Alma Bott und das Gasthaus "Zum Hirschen" in Unterleichtersbach gehören einfach zusammen: "Ich geh' immer als letzte ins Bett, ich muss ja die Tür zuhängen", erzählt die zierliche Unterleichtersbacherin über ihren Alltag. Zwar ist die Gaststube eigentlich nur noch am Montag zur "Stichelstunde" der Unterleichtersbacher sowie am Freitag und Samstag geöffnet, aber wie eh und je wird auch an den anderen Tagen kein Gast abgewiesen. Jedem zapft Alma Bott sein Bier, selbst heute, an ihrem 90. Geburtstag.


Bis 3 oder 4 Uhr in der Früh

Alma Bott wurde als Anna Weber 1925 geboren. In der Kapellengasse als drittes von vier Kindern. Ihre Mutter Anna war eine Schwester von Regina Kreß, die das Traditionsgasthaus "Zum Hirschen" an der Bundesstraße führte. Schon als kleines Kind half sie der kinderlosen Tante regelmäßig: "Damals ist nicht lange gefragt worden, die Tante hat mich halt beigeholt", erzählt Anna Bott.
Nach und nach wuchs sie in die Aufgabe als Wirtin hinein: "Man ist vor lauter Arbeit gar nicht zum Denken gekommen", erinnert sie sich, und: "Das ging manches Mal bis 3 oder 4 Uhr, und in der Früh mussten wir wieder in den Stall." Viel Urlaub war da nicht drin. Höchstens für einzelne Tage ließ sie ihre Wirtsstube in den letzten Jahrzehnten mal freiwillig allein. In den vergangenen Jahren gab es lediglich den ein oder anderen Krankenhaus-Aufenthalt.
"Dahem is dahem", sagt Alma Bott fast täglich. Die Natur, vor allem der Wald, haben es ihr angetan. Mit 45 Jahren nahm sie gemeinsam mit ihrer Tochter Birgit Reitunterricht, bis zu ihrem 75. Lebensjahr stieg sie noch regelmäßig aufs Pferd. Mit dem Fahrrad war sie sogar noch bis vor zehn Jahren oft unterwegs, bis heute geht sie viel zu Fuß. Zudem interessiert sie sich für alles, was in der Welt passiert: Politik, Klatsch und Tratsch und die Nachrichten aus der Region liest sie jeden Tag in der Saale-Zeitung/ "Brückenauer Anzeiger".
1955 heiratete Alma Weber Ewald Bott. Die offizielle Übernahme des Gasthofes folgte erst 1959. "Aber ich war vorher schon für alles zuständig", erzählt die 90-Jährige. Das Ehepaar hatte zwei Töchter: Christa und Birgit. Mittlerweile gehören Enkelin Tatjana und drei Urenkel mit zur großen Familie, die sich fast jeden Sonntag zum Essen im "Hirschen" trifft, denn: Die meisten wohnen direkt auf der anderen Straßenseite und halten die Oma und Uroma ordentlich auf Trab. "Hamber" oder "Wirths" wird die Traditionsgaststätte in Unterleichtersbach genannt. Der Begriff Hamber stammt von Alma Botts Großvater Johann-Peter Kreß, der 1878 aus dem hessischen Weiperz in den Ort kam und den Gasthof übernahm. Doch die Geschichte reicht viel weiter zurück: 1652 wird der "Hirschen" erstmals urkundlich erwähnt. Anlass: Das Wirtshaus wird aus dem Weinbann von Brückenau gelöst und erhält eine eigene "Schenke". Die Ursprünge dürften also noch älter sein.


Mehr als 20 Wirte

Das Gasthaus steht direkt an der früheren Verbindung von Fulda nach Würzburg, noch heute führt die B 27 direkt vor dem Eingang vorbei. Mehr als 20 Wirte sind aus den zurückliegenden gut 350 Jahren überliefert. Alma Botts Tante Regina Kreß taucht im Jahr 1937 als erste Frau auf, die das Gasthaus führt. Und auch Alma Bott übergab die Wirtschaft wieder an eine Frau: Ihre Tochter Christa Mohr hat heute offiziell das Sagen. Als Hobby führt sie die Tradition fort, will das Dorfleben fördern.
Ob Kirmes, Vereinsversammlungen oder Faschingsball: Am "Hirschen" führte früher in Unterleichtersbach kein Weg vorbei. Das ist heute ruhiger geworden, die "Aspenmühle" und etliche Vereinsheime kamen in den vergangenen Jahrzehnten dazu. Immer geblieben ist Alma Bott hinter dem Tresen. Und sie denkt auch noch nicht an Ruhestand: "Solange ich lebe, mache ich das", sagt sie bestimmt und erzählt von ihrer Tante, die noch an ihrem Todestag in der Gaststube nach dem Rechten gesehen hat: "Das ist doch ein schöner Tod, oder?"