Besonders eindrucksvoll wächst die Verschuldung auch in China: Gemessen am Wirtschaftswachstum hat sich die dortige Staatsverschuldung laut IWF innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt: von 50 auf voraussichtlich knapp 107 Prozent des BIP Ende dieses Jahres. Gleichzeitig ist die Verschuldung des Privatsektors - ohne Banken - 2025 auf eine extrem hohe Quote von 313 Prozent gestiegen. Chinas Exportoffensive ist auf Pump finanziert, viele Firmen schreiben rote Zahlen.
Es gibt keinen fixen Grenzwert für die Gefahr
Doch wie gefährlich ist diese Entwicklung? «Es gibt für die großen Volkswirtschaften keine Richtwerte, aus denen Ökonomen ableiten könnten, ab wann der Verschuldungsgrad wirklich problematisch wird», sagt der Würzburger Ökonom Peter Bofinger. «Japan ist das Beispiel für ein Land, das über Jahre mit einer Schuldenstandsquote von 200 Prozent und mehr leben kann.» Der Großteil der durch die Verschuldung erzeugten liquiden Mittel werde von den Japanern gekauft und auch in Japan angelegt.
Ein Problem entsteht nach Bofingers Worten, wenn ein Land in einer fremden Währung verschuldet ist, oder das Geld aus dem betreffendem Land abfließt, die Währung abwertet und Inflation folgt. «Für die USA wäre es eine kritische Situation, wenn die globalen Investoren, die bisher den Dollar für eine sichere Anlage halten, Angst bekämen», sagt der Wissenschaftler. «Das ist das Risiko.» US-Anleihen gälten bisher im globalen Finanzsystem quasi als absolute Sicherheit.
Vertrauen in die USA nicht mehr unbegrenzt
Doch gibt es ein Indiz, dass das Vertrauen in die USA keineswegs unerschütterlich ist: Im August stieg die Verzinsung zehnjähriger US-Anleihen auf fünf Prozent, den höchsten Stand seit 2007, dem Jahr vor der globalen Finanzkrise. «Die hohen Zinsen für US-Staatsanleihen zeigen, dass auch für die USA die Bäume nicht in den Himmel wachsen», sagt Bofinger.
Die fiskalische Dynamik sei in einigen Ländern sicher bedenklich, meint Henning Potstada, Mitglied der Geschäftsführung bei der DWS. Der Vermögensverwalter der Deutschen Bank zählt ebenfalls zu den Schwergewichten des Finanzmarkts. Die USA hätten allerdings strukturelle Vorteile. Potstada nennt unter anderem den Dollar als globale Leitwährung, das hohe Potenzialwachstum der US-Wirtschaft und die Energieunabhängigkeit.
Zudem haben frühere Sorgenkinder wie Italien, Spanien oder Griechenland ihre Schuldenstände reduziert. Die fiskalische Dynamik in den USA sei zwar besorgniserregend und Besserung schwer zu erkennen, sagt Potstada. «Bis zu einer Weltschuldenkrise ist es aber noch ein langer Weg.»
Für die meisten Menschen auf der Welt ist der Schuldenstand ihrer jeweiligen Regierung eine abstrakte Angelegenheit ohne Bezug zum Alltag. Wenn die große Katastrophe in naher Zukunft nicht zu befürchten ist, kann die Entwicklung Normalbürgerinnen und -bürgern am Ende schnurzegal sein?
Die Bürger leiden auch ohne die ganz große Krise
Nein, denn die Folgen sind sehr wohl zu spüren. Wachsende Schulden bedeuten steigende Zinszahlungen. Dieses Geld fehlt den Regierungen anschließend, sei es für Investitionen, Wohnungsbau oder Sozialleistungen. So werden sich nach Berechnung des Ifo-Instituts die Zinszahlungen der Bundesregierung bis 2030 von 50 Milliarden auf 100 Milliarden Euro im Jahr verdoppeln.
Regierungen könnten Ausgaben kürzen und/oder die Steuern erhöhen, doch beides ist unpopulär. Bleibt eine dritte Lösung, die direkt zu Lasten der Bürger geht: Erhöhte Inflationsraten, die den Wert des Geldes und der Schulden gleichermaßen mindern. «Signifikante fiskalische Einsparungen oder Steuererhöhungen sind in kaum einem Land zu erwarten in Anbetracht anstehender Wahlen und steigenden Populismus», sagt Allianz-Ökonomin Utermöhl. «Langfristig scheint also ein Weginflationieren der Schulden auf dem ein oder anderen Weg die einzige Lösung.»