Ganz fürchterlich leidet der gerade noch junge Mann an der Mittelmäßigkeit seiner Existenz. Ihn dürstet nach Gefühl und Rausch, nach "Lust, Begierde und Überfluss". Er vermisst die Narben, verachtet sich selbst für den kindlich unversehrten Körper und Geist.

An der Schwelle zum 30. Geburtstag ist dieser gerade noch junge Mann namens S. ein auf das Maß unserer postheroischen Zeiten geschrumpfter "Faust". Wie Goethes Held leidet S. an der entzauberten Welt. Vor allem aber regiert ihn die Angst: vor Festanstellung, Heirat, Kindern und Cluburlaub.

Von dieser Angst erzählt Simon Strauß in seinem 2017 erschienenen Debüt "Sieben Nächte". Zwei Jahre später bringt das Bamberger ETA-Hoffmann-Theater in der Regie von Alexander Ritter das Stück auf seine Studiobühne.

Diese Wahl entbehrt nicht der Ironie. Denn erst vor kurzem hielt Strauß den deutschen Häusern vor, es sich mit der Adaption von Romanstoffen allzu leicht zu machen.

Als er am Premierenabend unter Beifall auf die Bühne trat, aber strahlte Strauß. Er schien einverstanden gewesen zu sein mit dem, was Regisseur Alexander Ritter und Dramaturgin Victoria Weich, die Schauspieler Denis Grafe und Clara Kroneck aus seinem Buch für die Bühne entwickelt haben.

Zwei großartige Schauspieler

Die mit 75 Minuten dramaturgisch dichte Inszenierung glückte, weil mit Grafe und Kroneck zwei großartige Schauspieler auf der Bühne stehen.

Dem hochtourigen Duktus von "Sieben Nächte" sind sie sprachlich und gestisch in jeder Sekunde gewachsen.

Die Inszenierung glückt auch deshalb, weil Weich und Ritter die streng monologische Form des Romans aufbrechen und S. auf diese Weise ein Gegenüber schenken. In unterschiedlichen Rollen balanciert Kroneck mit kühlem Blick das sturmlaufende Pathos von S. aus. "Ich lebe, glaube ich, vor allem falsch", sagt S. In sieben Nächten will er das richtige, und das bedeutet: das gefährliche und "entzündete Leben" im falschen suchen.

"Uns fehlt das Feuer"

Dafür schickt Strauß seinen S. nicht auf Himmel- und Höllenfahrten wie Goethe noch seinen Heinrich Faust. Das intensive, wilde Leben muss S. in sieben Nächten dort suchen, wo eine nivellierte Mittelschichtskultur überhaupt noch so etwas wie Grenzerfahrungen zulässt.

Dass sich die nächtlichen Expeditionen an den sieben Todsünden orientieren, glauben S. und die mephisto-gleiche T. wohl ihrem übersteigerten Selbstbild schuldig zu sein.

Die Wollust zum Beispiel glaubt S. in einem Swingerclub zu finden. Noch nicht einmal sein eigener Begriff von sexueller Entgrenzung aber verdankt sich eigenem Begehren. Er ist kulturellen Vorbildern entliehen, im konkreten Fall Stanley Kubricks pompösem Softerotikfilm mit Tom Cruise und Nicole Kidman in den Hauptrollen: "ein bisschen ,Eyes Wide Shut'".

Mit großem Differenzierungsvermögen spielt Grafe den gerade noch jungen S. als Schmerzensmann, der bei Lichte doch eher Poseur als ein Stürmer und Dränger aus eigenem Recht ist.

S. lebt in Zitaten und den von wilden Erfahrungen gesättigten Werken der Altvorderen hinterher. "Uns fehlt das Feuer. Der Mut. Wir ewig Zweiten. Die wir nachts heimlich die eigenen Namen in die Bücher unserer Väter schreiben, in der Hoffnung, das Erbe gäbe uns Kraft."

Sagt auf der Bühne Denis Grafe. Schreibt in "Sieben Nächte" Simon Strauß, der Sohn des Großschriftstellers Botho. Seit seinem "Anschwellender Bocksgesang" im Jahr 1993 haftet am bald 75-Jährigen der Ruf eines Gegenwartsverächters und Reaktionärs. Vielleicht motivierte insbesondere dieses Verwandtschaftsverhältnis Kritiker, auch Simon Strauß einen irgendwie Rechten zu nennen. Er schreibe "im Gewand der Romantik Pamphlete für die Neue Rechte" formulierte zum Beispiel die taz.

Systematische Ironisierung

Kompromisse öden S. an, von der Herrschaft identitätspolitischer Befindlichkeiten - Gender-Sternchen! - fühlt er sich belästigt. Er sehnt sich nach Feinden, die dem eigenen Denken und Sein Gestalt geben.

Natürlich muss der Zuschauer hier an Carl Schmitt denken, den im Nationalsozialismus diensthabenden Staatsrechtler. Natürlich kommen ihm Zornunternehmen wie die AfD in den Sinn. Deren Hofintellektueller Marc Jongen attestiert der Bundesrepublik eine Unterversorgung an Wut und Zorn. Die Folge: Verweichlichung, Entmännlichung, Dekadenz.

Als lässigen Kommentar dazu lässt Regisseur Ritter Clara Kroneck - mit Brille und zurückgekämmten Haar als AfD-Frontfrau Alice Weidel zu erkennen - vom Erfahrungsreichtum junger Flüchtlinge raunen. Diese besäßen noch ein "Schicksal, nicht nur ein falsches Leben".

Wer Strauß für einen Rechten hält, verwechselt nicht nur Autor und Figur. Er muss, schlimmer noch, für sein Urteil die Ironisierung der dunkel-romantischen Beschwörungsformeln vollständig ausblenden. Das Sehnen nach Feindschaft, nach Männlichkeit, Zorn, Wut, Geheimnis und Gefahr entlarvt "Sieben Nächte" als hohle Zitate vergilbter Ideale.

Die Bamberger Inszenierung akzentuiert diesen Zug noch. Als S. in Anrufung einer archaischen Männlichkeit wie von Sinnen sündhaft teures Fleisch verschlingt, verschluckt er sich. Mehr als alles andere ist "Sieben Nächte" in diesen Momenten die Persiflage einer aggressiven Selbstverwirklichungskultur.

Das ist sehr oft sehr komisch - und am Ende doch ganz schön ernüchternd. Schon bald wird S. ein Ehemann sein, Kinder haben, eine Festanstellung in einem wohltemperierten Büro. Auf mehr als eine blutende Wunde morgens von der Nassrasur glaubt er nicht mehr hoffen zu kommen. Überraschend komme jetzt nur noch der Tod.