• Sorge vor Blackout: Immer mehr Deutsche wollen sich bewaffnen
  • Nachfrage nach freiverkäuflichen Luftgewehren gestiegen
  • Waffensachverständiger: Geräte können leicht zu tödlichen Waffen umgebaut werden
  • Online-Shop-Verkäufer von Waffen rechtfertigt sich

Aus Sorge vor einem möglichen Blackout wollen sich offenbar immer mehr Deutsche bewaffnen. Nach Recherchen des SWR-Rechercheformats "Vollbild" und des ARD-Politikmagazins "Report Mainz" hat sich im Internet ein Geschäft mit freiverkäuflichen Luftgewehren entwickelt, die sich leicht zu tödlichen Waffen umbauen lassen. Die Bundesregierung hat unterdessen eine Liste mit Handlungsweisen herausgebracht, damit die Bürger*innen für einen möglichen Blackout gerüstet sind. 

Freiverkäufliche Pressluftgewehre werden vermehrt gekauft

Konkret geht es um Pressluftgewehre, so genannte Precharged-Pneumatic-Waffen. Diese dürfen Volljährige laut Waffengesetz ohne Erlaubnis kaufen, wenn die Waffen eine Energie von 7,5 Joule nicht überschreiten.

Allerdings sind die Gewehre so konstruiert, dass sie nach Angaben des Verkäufers mit wenigen Handgriffen so umgebaut werden können, dass sie anschließend eine Energie von mehr als 200 Joule erreichen, vergleichbar mit einer Polizeipistole aus den 60er-Jahren. Die für den Umbau nötigen Teile werden der Waffe beim Verkauf bereits beigelegt.

Dem SWR-Recherche-Format "Vollbild" und dem ARD-Politikmagazin "Report Mainz" ist es gelungen, solch eine beim Verkäufer derzeit nicht lieferbare Waffe zu erwerben. Gemeinsam mit dem Waffensachverständigen Thomas Malcher haben sie getestet, wie leicht man die Waffe umbauen kann und wie stark sie anschließend ist. Mit handelsüblichem Werkzeug ist es dem Profi in weniger als 15 Minuten gelungen, die Waffe zu modifizieren. Nach dem Umbau war sie so stark, dass sie problemlos eine große Wassermelone durchschoss. "Das ist gefährlich, das ist tödlich", so das Urteil des Waffensachverständigen. "Das ist erschreckend einfach, jeder Laie kann das genauso machen", sagt Malcher.

"Stück Vorsorge und ein Stück Sicherheitsgefühl" werde verkauft

Im Interview mit "Vollbild" und "Report Mainz" rechtfertigt sich der Verkäufer Jörg Sprave, der einen Onlineshop mit freiverkäuflichen Waffen und einen YouTube-Account mit knapp drei Millionen Abonnenten betreibt. Er hat die Waffen des amerikanischen Herstellers in Deutschland auf den Markt gebracht. In seinen Videos und beim Verkauf weise er stets daraufhin, dass Umbau und anschließender Besitz der Waffe ohne Genehmigung verboten seien. Zudem habe er das Gewehr behördlich abnehmen lassen. "Von daher habe ich das Gesetz in keiner Weise übertreten", sagt Sprave. Außerdem argumentiert Sprave, dass es im Ausland "viel gefährlichere Waffen" zu kaufen gebe als dieses Luftgewehr.

Nach Einschätzung von Sprave wollen viele seiner Kunden die Waffe kaufen, um sich auf einen Blackout und mögliche Folgen vorzubereiten. "Viele tausend Bürger haben Angst, dass in diesem Winter die öffentliche Ordnung zusammenbricht", sagt Sprave. Er selbst halte dieses Szenario zwar für äußerst unwahrscheinlich, den Verkauf der Waffen aber für vertretbar.

"Ich verkaufe den Menschen ein Stück Vorsorge und ein Stück Sicherheitsgefühl", so Sprave. Nach eigenen Angaben hat er bereits 8.000 solcher Luftgewehre verkauft, 2.000 davon seien ausgeliefert. "Wir können die Nachfrage nicht im Ansatz bedienen", so der Waffenhändler. Auch der Ansturm auf andere Waffenmodelle sei derzeit hoch.

Gewerkschaft der Polizei: "Geschäft auf Kosten der Sicherheit"

Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Michael Mertens, kritisiert, dass die Luftgewehre so verkauft werden dürfen. "Das ist ein Geschäft auf Kosten der Sicherheit", sagt Mertens, "diese Waffe kann Menschenleben kosten". Ihm mache Sorge, wie kreativ die Händler seien, um den Bedarf an Schusswaffen zu befriedigen, wo es eigentlich verboten sei. Er spricht von einer Gesetzeslücke und fordert die Bundesregierung auf, diese zu schließen. "Wenn jeder Mensch meint, sein Recht selbst in die Hand nehmen zu müssen, leben wir bald wieder im Wilden Westen".

Auf SWR-Nachfrage verweist das Bundesinnenministerium lediglich auf die bestehenden Gesetze. Der Verkauf der Waffen sei legal, auch wenn dort die Umbauteile beilägen. Für den Umbau und anschließend den Besitz benötige es spezielle Erlaubnisse. Ob man den Verkauf solcher Gewehre einschränken wolle, ließ das Ministerium offen.

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