Dass in der Rhön-Kaserne Wildflecken multinationale Großübungen des Heeres stattfinden, ist nichts Neues. Erstmalig aber handelt es sich jetzt bei der Übung "Decisive Taurus 2015" um Panzereinheiten aus Deutschland, Polen und den Niederlanden, die eine längere Kooperation anstreben.

Rund 830 Soldaten aus Fleisch und Blut seien für knapp zwei Wochen bei dieser Übung im Einsatz, bestätigt Generalmajor Johann Langenegger, Kommandeur der 1. Panzerdivision. Der Löwenanteil mit 610 deutschen Soldaten kommt von dieser Division aus Hannover sowie von der ihr unterstellten Panzerbrigade 21 "Lipperland" aus Augustdorf, unter dem Kommando von Brigadegeneral Kai Ronald Rohrschneider. Rund 190 niederländische Soldaten gehören der 43. (NDL) Mechanisierten Brigade unter dem Kommando von Brigadegeneral Martin Wijnen an. Mit 30 polnischen Soldaten ist die Panzerkavalleriebrigade 10 unter dem Kommando von Brigadegeneral Maciej Jablonksi präsent.

Die Panzer sind virtuell, denn bei dieser Übung "Decisive Taurus 2015" (Entscheidender Stier) fällt weder ein Schuss noch fährt ein Panzer wirklich durch das Gelände. Für etwa 12 000 bis 15 000 virtuelle Soldaten werden Befehle in der Übung Decisive Taurus erarbeitet. Die Lage ist bis ins Detail auf unzählig vielen Bildschirmen zu verfolgen. Geübt wird die Zusammenarbeit der Offiziere bis zu den Generälen auf internationaler Stabsebene. Die Amtssprache ist Englisch zwischen den Deutschen, Polen und Niederländern.


Insel Hannover-Hildesheim

Das Übungsszenario auf der fiktiven Atlantik-Insel Azoria ist reine Fantasie. Allerdings sind die Geländeformen der Realität entnommen, so zum Beispiel mit einer Topografie aus dem Raum Hannover-Hildesheim. Auf Azoria gibt es laut Übungsvorgabe drei souveräne Staaten, die sich ethnisch in puncto Politik, Religion und Kultur unterscheiden. Es drohen Übergriffe mit Waffengewalt durch einen dieser Staaten, der sich ein Stück vom Nachbarland aneignen will und keine Rücksicht auf ethnische Minderheiten nimmt.

Vier Feldküchen sind ebenfalls im Einsatz. Innerhalb der gesamten Übung sind 30.600 Essen eingeplant. Pro Frühstück werden zum Beispiel 1600 Eier und 170 Kilo Schweinefleisch für Gyros verbraucht.

Für die Computertechnik kommen 254 Laptops, 240 Mehrfachstecker, 18 Drucker, 14 Beamer und zwei Kilometer Lan-Kabel zum Einsatz. Sowohl arbeitstechnisch als auch kulinarisch kommen sich die Nationen näher. Hat doch die 1. Panzerdivision mit Einnahme der "Struktur 2011" und im Zuge der zukünftigen Unterstellung der 43. Niederländischen Mechanisierten Brigade den Auftrag, bis 2019 volle Einsatzbereitschaft herzustellen. Ein weiteres Ziel ist die Kooperation mit der polnischen Panzerkavalleriebrigade in den kommenden Jahren.


Verzahnung der Technik

"Auf die gute Zusammenarbeit an den Schnittstellen kommt es an", erklärt General Langenegger. Das betreffe die Verzahnung nicht nur der internationalen Truppen, sondern auch der modernen Technik. Damit das Informationssystem erfolgreich einer militärischen Führung auch im Ernstfall zur Verfügung stehen könne, müsse man halt zuvor üben.

"In Wildflecken wird uns dies durch das Gefechts-Simulationszentrum Heer optimal geboten", betont Langenegger. Er kenne diese Einrichtungen der Rhön-Kaserne seit vielen Jahren und schätze daran die Kompetenz und die zeitgemäße Technik, mit der sich Realitätsnähe für Übungen erzeugen lasse. "Die Welt hat sich verändert", stellt der General fest und fügt an: "Gesellschaft und Politik müssen bereit sein, zu investieren - und das kostet Geld."


Hilfe vor eigener Haustür

Letztlich kommen diese Soldaten nicht nur in fernen Ländern (bisher auf drei Kontinenten) zum Einsatz, sondern helfen auch vor der eigenen Haustür. So zum Beispiel bei der Bekämpfung von Waldbränden, Sturmfluten, Hochwasser- und Schneekatastrophen. Die vergangenen derartigen Inlands-Einsätze waren 2013 beim Elbwasser in Norddeutschland und bei der Unwetterkatastrophe 2014 in Düsseldorf. Rund 800 Bundeswehrsoldaten dieser 1. Panzerdivision sind derzeit bei der Bewältigung der Flüchtlingshilfe im Einsatz.