Im Ukraine-Krieg versuchen russische Truppen Atomkraftwerke in der Ukraine unter ihre Kontrolle zu bringen. Angeblich haben sie die AKWs in Tschernobyl und Saporischschja eingenommen. Medien berichten über gestiegene Radioaktivität in der Nähe von Tschernobyl. 

Einige Menschen haben nun aus Angst angefangen, Jobtabletten zu bunkern. Das Bundesamt für Strahlenschutz hat sich jetzt in einer Pressemeldung zu den Befürchtungen geäußert.

Warum Jodtabletten bunkern sinnlos ist - Bundesamt für Strahlenschutz äußert sich

Aus Sicht des Bundesamts für Strahlenschutz liegen derzeit keine belastbaren Hinweise vor, wonach bei den Kampfhandlungen in der Ukraine radioaktive Stoffe in erhöhtem Maße ausgetreten sind. Das BfS verfolge die Lage aber aufmerksam. Dazu gehört auch die Situation rund um das ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja, nachdem russische Truppen nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation (International Atomic Energy Agency, IAEA) das Gebiet rund um das Kraftwerk unter ihre Kontrolle gebracht haben.

"Seit Beginn des Angriffs russischer Truppen auf die Ukraine am 24. Februar gibt es immer wieder Berichte über Kampfhandlungen im Zusammenhang mit kerntechnischen Anlagen. Aufgrund der Lage sind nur wenige Informationen verfügbar und diese sind schwer zu überprüfen. Radiologische Auswirkungen auf Deutschland sind nach dem Stand der verfügbaren Informationen nicht zu befürchten", teilt das Bundesamt mit. Nach Einschätzung des BfS wären mögliche Konsequenzen in allen beobachteten Fällen vor allem lokaler Natur.

In Deutschland werden in diesem Zusammenhang keine erhöhten Radioaktivitätswerte gemessen oder erwartet.

Selbstmedikation mit hochdosierten Jodtabletten ist gefährlich

Aufgrund der Entfernung zur Ukraine ist nicht damit zu rechnen, dass eine Einnahme von Jodtabletten erforderlich werden könnte. Von einer selbstständigen, unbegründeten Einnahme der Tabletten rät das BfS daher dringend ab. Eine Selbstmedikation mit hochdosierten Jodtabletten birgt erhebliche gesundheitliche Risiken, hat aktuell aber keinen Nutzen.

In Deutschland sind 189,5 Millionen Jodtabletten in den Bundesländern bevorratet, die bei einem Ereignis, bei dem ein Eintrag von radioaktivem Jod in die Luft zu erwarten ist, in den möglicherweise betroffenen Gebieten durch die Katastrophenschutzbehörden verteilt werden.

Die Einnahme von Jodtabletten schützt ausschließlich vor der Aufnahme von radioaktivem Jod in die Schilddrüse, nicht vor der Wirkung anderer radioaktiver Stoffe. Radioaktives Jod hat eine Halbwertszeit von wenigen Tagen. Das bei dem Reaktorunfall von Tschernobyl vor über 35 Jahren freigesetzte Jod ist mittlerweile vollständig zerfallen und kann deshalb nicht mit dem Wind nach Deutschland transportiert werden.

Was ist eine "Jodblockade"?

Nach einer Atombombenexplosion oder beim Brand eines Reaktors wie 1986 in Tschernobyl entstehen gefährliche radioaktive Isotope, darunter auch Jod-Isotope. Da die Schilddrüse über Atemluft, Nahrung und Getränke ständig Jod aufnimmt, ist gerade radioaktives Jod in einem atomaren Notfall besonders gefährlich. Radioaktives Jod wird dann in der Schilddrüse eingelagert und erhöht die Wahrscheinlichkeit für Schilddrüsenkrebs, besonders bei Kindern und Jugendlichen. 

Im Notfall, also einem Unfall in einem Kernkraftwerk, kann durch die Aufnahme von nicht-radioaktivem Jod in hoher Konzentration das radioaktive Jod sozusagen geblockt werden. Diese "Jodblockade" sättigt den Körper mit unschädlichem Jod und verhindert die Aufnahme von krebserregenden Jod-Isotopen. Wie das Bundesumweltministerium auf seiner Informationsseite erklärt, ist es aber wichtig, dass die Jodtabletten "zum richtigen Zeitpunkt eingenommen werden, damit sie optimal wirken."

Werden die Tabletten zu früh eingenommen, kann es passieren, dass das hoch dosierte nicht-radioaktive Jod schon wieder abgebaut ist, wenn radioaktives Jod aufgenommen wird. Der Schutz bestünde dann zu früh und wäre nicht ausreichend. Wird es zu spät eingenommen, ist der Schaden schon eingetreten. "Der richtige Zeitpunkt der Einnahme wird in einem Notfall von den Katastrophenschutzbehörden über die Medien bekannt gegeben", so das Bundesamt für Strahlenschutz.

Warum man jetzt keine Jodtabletten einnehmen sollte

Für den atomaren Katastrophenfall liegen bei den Katastrophenschutzbehörden Pläne für Notfallschutzmaßnahmen vor, darunter auch das Verteilen spezieller, hoch dosierter Jodtabletten. Das Bundesamt für Strahlenschutz weist auf seiner Webseite auch ganz klar darauf hin, dass die Einnahme von Jodtabletten zur Schilddrüsenblockade "nur nach ausdrücklicher Aufforderung durch die zuständigen Behörden erfolgen" sollte, da große Mengen Jod mit gesundheitlichen Risiken verbunden sind. 

Im aktuellen Fall der erhöhten Strahlung rund um Tschernobyl ist allerdings die Einnahme von Kaliumjodid-Tabletten überhaupt nicht angezeigt. Selbst, wenn sich die radioaktive Strahlung ausbreiten sollte, sind Jodtabletten nutzlos. Der Grund liegt darin, dass das radioaktive Isotop Jod-131 eine Halbwertzeit von 8 Tagen hat. Von dem Jod-131, das bei dem Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 freigesetzt worden war, ist keines mehr übrig, wenn man bedenkt, dass sich die Menge des radioaktiven Jods alle acht Tage halbiert und der Unfall inzwischen fast 36 Jahre her ist. Gegen andere radioaktive Isotope wie Strontium oder Caesium wäre eine Jodblockade völlig nutzlos. Laut offiziellen Angaben sind übrigens genügend Jodtabletten für den atomaren Notfall vorhanden, die dann ausgegeben würden. 

Im Handel erhältliches, medizinisches Jod, das etwa bei Schilddrüsenbeschwerden eingenommen wird, ist viel zu niedrig dosiert, um für eine eventuelle Jodblockade sinnvoll nutzbar zu sein. Die Dosierung ist etwa um den Faktor 1000 zu niedrig.