Revolutionäre Technologie: Vehicle-to-Grid kommt – was E-Autofahrer wissen müssen

Bei Vehicle-to-Grid (V2G) laden E-Autos nicht nur Strom in den Akku, sondern speisen ihn auch zurück ins öffentliche Netz. Das wird bidirektionales Laden genannt. Wie das funktioniert und wie du es nutzen kannst.

Die bidirektionale Ladetechnik verbreitet sich nur langsam in Deutschland. Für E-Autobesitzer und Energieversorger eröffnet das Rückspeisen von Strom (Hin-und-her-Ladetechnik) aus dem Stromer-Akku ins Netz neue Möglichkeiten – doch noch ist die Anwendung kompliziert und voraussetzungsreich. Die private kommerzielle Nutzung des bidirektionalen Ladens ist erst am Anfang. Wenn du gleich von Beginn an dabei sein willst, musst du allerdings einiges beachten.

Wie funktioniert die Vehicle-to-Grid-Technik (V2G)?

Bidirektionale Ladetechnik für das E-Auto kann beides: nicht nur Strom mithilfe einer Wallbox aus dem öffentlichen Netz "ziehen", sondern auch wieder "zurück" einspeisen. Die vielen derzeit nur als Speicher genutzten Batterien von E-Autos mutieren damit vom "passiven" zu einem "aktiven" Teil der Energieversorgung. Welche technischen Voraussetzungen du dafür benötigst, dazu später mehr.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) meint, dass Akkus von E-Autos in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Energieinfrastruktur spielen könnten. Der Thinktank "Agora Energiewende" hat in seiner Studie "Klimaneutrales Stromsystem 2035" Folgendes errechnet: "Davon ausgehend, dass 25 Prozent der Elektro-Pkw im Jahr 2035 Vehicle-to-Grid nutzen und davon durchschnittlich 40 Prozent der Fahrzeuge für den Strommarkt bereitgestellt werden, beträgt die nutzbare Leistung theoretisch 28 Gigawatt." Nur zum Vergleich: Das abgeschaltete Kernkraftwerk Emsland hatte eine Nennleistung von 1,4 Gigawatt. "Damit trägt es zur effizienten Nutzung von erneuerbarem Strom und Ressourcen bei", so das Fazit von Agora Energiewende.

Die immer beliebter werdenden E-Autos können helfen, das Stromnetz zu stabilisieren. Erneuerbare Energien (Wind, Sonne) machen heute schon rund 53 Prozent im deutschen Strommix aus. Privat genutzte E-Autos stehen im Schnitt mehr als 20 Stunden am Tag still, hat der ADAC errechnet. "Ihre Batterien bieten mit 50 bis über 100 Kilowattstunden (kWh) deutlich mehr Kapazität als typische Heimspeicher mit 5 bis 15 kWh." Dieses Potenzial will die bidirektionale Ladetechnik nutzen. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Wie viele Varianten der bidirektionalen Ladetechnik gibt es?

Es gibt drei Varianten der bidirektionalen Ladetechnik. Neben der anspruchsvollsten Vehicle-to-Grid-Technik (kurz V2G) gibt es zwei weitere Varianten. V2L (Vehicle-to-Load): für den Strom für Geräte unterwegs, und V2H (Vehicle-to-Home): für den Strom fürs eigene Zuhause.

Bei V2L dient dein E-Auto als mobile Steckdose. Über eine integrierte Schuko- oder AC-Steckdose kannst du elektrische Geräte direkt mit Strom aus der Fahrzeugbatterie versorgen. Typische Anwendungsbeispiele sind beim Camping die benötigte Energie für die Kühlbox, für den Laptop oder für die Kaffeemaschine. Handwerker können auf einer Baustelle ihre Werkzeuge oder Beleuchtung anschließen. Im Garten oder bei Events kannst du Strom nutzen, ohne dass du ein zusätzliches Aggregat benötigst.

Die V2H ist besonders für Eigenheimbesitzer interessant. Bei dieser Variante versorgt dein E-Auto dein Haus mit Strom. Beispielsweise abends, wenn die Sonne nicht mehr scheint oder der Strompreis hoch ist. Tagsüber lädt dein Auto mit Solarstrom aus der PV-Anlage und abends nutzt du den gespeicherten Strom für den Haushalt, Licht oder die Wärmepumpe. Bei einem Stromausfall übernimmt das E-Auto die Versorgung wichtiger Geräte.

Welche technischen Voraussetzungen musst du für bidirektionales Laden erfüllen?

Da Elektroautos mit Gleichstrom (DC) fahren, du im Haushalt aber nur Wechselstrom (AC) nutzt, bedarf es eines Gleichrichters, der den Strom umwandelt. Entweder hast du ihn im Bordladegerät des Fahrzeugs oder in deiner DC-Wallbox. Standard-Wallboxen können nur Strom in das Auto abgeben. Für bidirektionales Laden benötigst du aber eine spezielle Wallbox, die den Stromfluss auch aus dem Auto heraus regelt. Diese Wallbox ist teurer als die Standardvariante. Eine bidirektionale Wallbox kostet in der Regel 2.500 bis 5.000 Euro, je nach Hersteller und Leistung. Hinzu kommen die Kosten für die Installation. Die bidirektionale Wallbox ist beim zuständigen Netzbetreiber anzumelden. Für die Rückspeisung ins öffentliche Netz ist eine Genehmigung erforderlich.

