Weil sie öfter an andere dachte als an sich selbst, konnte Regina Brieler ihr Leben lang nur wenig Rente einzahlen. In einer neuen ARD-Doku über "Das Los der Herkunft" schildert die 71-Jährige die Folgen.
Regina Brieler ist 71 Jahre alt. "Ich habe 295 Euro, die mir im Monat zum Leben bleiben", sagt die Rentnerin in der neuen ARD-Reportage "Arm sollst du bleiben? Das Los der Herkunft". Der Film versucht die Frage zu beantworten, ob das Versprechen vom sozialen Aufstieg für alle gleichermaßen gilt. Die Geschichten, die er erzählt, lassen daran Zweifel aufkommen.
Regina lebt in der Nähe von Münster. Viel Spielraum blieb ihr finanziell nie. Nach ihrer Ausbildung zur Säuglingsschwester arbeitete sie zunächst bei Karstadt, später kamen Kinder und familiäre Verpflichtungen hinzu. Nach einem Unfall war sie über längere Zeit arbeitsunfähig. Statt Karriere und Altersvorsorge standen für sie stets andere Menschen im Mittelpunkt. Die Pflege ihrer Angehörigen hatte Vorrang. "Das würde ich auch immer wieder tun", sagt sie. "Bereuen" würde sie nichts. Immer zuerst die anderen, dann sie selbst. Eine Entscheidung, die heute Folgen hat.
Große Rücklagen hat die 71-Jährige nicht. Am Monatsende bleiben ihr gerade einmal 295 Euro zum Leben. Viel ist das nicht. Doch Resignation klingt bei ihr nicht durch. Wenn man das "gewohnt" sei, dann "kommt man damit hin", sagt sie. Ein Satz, der weniger nach Zufriedenheit klingt als nach jahrzehntelanger Anpassung an ein Leben mit Verzicht.
14-jähriger Enkel sammelt Pfandflaschen
Auch ihr Enkel Lukas weiß, was es bedeutet, jeden Cent zweimal umzudrehen. Der 14-Jährige spart munter auf seinen Rollerführerschein und sammelt dafür gelegentlich Pfandflaschen. "Ich mein', das ist wie Geld, nur in anderer Form", sagt er. Sein aktueller Berufswunsch: Verkäufer. Für ihn sei der Job "ganz okay". Seine Großmutter hofft, dass ihre Enkel einmal die Freiheit haben werden, aus ihrem Leben das zu machen, was sie wirklich möchten. Eine Selbstverständlichkeit ist das in ihrer Welt eben nicht.
Wie sehr finanzielle Zwänge bis über den Tod hinaus wirken, zeigt ein besonders bewegender Moment der Dokumentation. Angehörige von Regina wurden aus Kostengründen anonym auf dem Waldfriedhof in Münster beerdigt. Mit den Tränen ringend erzählt die Rentnerin davon. Auch sie beschäftigt sich bereits mit ihrer eigenen Bestattung. Ihr Wunsch: eine anonyme Beisetzung - aus Kostengründen. Selbst die letzte Ruhestätte wird für viele Menschen zur Kostenfrage.
Can (18) hat das System gesprengt
Neben Regina begleitet die Dokumentation auch Martin Süsterhenn, der seit zehn Jahren eine Gesamtschule im Kölner Stadtteil Kalk leitet. Von den rund 1.300 Schülerinnen und Schülern sprechen 78 Prozent zu Hause kein Deutsch, 60 Prozent der Familien beziehen Bürgergeld. Viele Kinder kommen morgens ohne Frühstück in den Unterricht.
Jeden Morgen schmieren Schulleiter, Lehrkräfte und Eltern ehrenamtlich bis zu 150 Brote für hungrige Schüler. Für Süsterhenn ist das Ausmaß der Not erschreckend. Manche seiner Schülerinnen und Schüler leben in einer "erbärmliche Armut", sagt er. Gleichzeitig fehlen die Mittel, um bestehende Ungleichheiten wirksam auszugleichen. Unterstützung durch den Staat oder Fördervereine reiche nicht aus.