Neues Rentengesetz: Darum profitieren manche von der Reform – und andere nicht

Die Kapitalrente soll das deutsche Rentensystem retten – mit Aktien statt Umlage. Doch Ökonomen warnen vor Doppelbelastung und überoptimistischen Renditeversprechen.

Jahrzehntelang galt die gesetzliche Rente als sicherer Hafen – doch der demografische Wandel hat das Fundament der Ruhestandsversorgung längst ins Wanken gebracht. Die Antwort der Bundesregierung heißt Kapitalrente: ein neues Modell der Altersvorsorge, das Rentenbeiträge teilweise an den Kapitalmarkt schickt, statt sie direkt an heutige Rentner weiterzureichen. Die Kapitalrente ist Teil der großen Rentenreform 2026, die laut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales auf 33 Empfehlungen der Alterssicherungskommission basiert. Noch bis Ende 2026 soll das Gesetzespaket durch den Bundestag und Anfang 2027 in Kraft treten.

Kapitalrente: Chance für die Altersvorsorge oder Risiko für Beitragszahler?

Der Plan für die Kapitalrente sieht laut Rentenkommission Folgendes vor: Ab 2028 zahlen Arbeitgeber und Beschäftigte einen Teil des Bruttoeinkommens in einen öffentlichen Fonds ein – ergänzend zur bisherigen Umlagerente, nicht als Ersatz. Zum Start sind das je 0,5 Prozent des Bruttoeinkommens; bis 2031 soll dieser Wert in jährlichen Schritten auf je ein Prozent, also zusammen zwei Prozent, steigen. Für Kinder zwischen sechs und 18 Jahren ist zusätzlich die Frühstart-Rente geplant: Monatlich zehn Euro sollen steuerfrei in ein Altersvorsorgedepot fließen.

Den Kapitalmarkt nach schwedischem Modell in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen, ist der große Wurf, der nötig war.

Stephan Leithner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG,

Als Vorbild dient Schweden, wo der staatliche Standardfonds AP7 Såfa seit der Jahrtausendwende läuft. Dem Nachrichtenportal t-online.de zufolge erzielte er zwischen 2000 und 2025 rund elf Prozent Rendite pro Jahr – bei Kosten von nur 0,05 Prozent. Laut dem Deutschen Aktieninstitut brachte ein 20-jähriger DAX-Sparplan historisch rund acht Prozent jährlich – trotz Dotcom-Blase, Finanzkrise und Euro-Schuldenkrise. Stephan Leithner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG, urteilt: "Den Kapitalmarkt nach schwedischem Modell in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen, ist der große Wurf, der nötig war."

Die Eckpunkte der Kapitalrente im Überblick:

  • Höhere Renditechancen durch global diversifizierte Aktien und Indexfonds (ETFs)
  • Ergänzung des Umlagesystems – kein Ersatz
  • Zinseszinseffekt bei langer Ansparzeit besonders wirksam
  • Frühstart-Rente als staatlich geförderter Einstieg für junge Menschen
  • Niedrige Kosten des geplanten Staatsfonds von 0,1 Prozent pro Jahr

Kritische Stimmen: Wo liegen die echten Risiken?

Nicht alle Fachleute teilen die Begeisterung. Kommissionsmitglied Peter Bofinger räumte gegenüber der Tageszeitung taz ein, die Kapitalrente sei beim Gesamtkompromiss "tatsächlich das Hauptproblem" – unter anderem wegen der Doppelbelastung: Beschäftigte zahlen in der Übergangsphase gleichzeitig ins Umlagesystem und neu in den Kapitalstock ein. Zudem helfe die Kapitalrente Menschen mit Altersarmutsrisiko nicht – wer ohnehin wenig angespart hat, profitiert kaum, erklärt Bofinger.

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung kritisiert zudem "auffällig optimistische Annahmen" bei den Renditeerwartungen. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnte vor einer "massiven Mehrbelastung von mehr als 40 Milliarden Euro pro Jahr".  Die ähnlich gelagerte und von der Ampelregierung geplante "Aktientrente" scheiterte an folgenden Nachteilen und Unwägbarkeiten, die für Streit in der Regierung sorgten:

  • Börsenschwankungen können angesparte Mittel kurzfristig stark mindern
  • Doppelbelastung in der Übergangsphase ab 2028
  • Rentenlücken bei Erwerbsunterbrechungen mangels Ausgleichsregelungen
  • Überoptimistische Renditeerwartungen laut gewerkschaftsnahen Ökonomen
  • Ungleiche Verteilung: Geringverdienende profitieren deutlich weniger

Mutig, aber noch nicht ausgereift

Die Kapitalrente ist weder Wunderwaffe noch Horrorszenario – sondern ein überfälliger Schritt, dessen Gelingen von der Ausgestaltung abhängt. Schweden beweist seit 25 Jahren, dass kapitalgedeckte Altersvorsorge funktioniert. Ein richtig großer Wurf wäre das Modell aber erst, wenn die Regierung einen Ausgleich für soziale Härtefälle schaffen würde.

Vorschaubild: © Hannes P Albert/dpa