Was wären die Dörfer ohne Kirchturm? Und was die Türme ohne Glocken? Doch das scherte die deutschen Kriegsherren in den 40er Jahren kaum. Die Rüstungsindustrie brauchte dringend Metall für neue Waffen und so wurden viele Glocken eingeschmolzen. Der damalige Hammelburger Stadtpfarrer und Geistliche Rat, Johannes Martin, reagierte schnell und ließ zuvor noch Abgüsse anfertigen.
Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alle Glocken des Landkreises Hammelburg schriftlich zu erfassen und zu bearbeiten.

Mühselige Kleinarbeit

Seinen Spuren sind Renate und Erich Graser aus Aura gefolgt. Insbesondere die Abdrücke von Reliefbildern und Inschriften der Glocken interessierten das Ehepaar. Sie wurden unter anderem im Pfarramt der Stadtpfarrkirche St. Johannes fündig. Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass hier Abgüsse der Glockenverzierungen aus vielen Dörfern des Altlandkreises lagern.
"Diese wurden in mühseliger Kleinarbeit vom ehemaligen Caritas-Direktor Robert Kümmert in Zusammenarbeit mit Dr. Franz-Josef Oschmann mit Wachsabdrücken aus Modellgips hergestellt", brachte Renate Graser in Erfahrung. Wie Kümmert in seinem Buch "Die Glocken des Landkreises Hammelburg" schrieb, erhielt jede Pfarrei Abgüsse. Jeweils ein weiteres Exemplar ging an das Pfarramt Hammelburg.

1682 in Würzburg gegossen

Laut Glockenhistoriker Werner Scholz aus Wasungen sind das Pfarramt und die Stadt Hammelburg "deutschlandweit die einzige Institution, in der solche Abgüsse vorhanden sind". Gefunden wurde unter anderem auch der Abdruck einer Sulzthaler Glocke, auf dem zu lesen steht: "Ich wurde gegossen von Sebald Kopp im Jahre 1682 zu Würzburg".
Im Oberstock der Sakristei von St. Johannes lagern mehreren Kisten mit Exponaten - gut behütet von Jung-Küster Michael Brendan. Er übernahm sie von seinem Vorgänger Franz-Josef Schneider und sucht derzeit einen trockenen und sicheren Platz, wo er sie aufhängen kann. "Sie wurden in den 40er Jahren angefertigt und sind mit einer Art Mennige lasiert", vermutet Brendan.
Doch sind offensichtlich einige der Christus-, Kreuz- und Marienbilder, der lateinischen Inschriften und Models von Kirchenpatronen wohl verloren gegangen. Vorhanden sind noch 80 Exemplare, die oft den Namen des Glockenherstellers tragen.

Die Suche geht weiter

Als "Sucherin verlorener Kirchenschätze" ist Renate Graser auch dieser Spur gefolgt. Sie stieß auf berühmte Glockengießer, wie den genannten Sebald Kopp. Zu seiner Zeit war auch eine Gruppe Lothringer Glockengießer unterwegs, die den Glockenguss vor Ort praktizierten, wie in Elfershausen. Wenige Jahre nach dieser Ära begann ein Geselle in der Werkstatt von Kopps Sohn seine Karriere: Balthasar Neumann.
"Für unsere Heimatgeschichte wäre es wichtig, wenn sich noch weitere Glockenabgüsse finden", unterstreicht die Auraerin, die mit Hartnäckigkeit ihr Ziel verfolgt. Sie bittet die Verantwortlichen in den Pfarreien, "einmal nachzuschauen, ob noch Abgüsse vorhanden sind, um die Sammlung zu vervollständigen".
Denn Absicht der Hobbyhistorikerin ist es, "eventuell eine Ausstellung von den Abgüssen zu organisieren und festzustellen, welche Glocken nach dem Krieg zurückkamen".