Die Beziehung zu Deutschland blieb über Jahrzehnte bestehen. 1984 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für ihre Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft. Begegnungen mit Künstlern wie Peter Alexander oder später Florian Silbereisen sind Erinnerungen, die sie bis heute bewahrt. Und auch nach sechs Jahrzehnten auf der Bühne ist dieses Kapitel ihrer Karriere nicht abgeschlossen: Im Herbst kehrt Mireille Mathieu erneut nach Deutschland zurück.
Aus Avignon in die Welt
Dabei war ihr Weg alles andere als selbstverständlich. Geboren am 22. Juli 1946 in Avignon als ältestes von 14 Kindern, wuchs sie in einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater, ein Steinmetz, liebte die Oper und gab seiner Tochter die Liebe zur Musik weiter.
Als Kind sang Mathieu in der Kirche und bei Festen. Weil sie Schwierigkeiten in der Schule hatte, verließ sie früh die Ausbildung und arbeitete in einer Fabrik. Sie selbst beschrieb ihren Traum einst wie ein Märchen: Vor dem Spiegel habe sie mit einem Besen als Mikrofon von einer Karriere als Sängerin geträumt.
1964 kam der entscheidende Moment: Bei einem Talentwettbewerb in Avignon gewann sie mit einem Lied von Edith Piaf, Frankreichs großer Chansonnière. Aus der jungen Fabrikarbeiterin wurde über Nacht ein Star. Die Verbindung zu Piaf blieb ihr Leben lang wichtig. Bis heute empfindet sie Piaf als eine künstlerische Mutterfigur - und ihre eigene Mutter als den wichtigsten Menschen ihres Lebens.
Der größte Fan und die größte Liebe
Wenn Mathieu von ihrer Mutter spricht, wird die große Bühnenfrau plötzlich ganz privat. Ihre Mutter, die sie viele Jahre auf Tourneen begleitete, war ihr größter Fan. Ein Lied über sie zu singen, fällt ihr noch immer schwer. Bei «Maman la plus belle du monde» (Mama, du bist die Schönste der Welt) kommen ihr die Tränen.
Ihr Leben ist geprägt von Disziplin. Sie schläft viel, ernährt sich bewusst, macht täglich Gesangsübungen und schützt ihre Haut seit Jahrzehnten vor der Sonne. Sie erzählt mit einem Lächeln, dass sie bereits seit ihrem 23. Lebensjahr konsequent Sonnenschutz benutzt. Hinter dieser Disziplin steckt für sie die Voraussetzung, auch nach so vielen Jahren auf der Bühne bestehen zu können.
Mathieus innere Balance
Ruhe findet Mathieu in ihrem Zuhause in Neuilly-sur-Seine zwischen Magnolien und Hortensien. Zu ihrer inneren Balance gehört auch der Glaube. Vor Konzerten besucht sie Kirchen, zündet eine Kerze an und singt für sich «Panis Angelicus».
Diese Tradition nimmt sie überallhin mit. Sie erzählt von einer armenischen Kirche in Istanbul, in der sie singen durfte, und von einem türkischen Lied, das sie auf Französisch interpretierte, während das Publikum den Refrain übernahm. Für sie ist Musik eine Sprache, die Grenzen überwindet.
Was bleibt
Ans Aufhören denkt Mireille Mathieu nicht. Zwar hat sie das Tempo gedrosselt: Statt langer Auslandstourneen plant sie kürzere Gastspielreisen und möchte sich mehr Zeit für sich selbst und kreative Projekte nehmen. Eine neue Facette hat sie bereits entdeckt. Darüber spricht sie mit der gleichen Bescheidenheit, die sie seit Jahrzehnten auszeichnet: «Ich bin wirklich Anfängerin», sagt sie.
Nach sechs Jahrzehnten auf der Bühne hat Mathieu nicht nur ihren Pagenkopf, ihre roten Lippen und ihre unverwechselbare Stimme bewahrt, sondern auch das, was ihre Karriere geprägt hat: die Ernsthaftigkeit gegenüber dem Beruf, die Nähe zum Publikum und diese überraschende Mischung aus Welterfahrung und Lampenfieber.