Kühlregale, die plötzlich heizen: Fragen und Antworten zum Hackerangriff

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In Hunderten europäischen Supermärkten wurden Kühlanlagen aus der Ferne in den Heizmodus geschaltet – Lebensmittel verdarben, teils kam es zu Schwelbränden. Wie konnten die Angreifer eindringen?

Verdorbene Tiefkühlkost, warme Fleischtheken und enorme Schäden: In mehreren europäischen Ländern - und auch in Deutschland - haben Unbekannte gewerbliche Kühlanlagen per Cyberangriff manipuliert. Auch in Bayern wurde eine Edeka-Filiale wahrscheinlich auf diese Weise angegriffen. Wie liefen die Attacken ab und warum hängen die Geräte überhaupt am Netz? Die wichtigsten Fragen und Antworten. 

Was genau ist bei den Angriffen passiert? In hunderten europäischen Supermärkten - zunächst vor allem in Frankreich, später auch in Belgien, den Niederlanden, Schweden und schließlich auch Deutschland - fielen die Kühlsysteme aus. Die Angreifer schalteten die Anlagen aus der Ferne nicht bloß ab, sondern aktivierten gezielt den Abtau- oder Heizmodus. Dadurch kletterten die Temperaturen in Kühlregalen und Tiefkühltruhen teils auf bis zu 50 Grad. Fleischwaren, Milchprodukte und Tiefkühlkost verdarben massenhaft. In einzelnen Fällen überhitzten Einheiten so stark, dass es zu Schwelbränden kam. Verlässliche Schätzungen zur genauen Höhe der Schäden gibt es bislang nicht. 

Warum die Kühlsoftware keine Fehler meldete

Gibt es keine automatischen Alarmmeldungen? In der Theorie ja, in der Praxis wurden die Sicherheitsmechanismen jedoch ausgehebelt oder wirkten verzögert. Die Reglerprotokolle sahen das Abtauen als regulären, manuell ausgelösten Wartungsbefehl an, weshalb die Software zunächst keinen Fehler meldete. Zudem passierten die Angriffe in der Regel gezielt nachts, als die Filialen geschlossen waren. Zwar sendeten manche Systeme schließlich Temperaturwarnungen an externe Notfallleitstellen oder Bereitschaftsdienste, doch bis Techniker reagieren oder vor Ort eintreffen konnten, war die Kühlkette in vielen Fällen bereits seit Stunden unwiderruflich unterbrochen.

Warum sind Kühlanlagen überhaupt aus dem Internet erreichbar? Moderne Supermärkte betreiben hochkomplexe Kältekreisläufe, deren lückenlose Überwachung gesetzlich vorgeschrieben ist. Um nicht für jede Einstellungsänderung oder Störungsmeldung einen Techniker vor Ort schicken zu müssen, setzen Betreiber und externe Dienstleister auf Fernzugriff.

Das spart Personal- und Anfahrtskosten. Serviceunternehmen können Abtautakte programmieren, Alarme empfangen und den Energieverbrauch zentral aus der Ferne optimieren. Aus Bequemlichkeit oder technischer Nachlässigkeit wurden diese Steuerungsmodule bei der Installation jedoch oft direkt an das Firmennetzwerk oder gar ohne zwischengeschaltete Schutzschilde ans offene Internet angebunden - statt sie in isolierte Spezialnetze einzubinden. 

Staatlich gelenkter Sabotageakt nicht auszuschließen

Wie gelang den Cyberkriminellen der Zugriff auf die Systeme? Das Einfallstor war die vernetzte Betriebstechnik. Betroffen waren dem Vernehmen nach vor allem Steuerungsmodule von Herstellern wie Danfoss. Viele dieser Einheiten waren ungeschützt über das öffentliche Internet auffindbar. Die Angreifer nutzten offenbar automatisierte Suchprogramme, um offene Systeme im Netz aufzuspüren, und verschafften sich über bekannte Schwachstellen veralteter Software oder unveränderte Standard-Passwörter den Zugriff. 

Welches Motiv steckt hinter den Taten? Bislang gibt es kein Bekennerschreiben und auch keine Erpressungsversuche - die Täter forderten kein Lösegeld, wie es bei typischen Ransomware-Attacken der Fall ist. Reine Sabotage scheint das Ziel gewesen zu sein. Sicherheitsexperten diskutieren zwei Szenarien: Zum einen könnte es sich um staatlich gelenkte oder geduldete Akteure handeln, die gezielt kritische Infrastrukturen testen und die Lebensmittelversorgung verunsichern wollen.

Zum anderen könnten sogenannte "Script Kiddies" oder kriminelle Hackergruppen am Werk sein, die schlicht ausprobieren, welche Schäden sich mit öffentlich verfügbaren Werkzeugen anrichten lassen.

Supermärkte bleiben wahrscheinlich oft auf dem Schaden sitzen

Besteht ein Risiko für die Verbraucher? Eine direkte Gefahr durch verdorbene Lebensmittel im Verkauf ist gering. Betroffene Filialen bemerkten die Temperaturanstiege in der Regel bei Schichtbeginn; die Waren wurden entsorgt und kamen nicht in den Umlauf. Kurzfristig führte dies mancherorts zu leeren Regalen und vorübergehenden Schließungen von Frischeabteilungen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass gehackte Filialen versucht haben, verdorbene Lebensmittel noch zu verkaufen. 

Kommen Versicherungen für solche Schäden auf? Das hängt stark von der individuellen Police ab und führt im Handel oft zu Rechtsunsicherheiten. Klassische Betriebsinhalts- und Kühlgutversicherungen decken meist Schäden durch technischen Defekt oder Stromausfall ab, schließen reine Cybervorfälle jedoch häufig aus.

Reine Cyberversicherungen wiederum decken zwar oft Betriebsunterbrechungen und IT-Wiederherstellungskosten ab, verlangen aber vertraglich definierte Mindestsicherheitsstandards. Wenn eine Anlage grob fahrlässig mit Standard-Passwörtern direkt ans öffentliche Netz angebunden war, können Versicherer die Regulierung verweigern oder kürzen. 

Sicherheitsvorkehrungen für Kühlungen werden verschärft

Wie reagieren Sicherheitsbehörden und der Handel? Europäische Cybersicherheitsbehörden wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) haben dringende Warnungen herausgegeben. Supermärkte und Betreiber industrieller Anlagen wurden aufgefordert, sämtliche Steuerungsgeräte sofort vom öffentlichen Netz zu trennen.

Fernwartungen dürfen nur noch über abgesicherte, verschlüsselte Verbindungen (VPN) und mit Zwei-Faktor-Authentifizierung erfolgen. Zudem wird geprüft, ob Standards für die digitale Gebäude- und Logistiktechnik gesetzlich strenger reguliert werden müssen.

Vorschaubild: © Philip Dulian/dpa