Bereits im Frühjahr 2019 reisten die Jugendlichen aus dem Landkreis Bad Kissingen nach Israel. Der Gegenbesuch israelischer Jugendlicher fand im Sommer des gleichen Jahres statt.

Die Ausstellung über den Israel-Kulturaustausch wurde bereits in Bad Kissingen und Hammelburg gezeigt und sollte schon im vorigen Jahr nach Bad Brückenau kommen, was durch den Lockdown nicht möglich war. So konnte sie nun diesem Jahr von Bürgermeister Jochen Vogel im Alten Rathaus offiziell eröffnet werden.

Elf Plakate mit 170 Polaroid-Aufnahmen und 27 Zitate umfasst die Ausstellung sowie weiterführende Informationen zur Geschichte der Partnerschaft zwischen der israelischen Region Tamar und dem Landkreis Bad Kissingen, die seit 1997 offiziell besteht.

Einblick in den Jugendaustausch und aktuelle Geschichte

Philipp Kreß nahm am Jugendaustausch teil. Er gab anlässlich der Eröffnung einen Einblick in den Austausch, spannte den Bogen aber deutlich weiter, hin zur aktuellen Geschichte. "Es sind nun über 76 Jahre vergangen, seit die Schreckensherrschaft der Nazis und damit auch die Shoah ein bitteres Ende genommen haben." Die systematische und industrialisierte Vernichtung, der Völkermord, die Zeiten, in denen die Juden in Deutschland die Koffer stets gepackt und jederzeit damit rechnen mussten, die Nächsten zu sein, die ihre Heimat und ihr Leben verlieren würden, diese Dinge waren mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 1945, vorbei. "Was damals jedoch noch nicht vergangen war und es auch bis heute nicht ist, das ist der Antisemitismus, die Judenfeindlichkeit, die nach wie vor in vielen Köpfen der Menschen verankert ist": Kreß erinnert an das Jahr 2019, als in Halle, an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, jemand versuchte, in eine Synagoge einzudringen und einen Massenmord zu begehen. In diesem Jahr konnte, wieder an Jom Kippur, ein Sprengstoffanschlag auf eine Synagoge in Hagen vereitelt werden.

Bedrückende Beispiele aus einem Monat

1909 antisemitische Vorfälle seien im vorigen Jahr gemeldet worden, doch die Dunkelziffer sei zweifelsfrei weitaus höher. Bedrückende Beispiele nannte Kreß alleine aus einem Monat: rassistisch-antisemitische Schmierereien an der Tür eines israelischen Restaurants in München; antisemitische Verschwörungstherorien gingen in Berlin an eine jüdische Organisation; ebenfalls in Berlin wurde eine hebräisch sprechende Frau angegriffen; bei einen Nachbarschaftsstreit beschimpfte ein Mann seinen Nachbarn antisemitisch; ein 19-jähriger Kippaträger wurde mit einem Stein beworfen; einem Juden wurde der Zugang zu einem Lokal verwehrt; ein Taxifahrer verharmloste gegenüber einem Fahrgast den Holocaust. "Das ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs, aber es zeigt etwas auf: Antisemitismus ist nie vergangen. Er ist bis heute eine reale Bedrohung für Jüdinnen und Juden in Deutschland."

Durch israelischen Freund nah am Geschehen

Ist es schon wieder soweit, dass jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger ihre Koffer gepackt haben müssen - für den Fall der Fälle? Kreß bezog sich auf das Gepäckstück "DenkOrt Deportationen", das erst vor kurzem enthüllt wurde und genau an diesen Schrecken zur Zeit der Naziherrschaft erinnere. "Wo soll die Reise hingehen? Der Antisemitismus nimmt in der gesamten westlichen Welt an Fahrt auf. Dieses Frühjahr hat gezeigt, dass Juden sich nicht mal in Israel 100 Prozent sicher fühlen können." Als das gesamte Land tagelang mit Raketen beschossen wurde, war Philipp Kreß durch seinen israelischen Freund, den er während des Jugendaustauschs gewonnen habe, so nah am Geschehen, wie es für jemand aus Deutschland möglich sei. "Wir konnten nicht fassen, was da los war."

Philipp Kreß: "Wir können es nicht einfach in Kauf nehmen, dass Juden aus unserem Land rausgeekelt werden. Wir können nicht einfach in Gleichgültigkeit verfallen und sagen: Sollen die doch woanders ihr Glück finden, ist doch nicht unser Problem."

Austausch als ein Lichtblick

Als einen "Lichtblick" in dieses düster gezeichnete Bild bezeichnete Kreß den Austausch. "Er ist ein Beispiel dafür, dass Zusammenleben und Freundschaft zwischen Christen und Juden, Deutschen und Israelis möglich ist." Der Austausch habe aber noch viel mehr gezeigt. "Ich habe in Israel eine unglaubliche Offenheit und ein tiefes Interesse erlebt. Wir haben dort miteinander kommuniziert, gelacht, über unsere gemeinsame Vergangenheit geredet." Und er habe echte Freundschaft gefunden. Genau das sei der Punkt der Ausstellung. "Wir können ein gesundes Zusammenleben schaffen und dafür kommt es auf jeden Einzelnen von uns an. Mit Offenheit, mit Zivilcourage und mit Empathie."

Hier knüpft der Jugendaustausch nahtlos an: "Unsere Kultur und Geschichte sind seit Jahrtausenden so eng vernetzt, auch über den Holocaust hinaus" und "es war sehr emotional, mit der Geschichte Israels und Deutschlands außerhalb des Klassenzimmers konfrontiert zu werden", lauten zwei der Zitate.