Dieser Graubereich schafft auch ein bisschen Spielraum für die Kölner Organisation «Anar Academy», die online für Mädchen in Afghanistan die Schulfächer der siebten bis zwölften Klasse anbietet. Mehr als 1.400 Schülerinnen seien in diesem Jahr landesweit in das Programm aufgenommen worden, sagt die Leiterin der Anar Academy, Benazir Poya. Viele könnten es jedoch nicht beenden, oft wegen Internetproblemen oder weil die schwierige wirtschaftliche Lage im Land den Familien zu schaffen mache.
Afghanistan durchläuft derzeit eine schwere humanitäre Krise. Gleichzeitig gehen internationale Mittel an das Land immer stärker zurück. Ende August seien lediglich knapp 30 Prozent der für das laufende Jahr geplanten Gelder gekommen, schreiben die Vereinten Nationen. Dabei greift Hunger um sich und die ärztliche Versorgung verschlechtert sich zusehends.
Es ist ein Dienstagvormittag, langsam trudeln Schülerinnen in den digitalen Klassenraum ein, um an dem Online-Unterricht der Organisation Anar Academy teilzunehmen. Einige kommen etwas später dazu, eine Schülerin fragt im Chat: «Ist die Lehrerin schon da?»
Knapp 30 Schülerinnen versammeln sich und die Lehrerin kommt tatsächlich etwas später. Sie habe sich erst einmal Internetzugang verschaffen müssen, den Unterricht habe sie von einem Hügel aus geführt, erklärt sie später.
Dann geht der Englischunterricht los. Die Schülerinnen der zwölften Klasse diskutieren miteinander über Präsentationen zu unterschiedlichen Themen. Ein Mädchen spricht in einem Vortrag über Gefahren für die weltweite Arbeitsplatzentwicklung durch Künstliche Intelligenz, in einer anderen Präsentation erklärt eine Schülerin historische Ansätze, um anhand von Sternenkonstellationen die muslimische Gebetsrichtung zu lesen.
Die Unterrichtsstunden fänden unter Sicherheitsvorkehrungen statt – insbesondere für die Lehrerinnen, erklärt die Leiterin der Kölner Organisation. Einer ihrer Lehrer sei vor zwei Jahren von Sicherheitsbehörden festgenommen und geschlagen worden. Eine geheime Schule, die sie im Norden des Landes betrieben hatten, hätten sie geschlossen – zu groß sei die Angst vor Repressionen.
Schülerin: «Ich weigere mich, ungebildet zu bleiben»
Im Online-Klassenraum geht es nach Englisch für die Zwölftklässlerinnen der Anar Academy gleich mit Mathematik weiter. Vorher wollen einige aber noch etwas loswerden: Der Online-Unterricht könne nie die Lücke zum Präsenzunterricht schließen. Aber sie würden nicht aufgeben, sagt eine. Eine andere sagt, sie wolle, dass ihre Kinder sie nicht als analphabetische Mutter sehen, die nichts getan habe, als zu gebären. «Ich weigere mich, ungebildet zu bleiben», sagt sie.
Die Leiterin der Präsenzschule im Land sieht aber auch Defizite beim Online-Unterricht. Während Corona habe man gemerkt, wie anstrengend das sei. «Die Mädchen sind keine Gefangenen, die ihr ganzes Leben zu Hause bleiben sollten. Für die ist es gut, zusammenzukommen, einen Freundeskreis zu haben und die Gelegenheit, mit anderen in Austausch zu kommen.»