Das Internet hat die Konsumgewohnheiten grundlegend verändert. Die Vorzüge sind vielfältig: Online können Verbraucher sieben Tage rund um die Uhr einkaufen. Die Ware kommt schnell, teilweise schon am nächsten Tag, die Auswahl ist groß, Produkte kosten häufig weniger und Preisvergleiche sind einfacher. Viele Menschen sparen sich auch mangels Zeit den Weg in die Innenstadt und die Parkgebühren. Was nicht gefällt, kann meist kostenlos zurückgeschickt werden. In etlichen Warengruppen – wie Bekleidung oder Elektronik – ist der Onlinekauf schon Standard.
Neben dem Branchenriesen Amazon spielen asiatische Plattformen eine wachsende Rolle. Auf Anbieter wie Temu, Shein und AliExpress entfielen im zweiten Quartal 5,3 Prozent der Onlinehandelsumsätze hierzulande – ein Rekordwert, wie der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland berichtet. Zwischen April und Juni steigerten die Portale ihre Umsätze im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 20 Prozent auf gut 1,1 Milliarden Euro. Beliebt sind sie vor allem wegen ihrer niedrigen Preise.
Verbraucher kaufen trotz Bedenken
Der Preis ist Umfragen zufolge derzeit für viele das wichtigste Kaufkriterium, Schnäppchen und Rabatte sind besonders begehrt. Viele bestellen trotz Bedenken bei der Produktqualität bei Temu und Shein, wie eine Studie des Marktforschungsunternehmens Appinio zeigt. Der extreme Preisreiz hebele Sorgen systematisch aus, heißt es.
Das Forschungsinstitut IW Consult hat im Auftrag des HDE untersucht, wie stark Temu und Shein dem Einzelhandel zusetzen. Der Branche entgehen demnach jährlich Umsätze in Höhe von 2,5 Milliarden Euro. Laut HDE entfällt etwa ein Drittel des Onlinewachstums 2026 auf Temu und Shein.
Vom hohen Preisbewusstsein profitieren auch Discounter. Anbieter wie Action oder Woolworth übernehmen nach Angaben des Handelsforschungsinstituts IFH Köln in vielen Warengruppen zunehmend die Rolle des Fachhandels. Handelsexperte Kai Hudetz sieht einen «Verlust der Mitte». Das Preiseinstiegssegment sowie Premium- und Luxusangebote gewännen an Bedeutung, mittlere Preislagen gerieten unter Druck.
Stimmung im Einzelhandel wird immer schlechter
Laut HDE-Umfrage geben 63 Prozent der Händler an, ihre Geschäftslage habe sich im ersten Halbjahr verschlechtert. Vor einem Jahr waren es 51 Prozent. Zwei Drittel erwarten 2026 niedrigere Umsätze als im Vorjahr, lediglich 18 Prozent höhere. Jeder sechste Einzelhändler fürchtet laut Ifo-Institut inzwischen um die Existenz, so viele wie nie zuvor.
Die Zahl der Insolvenzen erreichte 2025 nach Angaben des Kreditversicherers Allianz Trade den höchsten Stand seit zehn Jahren. 2026 blieb das Niveau hoch, schwächte sich aber leicht ab. Der Dekohändler Depot und die Baumarktkette Hellweg stellten kürzlich Insolvenzanträge. Zehntausende Geschäfte schlossen bereits in den vergangenen Jahren, nicht nur insolvenzbedingt. Der HDE erwartet, dass die Zahl 2026 auf unter 300.000 sinkt. Ende 2015 waren es noch etwa 372.000.
Knapp 80 Prozent der Händler berichten laut HDE-Umfrage, dass ihre Kundenfrequenz in den vergangenen zwei Jahren gesunken ist. Um das stationäre Geschäft zu beleben, fordert HDE-Präsident von Preen eine Lockerung der Regeln zu Sonntagsöffnungen. Unterstützung kommt von der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Präsident Peter Adrian spricht sich für eine Grundgesetzänderung aus, um die Rechtslage für verkaufsoffene Sonntage dauerhaft zu klären.