Bundesminister verlässt den Saal
Während der Rede habe Bundesminister Schneider den Saal verlassen, teilt ein Sprecher seines Ministeriums mit. Der SPD-Politiker sei als einziger Vertreter der schwarz-roten Bundesregierung bei der Gala gewesen und halte diese Aussagen «für nicht akzeptabel». Die israelische Botschaft schreibt am Sonntag, Schneider habe damit klare Kante gezeigt.
Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) weist den Vorwurf Alkhatibs zurück. «Diese Falschbehauptungen sind bösartig und vergiften die politische Debatte. Sie zerstören die Würdigungen der Filmkunst auf der Berlinale.» Während der Berlinale habe die «Pali-Aktivistenszene» ihre «hässliche Fratze» gezeigt. Festivalchefin Tricia Tuttle und Jurychef Wenders hätten das Festival unter besonderen weltpolitischen Herausforderungen «feinfühlig, grundliberal und künstlerisch anspruchsvoll gestaltet». Ähnlich äußert sich Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU).
Als an dem Abend auch die libanesische Filmemacherin Marie-Rose Osta auf der Bühne die israelische Kriegsführung kritisiert, ohne das Massaker am 7. Oktober anzusprechen, sagt Moderatorin Désirée Nosbusch danach, sie sei sich «sicher, dass unsere Herzen bei all den Menschen sind, die leiden, sei es durch Kriege oder durch Terrorismus».
Müssen sich Filmschaffende politisch positionieren?
Die Abschlussgala sei wie das Festival selbst gewesen, sagt Berlinale-Chefin Tuttle. «Es ist ein Ort, an dem Künstler sprechen können, und manchmal sprechen sie auf eine Art und Weise, die unbequem oder umstritten ist, aber es ist wichtig, dass wir diesen Raum bieten.» Nicht immer habe sich diese Auseinandersetzung gut angefühlt.
In einem offenen Brief hatten mehrere Filmschaffende der Berlinale vorgeworfen, sich nicht ausreichend zum Gaza-Krieg zu positionieren, gar von Zensur gesprochen. Tuttle widersprach und nahm auch Jurypräsident Wenders in Schutz, der für seine Aussage kritisiert worden war, Filmschaffende sollten sich aus der Politik heraushalten. Aus seiner Antwort sei nur ein Ausschnitt herausgegriffen worden, betonte Tuttle.
Die Frage, ob Künstler sich politisch äußern sollen oder gar müssen, wird nicht erst seit kurzem diskutiert. Allerdings scheint der Diskurs vehementer, die Polarisierung größer geworden zu sein. Filmschaffende wurden während der Berlinale wiederholt zu politischen Haltung befragt. Ein Festivalraum müsse aber kein Parlament sein, sagt Regisseur Ameer Fakher Eldin auf der Bühne.
Wenders hat ein großes Notizbuch dabei, aus dem er eine Art Appell an politische Aktivisten vorliest: «Wie die Filme der Berlinale deutlich zeigen, applaudieren euch die meisten von uns Filmemachern. Wir alle applaudieren euch. Ihr macht eine notwendige und mutige Arbeit, aber muss sie in Konkurrenz zu uns stehen? Müssen unsere Sprachen aufeinanderprallen?»
Während soziale Medien schnell und wirkungsvoll für humanitäre Anliegen mobilisieren könnten, zeichne sich das Kino durch Empathie, Komplexität und nachhaltige Wirkung aus, führt er aus.
Sandra Hüller gewinnt ihren zweiten Bären
Viele der ausgezeichneten Filme erzählen Geschichten, die sich zu größeren sozialen oder politischen Zusammenhängen öffnen. Schauspielerin Sandra Hüller zum Beispiel gewinnt ihren zweiten Silbernen Bären für «Rose». Darin gibt sie sich im 17. Jahrhundert als Mann aus, weil sie nur so ein selbstbestimmtes Leben führen kann.
Der Große Preis der Jury geht an die Tragödie «Kurtuluş» des türkischen Regisseurs Emin Alper. Stilistisch an einen Western erinnernd, handelt der Film vom mörderischen Kampf zweier Dorfgemeinschaften gegeneinander.
Das Demenzdrama «Queen at Sea» des US-Amerikaners Lance Hammer wird mit zwei Preisen ausgezeichnet. Der Film erhält den Preis der Jury. Zudem gewinnen Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay aus Großbritannien einen Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle.
Nach der Verleihung gratuliert Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Regisseur Çatak. Sein Film «Gelbe Briefe» sei auch ein Appell, «nicht tatenlos zuzusehen, wie eine neue Faszination des Autoritären um sich greift, sondern unsere liberale Demokratie wehrhaft zu verteidigen».
Çatak beschreibt die Botschaft seines Films, der am 5. März ins Kino kommt, dann auch so: «Dass wir uns mit Fragen auseinandersetzen, die komplex sind und nicht in einer Botschaft verpackt werden können, sondern in einem Prozess des Dialogs.» Erkenntnis erreiche man «Stück für Stück». «Und nicht mit Slogans, nicht mit Sprüchen auf Social Media, sondern im Diskurs.» Eine Botschaft, die auch gut zur Berlinale selbst passt.