimZH) ist Teil der Ausbildung auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken. 500 bis 600 Soldaten üben hier jährlich an ungefähr 100 vernetzten Computern. Anfang Juli wurde das Personal von drei auf zehn Vollzeitstellen aufgestockt. Das GefSimZH baut sein Angebot um den Bereich Virtuelle Taktik (ViTa) aus. Neben der Live-Simulation, bei der Soldaten mit realem Gerät in realer Umgebung trainieren, und der virtuellen Simulation beispielsweise mit dem Computerprogramm Virtual Battlespace wird die konstruktive Simulation gestärkt. Dabei übt die höhere Führungsebene mit simulierten Soldaten und simuliertem Gerät in simulierter Umgebung.

Die Bundeswehr macht das, um Kosten zu sparen, denn je komplexer eine Übung angelegt ist, umso teurer wird sie auch. "Die virtuelle Simulation kann nicht die praktische Ausbildung ersetzen. Das darf sie auch nicht", betont Uwe Schirmer, ViTa-Leiter, dennoch. Deshalb sei das Training am Computer immer nur Teil der Ausbildung. Für die Soldaten geht es auch raus auf den Platz. Ins echte Gelände mit Waffen, die schießen.


Kapazität wird erweitert

In Wildflecken aber lassen sich diese Übungen gut vorbereiten. Das Gelände ist frei wählbar. Manchmal liegt ein erfundenes Land der Operation zugrunde, dann wiederum wird mit realem Kartenmaterial geübt. Gern nutzten die Soldaten die Letzlinger Heide, berichtet Henning Stahlschmidt, seit Mai Bereichsleiter Übungen am GefSimZH. So kennen sie das Gelände schon, bevor sie bei einer Großübung auf dem Truppenübungsplatz Entscheidungen treffen müssen.

Seit vergangenem Jahr liegt auch der Truppenübungsplatz Wildflecken digitalisiert vor. Computergestützte Simulation und realer Einsatz lassen sich so an einem Standort trainieren. Diese Kombination gebe es noch nicht in Deutschland, erklärt Stahlschmidt. Für die Ausbildung sieht er großes Potenzial im GefSimZH. Die Kapazität soll ausgebaut werden, damit in Zukunft bis zu 150 Soldaten gleichzeitig üben können.

Dabei geht es nicht nur ums Ballern. Ein taktisches Grundverständnis und eine spezifische Funktion im Einsatz seien für die Soldaten Voraussetzung, sagt Schirmer. Der Pilot eines Hubschraubers hat genauso seinen virtuellen Arbeitsplatz wie die Besatzung eines Panzers oder der Fahrer eines Transporters. Und wer den Panzer fährt, sieht eben nur durch sein Guckloch - die gesamte Übung lang. Das taktische Verständnis und der Zusammenhalt der Soldaten, die sich vorher oft nicht kannten, wachse innerhalb kürzester Zeit, schildert Oberst Jürgen Steinberger, Leiter des GefSimZH.


Die enttödlichte Gesellschaft

Wenn ein Soldat virtuell stirbt, scheidet er bis zur nächsten Übungseinheit aus. Manchmal greift der Kompaniechef auch ein, setzt die Übung zurück und wiederholt die Situation. Je größer der Abstraktionsgrad sei, umso ferner rücke die Realität, sagen Kritiker. Echtes Blut, den realen Tod des Kameraden und den Geruch von Leichen können Computerprogramme nicht simulieren. "Das ist eine wirklich sehr komplexe Frage", geht Stahlschmidt auf die Debatte ein. Er hinterfragt die "enttödlichte" Gesellschaft. "Vor 50 Jahren war Blutrühren auf dem Land noch Kinderarbeit", erzählt er. Seiner Meinung nach haben solche Erfahrungen einen größeren Einfluss auf die Akzeptanz von Leben und Sterben als das Töten am Computer.

Doch es gibt auch ethische Grenzen, beispielsweise den Umgang mit menschlichen Schutzschilden, die gezielt von Terroristen eingesetzt werden. Auch dieses Szenario ließe sich leicht virtuell durchspielen. Bisher wurde das in Wildflecken noch nicht getan. Inwieweit man das Üben könne ... Oberst Steinberger hält kurz inne. "Ich weiß es nicht."