Wie lange wird sich der Ukraine-Krieg noch hinziehen? Und greift Putin doch noch zu Atomwaffen? Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte erst vor kurzem, die Drohungen des Kremlchefs nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Und US-Präsident Joe Biden warnte sogar vor einem bevorstehenden "Armageddon". Geschichtsexperte Timothy Snyder geht dagegen von einem komplett anderen Szenario aus – das aber ebenfalls beunruhigend klingt.

In einem aktuellen Blog-Eintrag geht der Yale-Professor auf die Frage ein: "Wie wird der russisch-ukrainische Krieg enden?" Snyder sieht die Ukraine im Vorteil: Denn deren militärische Erfolge würden zunehmend Druck auf die russische Regierung und den "Tyrannen Putin" ausüben und auch in Russland politische Änderungen erzwingen. Dieser Prozess habe bereits begonnen.

Ende des Ukraine-Kriegs in Sicht? Das sagt ein Experte

Obwohl sich die ukrainischen Soldaten bisher als "beeindruckend gute Kämpfer" erwiesen hätten, sei ein Sieg gegen Russland für viele Außenstehende immer noch nicht vorstellbar. "Das liegt daran, dass unsere Vorstellungskraft in einem einzigen und eher unwahrscheinlichen Szenario gefangen ist, wie der Krieg enden wird: mit einem nuklearen Anschlag", erläutert Snyder. Diese Option löse bei vielen Menschen Angst aus – doch wie wahrscheinlich ist sie?

Snyder geht davon aus, dass sich die russischen Streitkräfte schon in den kommenden Wochen oder Monaten aus der Ukraine zurückziehen werden. "Dieser Krieg wird ziemlich sicher nicht mit einem Einsatz von nuklearen Waffen enden", stellt Snyder klar. Putin wolle mit seinen Drohungen nur weiter Angst schüren und die Unterstützung vonseiten westlicher Staaten hinauszögern. "Die rhetorische Eskalation ist eine der wenigen Maschen, die er noch übrig hat."

Ein geplanter Atomanschlag passe nicht mit Putins Teilmobilisierung zusammen, denn so würden auch etliche russische Soldaten sterben. Zudem würden dadurch von Russland annektierte Gebiete zerstört werden. "Es ist nicht unmöglich, aber es ist sehr unwahrscheinlich", fasst Snyder zusammen. "Und selbst wenn es passieren würde, würde es nicht den Krieg beenden, oder zumindest nicht zu einem russischen Sieg führen." Stattdessen würde dieses Szenario "mächtige Antworten" anderer Länder hervorrufen, beispielsweise vonseiten der USA.

Die russischen Soldaten stünden entgegen vieler Einschätzungen aktuell nicht mit dem Rücken zur Wand, sondern könnten sich noch sicher nach Russland zurückziehen. Putin solle sich lieber auf seine Machterhaltung in Moskau konzentrieren, sagt Snyder. Denn die Wirkung der medialen Propaganda in seinem eigenen Land bröckele bereits und die Realität des Krieges erreiche immer mehr Russen. Zudem würden auch innerhalb des Militärs verstärkt Zweifel an Putins Kriegsstrategie und dem russischen Erfolg aufkommen.

Neuer Konflikt innerhalb Russlands bahnt sich an

Für Putin bedeute dies: "Es wäre schlimm, in der Ukraine zu verlieren, aber noch schlimmer, in Russland zu verlieren." Snyder halte es für möglich, dass sich der Krieg zu einem internen Konflikt unter russischen Militärgrößen verschieben und zu einem Machtkampf im Kreml ausarten werde – weshalb es für Putin keinen Sinn mehr mache, seine Soldaten im Ausland einzusetzen. Dieses Szenario sei laut Snyder viel wahrscheinlicher als ein "Tag des jüngsten Gerichts".

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