Außerdem brauchst du zusätzlich ein Energiemanagementsystem, das steuert, wann Strom geladen oder abgegeben wird. Das System für die Smart-Home-Integration kann zusätzlich 500 bis 1.000 Euro kosten. 

Du brauchst auf jeden Fall ein intelligentes Messsystem, nämlich den Smart Meter. Der erfasst den Stromfluss in beide Richtungen in Echtzeit und übermittelt die Daten digital an den Netzbetreiber. Es gibt allerdings Probleme beim Einbau und es kann zu langen Wartezeiten kommen. Bidirektionales Laden ist also mit erheblichen Einstiegskosten verbunden.

Unterstützen alle E-Autos bidirektionales Laden?

Nicht alle E-Autos eignen sich für bidirektionales Laden. Aber: Die Zahl der Modelle wächst kontinuierlich, wie der ADAC feststellt. So hat der Münchner Autobauer BMW ein kommerzielles V2G-Angebot für Deutschland vorgestellt, zusammen mit seinem Partner E.ON. Der chinesische Hersteller BYD startet ebenfalls mit bidirektionalem Laden in Europa. Die Online-Plattform MeinAuto.de führt neben dem Automobilclub eine aktuelle Liste aller Modelle, die präpariert sind für V2G-Angebote.

Und was macht die Volkswagen Gruppe (incl. Porsche-Skoda-Audi-Seat)? Alle VW ID.-Modelle mit der 77-kWh-Batterie sind laut des Konzerns "BiDi ready", vom ID.3 bis zum ID.Buzz. Mercedes-Benz hat die Einführung von bidirektionalem Laden für dieses Jahr angekündigt. Den Auftakt wird das neue Modell des vollelektrischen GLC machen. Das Produkt trägt den Namen MB.CHARGE Home und verbindet Fahrzeug, Wallbox, Ökostromtarif sowie den Energiemarktzugang. 

In Deutschland hat Toyota Motor Europe ein Energie- und Lade-Ökosystem geschaffen. Die Partnerschaft umfasst intelligentes Laden und soll perspektivisch auch Vehicle-to-Grid-Funktionen einbinden. Das einzige Modell von Tesla, das bidirektional laden kann, ist der Cybertruck. Der amerikanische Autobauer hält sich bisher zurück gegenüber Vehicle-to-Grid (V2G). 

Wie ist die Rechtslage für V2G in Deutschland?

Seit dem 1. Januar 2026 gibt es in Deutschland einen rechtlichen Rahmen für Vehicle-to-Grid. Gemäß der Ende 2025 beschlossenen Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) sind E-Autos rechtlich als Stromspeicher zu behandeln. Der ADAC weist auf die Folgen hin: "Damit entfällt die bisherige doppelte Belastung mit Netzentgelten: Wer nach einer Rückspeisung seine Batterie auflädt, zahlt die Netzentgelte nur einmal." 

Seit April 2026 hat die Bundesnetzagentur bidirektionale Wallboxen rechtlich mit stationären Stromspeichern gleichgestellt. Für die Praxis gibt es damit einheitliche Vorgaben, wie der rückgespeiste Strom gemessen und abgerechnet wird. "Solarstrom, der im E-Auto zwischengespeichert wurde, verliert dabei nicht seine EEG-Förderfähigkeit. Gesetzliche Einspeisevergütung ist also möglich (via Pauschaloption)", schreibt der ADAC.

Einige Detailfragen, etwa zur Zertifizierung von Wallboxen für die Netzeinspeisung oder zur standardisierten Kommunikation zwischen Fahrzeug, Wallbox und Netzbetreiber, sind aber derzeit noch ungeklärt. 

Kannst du mit kommerziellen V2G-Tarifen Geld erwirtschaften?

Es gibt bislang nur wenige Angebote. BMW und der Stromriese E.ON kooperieren und bieten einen kommerziellen V2G-Tarif an. Die Kunden erhalten 24 Cent für jede Stunde, in der ihr E-Auto angeschlossen und verfügbar ist. Das ergibt bis zu 720 Euro Bonus pro Jahr. Vergütet wird also primär die Zeit, in der das Auto angesteckt ist, und weniger der tatsächlich eingespeiste Strom.

Ein weiterer Anbieter ist Ford in Kooperation mit Octopus Energy. Unter dem Namen Octopus PowerDrive bietet der Energieversorger V2G-Tarife an. Hierbei laden die E-Autos (zum Start nur kompatible Ford-Modelle) bei günstigen Börsenstrompreisen und speisen bei Bedarf zurück.

Beide Angebote sind zarte Pflänzchen. Ob andere Stromanbieter oder E-Auto-Hersteller ebenfalls Offerten machen, und wie lukrativ die sind, ist offen. Der ADAC warnt vor zu viel Euphorie, wenn er feststellt: "Ob und wann sich diese Investition amortisiert, ist derzeit bis jetzt nicht absehbar."

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