Gerade in alternden europäischen Gesellschaften entstehe dadurch ein Generationenkonflikt, sagt der Wissenschaftler: «Junge Menschen werden die langfristigen Konsequenzen heutiger Entscheidungen besonders stark zu spüren bekommen, verfügen aber gleichzeitig über vergleichsweise wenig politisches Gewicht.» Gerade für Schülerinnen und Schüler, die häufig noch nicht wahlberechtigt seien, sei Protest eine der wenigen Möglichkeiten, ihre Interessen öffentlich sichtbar zu machen und politischen Druck aufzubauen.
Kann es hier zu Ausschreitungen kommen wie in Frankreich und Italien?
Behörden schließen wie immer in solchen Situationen nichts aus, äußern sich aber relativ gelassen. Das Bundesinnenministerium sieht vorerst keine konkreten Aufrufe zu Gewalt. Aktuell lägen den Sicherheitsbehörden des Bundes keine weitergehenden Erkenntnisse zu geplanten gewalttätigen Ausschreitungen im Zusammenhang mit den Demonstrationen und Versammlungen vor, sagte ein Sprecher. Allerdings griffen Teile der linksextremistischen Szene und vereinzelt Gruppierungen aus dem auslandsbezogenen Extremismus die Demonstrationsaufrufe auf und beteiligten sich an der Mobilisierung.
Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel sagte am Mittwoch, es gebe «Aufrufe, die versuchen, an das Protestgeschehen in Frankreich anzuschließen». Allerdings verfingen diese derzeit nicht. Es gebe bislang keine konkreten Hinweise auf Planungen für Plünderungen wie etwa in Frankreich.
Forscher Grimm hält Ausschreitungen in einem Ausmaß wie in Frankreich für unwahrscheinlich. So gehe die Polizei dort deutlich härter vor. Außerdem sei die gesellschaftliche Akzeptanz konfrontativer Protestformen in Deutschland geringer, weshalb damit für Protestbewegungen wenig zu gewinnen sei.
Nina-Kathrin Wienkoop vom Berliner Institut für Protest- und Bewegungsforschung betont: «Es wäre wichtig, dass die schon rhetorisch vorweggenommene Eskalation nicht die Einsatzplanung der Polizeibehörden beeinflusst. Der Verlauf der Demonstrationen in Frankreich sollte nicht die polizeilichen Maßnahmen hierzulande bestimmen.» Stattdessen sollten sich die Behörden wie üblich an Teilnehmendenzahlen und Erkenntnissen vor Ort orientieren.
Warum erregt der Protesttag so viel Aufmerksamkeit?
Dass die angekündigten Demonstrationen so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, liegt nach Einschätzung Wienkoops an der Lage in Deutschlands Nachbarland. «Ohne die Ausschreitungen in Frankreich würde die Frage, ob es auch in Deutschland am Samstag zu Gewalt kommt, in Medien und Politik nicht so thematisiert. Das ist im Übrigen auch die offensichtliche Gelegenheit für die Protestaufrufe selbst.»
Zur großen Aufmerksamkeit beigetragen haben mutmaßlich auch Wortmeldungen der vergangenen Tage. So sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, der «Bild» über Menschen, die die offiziellen Proteste für sich nutzen wollten: «Das sind junge Krawallmigranten, die Bock auf Gewalt gegen die Polizei haben. Die müssen wir im Zaum halten und die dürfen auch keine Gnade von uns erwarten.»
Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) verwies auf Aufrufe besonders aus der linksradikalen Szene. Man habe sich dafür bewusst Halloween ausgesucht - einen Tag, an dem sich Menschen maskieren und «im Schutz der Maskerade» bereits in der Vergangenheit Körperverletzungen und Sachbeschädigungen begingen. «Der Tag wird zum Anlass genommen, um Dinge gezielt aus dem Ruder laufen zu lassen», sagte Redmann. Er sprach vom gezielten Versuch, französische Verhältnisse nach Deutschland zu holen.
Wie steht «Gen Z regelt» zu Gewalt?
Auf seiner Website stellt «Gen Z regelt» klar: «Unser Protest ist friedlich, ohne Ausnahme. Gewalt gegen Menschen oder Sachen widerspricht allem, wofür wir stehen. Nur friedlich können wir gemeinsam etwas erreichen.»
In sozialen Medien liest sich das allerdings zum Teil weniger eindeutig. «Während in anderen Ländern Bomben aus deutscher Produktion auf Schulen geworfen werden, diskutiert man hierzulande, ob und wie schlimm es wäre, wenn ein Gucci-Laden von den Massen enteignet würde», heißt es in einem Post auf einem Instagram-Konto mit dem Namen «genzregelt» mit mehr als 9.000 Followern. «Fördert nicht die Narrative von einer Spaltung in friedliche und gewaltvolle Demonstrierende.»
Wo soll demonstriert werden?
Demonstrationen waren zuletzt für knapp 30 deutsche Städte angekündigt. In Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt und München organisiert «Gen Z» nach eigenen Angaben Inhalte und Ablauf.