Die Kapitalrente soll das deutsche Rentensystem retten – mit Aktien statt Umlage. Doch Ökonomen warnen vor Doppelbelastung und überoptimistischen Renditeversprechen.
Kapitalrente: Chance für die Altersvorsorge oder Risiko für Beitragszahler?
Der Plan für die Kapitalrente sieht laut Rentenkommission Folgendes vor: Ab 2028 zahlen Arbeitgeber und Beschäftigte einen Teil des Bruttoeinkommens in einen öffentlichen Fonds ein – ergänzend zur bisherigen Umlagerente, nicht als Ersatz. Zum Start sind das je 0,5 Prozent des Bruttoeinkommens; bis 2031 soll dieser Wert in jährlichen Schritten auf je ein Prozent, also zusammen zwei Prozent, steigen. Für Kinder zwischen sechs und 18 Jahren ist zusätzlich die Frühstart-Rente geplant: Monatlich zehn Euro sollen steuerfrei in ein Altersvorsorgedepot fließen.
Den Kapitalmarkt nach schwedischem Modell in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen, ist der große Wurf, der nötig war.
Stephan Leithner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG,
Als Vorbild dient Schweden, wo der staatliche Standardfonds AP7 Såfa seit der Jahrtausendwende läuft. Dem Nachrichtenportal t-online.de zufolge erzielte er zwischen 2000 und 2025 rund elf Prozent Rendite pro Jahr – bei Kosten von nur 0,05 Prozent. Laut dem Deutschen Aktieninstitut brachte ein 20-jähriger DAX-Sparplan historisch rund acht Prozent jährlich – trotz Dotcom-Blase, Finanzkrise und Euro-Schuldenkrise. Stephan Leithner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG, urteilt: "Den Kapitalmarkt nach schwedischem Modell in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen, ist der große Wurf, der nötig war."
Die Eckpunkte der Kapitalrente im Überblick:
Höhere Renditechancen durch global diversifizierte Aktien und Indexfonds (ETFs)
Ergänzung des Umlagesystems – kein Ersatz
Zinseszinseffekt bei langer Ansparzeit besonders wirksam
Frühstart-Rente als staatlich geförderter Einstieg für junge Menschen
Niedrige Kosten des geplanten Staatsfonds von 0,1 Prozent pro Jahr
Kritische Stimmen: Wo liegen die echten Risiken?
Nicht alle Fachleute teilen die Begeisterung. Kommissionsmitglied Peter Bofinger räumte gegenüber der Tageszeitung taz ein, die Kapitalrente sei beim Gesamtkompromiss "tatsächlich das Hauptproblem" – unter anderem wegen der Doppelbelastung: Beschäftigte zahlen in der Übergangsphase gleichzeitig ins Umlagesystem und neu in den Kapitalstock ein. Zudem helfe die Kapitalrente Menschen mit Altersarmutsrisiko nicht – wer ohnehin wenig angespart hat, profitiert kaum, erklärt Bofinger.
Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung kritisiert zudem "auffällig optimistische Annahmen" bei den Renditeerwartungen. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnte vor einer "massiven Mehrbelastung von mehr als 40 Milliarden Euro pro Jahr". Die ähnlich gelagerte und von der Ampelregierung geplante "Aktientrente" scheiterte an folgenden Nachteilen und Unwägbarkeiten, die für Streit in der Regierung sorgten:
Börsenschwankungen können angesparte Mittel kurzfristig stark mindern
Doppelbelastung in der Übergangsphase ab 2028
Rentenlücken bei Erwerbsunterbrechungen mangels Ausgleichsregelungen
Überoptimistische Renditeerwartungen laut gewerkschaftsnahen Ökonomen
Ungleiche Verteilung: Geringverdienende profitieren deutlich weniger
Mutig, aber noch nicht ausgereift
Die Kapitalrente ist weder Wunderwaffe noch Horrorszenario – sondern ein überfälliger Schritt, dessen Gelingen von der Ausgestaltung abhängt. Schweden beweist seit 25 Jahren, dass kapitalgedeckte Altersvorsorge funktioniert. Ein richtig großer Wurf wäre das Modell aber erst, wenn die Regierung einen Ausgleich für soziale Härtefälle schaffen würde.