Der Stadtrat hat entschieden: Das zweite Bad Brückenauer Gepäckstück für den "DenkOrt Deportationen" wird am Alten Rathaus aufgestellt. Der Entscheidung ging eine rege Diskussion voraus - mit einem Vorschlag, den nicht jeder im Kopf hatte.

In seiner Mai-Sitzung hatte der Stadtrat das Design der Gepäckstücke bestimmt, die an das Schicksal der von den Nazis verschleppten und ermordeten Brückenauer jüdischen Glaubens erinnern sollen: zwei Koffer aus Metall.

Einer soll am 24. September Teil der zentralen Gedenkstätte am Würzburger Bahnhof für die deportierten unterfränkischen Juden werden. Von dort und vom Güterbahnhof Aumühle gingen ab 1941 Transporte in die Vernichtungslager im Osten ab. In den Zügen saßen auch Juden aus Brückenau und anderen Gemeinden des Altlandkreises, wie zum Beispiel Geroda.

Der "Arbeitskreis Stolpersteine" machte sich nun Gedanken über den passenden Standort des zweiten Koffers in der Kurstadt, wog Vor- und Nachteile ab - und fällte am 12. Juli eine Entscheidung fürs Alte Rathaus. "Dieser Platz ist zentraler Ort des Gedenkens für Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft beim Volkstrauertag und beim Gedenken an die Reichspogromnacht", gab die Sitzungsvorlage das Hauptargument wieder.

Leider war im Stadtrat niemand aus dem Arbeitskreis anwesend, um die Entscheidung ausführlicher zu begründen. Bürgermeister Jochen Vogel (CSU) war erkrankt; sein zweiter Stellvertreter Dieter Seban (CSU) leitete die Sitzung.

Dementsprechend diskutierten die Stadträte noch einmal ausführlich. Hartmut Bös (Grüne) fand das Alte Rathaus "mit Gedenksachen sehr voll". Er stellte sich vor, den Koffer mit den Stolpersteinen zusammenzubringen, die reichlich in der Stadt verlegt sind. Sebans Gegenargument: Man würde nicht nur optisch darüber stolpern (was gewollt sei), sondern leider auch körperlich.

Eva Reichert-Nelkenstock (Grüne) fand das "Schabbesgärtchen" unterhalb der Polizei als Standort charmant. Man solle das Gedenken an die Deportierten nicht mit dem der Kriegsopfer vermengen. Karin Ott (CSU) pflichtete ihr bei. Zumal das "Schabbesgärtchen" am Fahrradweg liege, der ja mal Bahnstrecke war.

Laut AK-Mitglied Dirk Hönerlage bezeichnet das Schabbesgärtchen den Ort, bis zu dem fromme Juden im Shabbat (eine Art Ruhetag), durften, ohne dass dies als Arbeitsweg galt.

Kreisheimatpflegerin Cornelia Mence zufolge spazierten die Mitglieder der als orthodox geltenden Brückenauer jüdischen Gemeinde vom Gebet in der Synagoge zum Gärtchen, um sich dort auszuruhen. Und kehrten später zurück. Mence kennt den Ort noch als kleine Grünanlage; heute ist dort ein Parkplatz mit Wasserhäuschen.

Ein Platz mitten in der Stadtgesellschaft

Heribert Übelacker (CSU) brachte den Marktplatz ins Gespräch. "Er ist der Platz mitten in der Gesellschaft, wo die Juden gelebt haben. Und wo heute die Masse der Bad Brückenauer ist." Adelheid Zimmermann (FDP) sagte, man müsse den Koffer etwas hervorheben, wenn er an den Marktplatz komme.

Es gab aber auch Fürsprecher für das alte Rathaus. Heike Kötzner (CSU) verwies auf eine dort bestehende Gedenktafel für die jüdischen Opfer der Pogrome; sie würde das Gedenken nicht so zerstreuen wollen. Emanuel Fritschka (PWG) sah am alten Rathaus "eine gewisse Tradition des Gedenkens".

David Fronczek (SPD) vermisste eine grafische Übersicht, wo am Alten Rathaus der Koffer genau hin soll. "Ich würde ihn nicht ganz so an den Rand stellen."

Der mögliche Standort Bahnhof wurde im Stadtrat nicht intensiv diskutiert, im AK Stolpersteine schon, wie Dirk Hönerlage berichtet. Die Vorstellung, dass die Brückenauer Juden von dort aus in die Vernichtung fuhren, greift seiner Ansicht nach nicht. Die sieben von der Deportation ab 1941 betroffenen Juden seien nicht mit dem Zug nach Würzburg gebracht, sondern vermutlich per Lkw zwangsverfrachtet worden.

Viele Juden flohen früher

Doch schon früher - nach der Pogromnacht 1938 - hätte nachweislich viele Juden die Stadt mutmaßlich mit dem Zug verlassen, um in Großstädten wie Frankfurt und Würzburg unterzutauchen. Das letzte Bild, was sie von ihrer Heimat sahen, mag der Brückenauer Bahnhof gewesen sein.

Deswegen steht speziell das Bad Brückenauer Gepäckstück für Hönerlage nicht nur für die Deportierten, sondern für rund 40 Juden, "denen der Koffer vor die Tür gestellt wurde", die also ihre Heimat vorher verließen. Laut Cornelia Mence lässt sich nicht mehr nachvollziehen, welche Verkehrsmittel sie nutzten.

Am Ende entschied sich der Stadtrat einstimmig fürs alte Rathaus als Standort. Das auch mit Blick darauf, dass beide Koffer am 24. September stehen sollen. Es schwang aber mit, dass das Schabbesgärtchen nach seiner Neugestaltung auch ein guter Standort sein könnte.