Wie aber konnte es dann geschehen, dass Woelki heute als einer der umstrittensten Kirchenmänner der Republik gilt? «Der Witz ist ja der», holt Meurer aus, «in allen Religionen, allen Kirchen gibt es unterschiedliche Positionen. Es gibt eine eher liberale Position, da gehöre ich zum Beispiel zu. Es gibt eher fundamentale Positionen, das war - nicht theologisch, aber politisch - Papst Benedikt. Es gibt Leute, die sind ein bisschen heizefeiz wie Papst Franziskus, also immer für Überraschungen gut.» Und wo sieht er Woelki? «Ich habe immer gesagt, er ist eine ehrliche Haut. Ich sage aber auch: Oft will er das Beste und macht das Falsche.» Falsch sei zum Beispiel, dass er oft den Rechtsweg beschreite.
Wer sich länger mit Woelki unterhält, der spürt - auch wenn er es nicht ausspricht - eine tiefe Verletzung durch öffentliche Kritik und Zurückweisung. Sie dürfte auch der Grund für die Klageverfahren etwa gegen Medienberichte sein. «Es gab sicher Momente, in denen ich mich in den Medien nicht fair dargestellt gefühlt habe», sagt er. Inzwischen habe er sich damit aber versöhnt.
Kritiker würden an dieser Stelle einbringen, dass es immerhin Papst Franziskus selbst war, der ihm einst «große Fehler» in seiner Kommunikation zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen vorwarf. Woelki selbst beruft sich darauf, mit als erster ein unabhängiges Gutachten zum Umgang des Erzbistums mit Kindesmissbrauch in Auftrag gegeben zu haben - ein Gutachten, in dem die Verantwortlichen namentlich benannt wurden.
Die Medien hätten ihm Etiketten aufgeklebt, sagt er. «In Berlin war ich der junge, dialogfreudige Bischof, in Köln der Hardliner.» Seine eigene Sicht: «Natürlich habe ich mich im Laufe der Jahre verändert, aber im Kern bin ich derselbe geblieben.» Und: «Das meiste würde ich heute wieder so machen, wie ich es gemacht habe.»
Woelki steht an der Spitze eines Bistums, das für eine besondere Ausprägung des Katholizismus bekannt ist: den rheinischen. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er den lieben Gott auch mal einen guten Mann sein lässt, also alles nicht so furchtbar ernst nimmt. Stattdessen schätzt der rheinische Katholik Pragmatismus, Toleranz und Lebensfreude. Woelki ist nun zwar gebürtiger Kölner und lebenslanger FC-Fan, aber sonst nicht unbedingt ein rheinischer Katholik in idealtypischer Ausprägung. So ist er definitiv einer der Bischöfe, die sich dem Erneuerungsprozess der katholischen Kirche in Deutschland, dem Synodalen Weg, am entschiedensten widersetzen.
Das Erzbistum Köln ist nur noch die Nummer 2 in Deutschland
Aus seiner eigenen Perspektive geschieht dies aber nicht aus ideologischer Verbohrtheit. «Alles, was ich gesagt habe, war, dass wir den Menschen keine Versprechen machen sollten, die wir am Ende nicht halten können. Eine Forderung wie die nach dem Diakonat der Frau, die ist eben weltkirchlich nicht durchzusetzen.»
Bis vor wenigen Jahren war das Erzbistum Köln das größte Bistum in Deutschland, mittlerweile ist es hinter Münster auf Platz 2 zurückgefallen. Hauptgrund: Kirchenaustritte. Woelki verweist auf etwas anderes: «Nach Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz sind wir hier in Köln das Bistum mit den meisten Erwachsenentaufen. Ich bin überrascht und glücklich darüber, was in den letzten Jahren bei uns alles gewachsen ist.»
Bischöfe werden normalerweise erst mit 75 vom Papst in den Ruhestand geschickt. Demnach bleiben Woelki noch fünf Jahre. «Ich kann sagen, dass ich mich weder alt noch müde fühle. Eher beflügelt. Eigentlich hat mir meine Tätigkeit noch nie so viel Spaß gemacht wie jetzt.»