Metzger, Turmspringer, ESC-Gewinner, Fernsehgeschichte: Stefan Raab blickt auf ein beeindruckendes Lebenswerk zurück. Die Sache ist nur: Er bastelt ja noch weiter daran - auch mit 60 Jahren.
Stefan Raab wird 60 Jahre alt - und auch wenn er selbst nicht darüber spricht, so wird doch über ihn gesprochen. Neulich beim Fernsehpreis etwa. Da erzählte Dragqueen Olivia Jones von einem Mann, der «eine neue Art von Fernsehen» geschaffen und «abgefahrene» Konzepte erfunden habe. Moderator Jan Köppen erinnerte an «TV total» und an die großen Events, die ihn beim Erwachsenwerden geprägt hätten. «60 sieht man ihm jetzt nicht an», sagte Köppen. «Auf keinen Fall!»
Raab selbst hätte sich über eine solche Würdigung früher womöglich köstlich amüsiert - allerdings auf Kosten des Geehrten. Respekt vor einem Lebenswerk war nicht unbedingt seine Paradedisziplin - und Entertainer im fortgeschrittenen Alter gerngesehene Opfer. Rudi Carrell sang er 1999 die Zeilen «Wann wirst du endlich wieder witzig, so witzig wie du früher schon nie warst? Ja, mit Lachen nur von August bis September und höchstens einem guten Gag pro Jahr!» ins Gesicht. Carrell war damals 64 Jahre alt. Raab war 32.
Nun wird Raab an diesem Dienstag (20. Oktober) selbst 60 Jahre alt. Das macht ihn nicht automatisch zu einer Figur wie Rudi Carrell, Karl Moik oder Dieter Thomas Heck. Aber er ist ihnen in einem Punkt doch näher gekommen: Auch Raab hat jetzt ein Frühwerk, an das sich viele in den allerbuntesten Farben erinnern - und ein Spätwerk, das noch beweisen muss, welche Farben es einmal haben wird.
Vom Metzger-Lehrling zum Medien-Messias
Raab selbst hat dafür gesorgt, dass man seine Karriere in diese zwei Phasen aufspalten kann. Die Trennlinie liegt genau im Jahr 2015. Deutschland war damals amtierender Fußball-Weltmeister, als der «Raabinator» verkündete, seine «Fernsehschuhe an den Nagel hängen» zu wollen - er werde sich vom Bildschirm zurückziehen. Kurz vor Weihnachten 2015 tat er es tatsächlich. Raab verabschiedete sich ein letztes Mal von seinem Publikum («Ich hoffe, Sie hatten ein bisschen Spaß») und verschwand in einer dunklen Dezembernacht nahezu vollständig aus der Öffentlichkeit - über Jahre.
Zuvor hatte er in rund 20 Jahren ein wahres TV-Königreich aufgebaut. Beim Musiksender Viva war der gelernte Metzger aus Köln-Sülz zu einem Moderator geworden, den man schlicht nicht übersehen konnte. Er war laut, frech und hemmungslos gut darin, sich selbst auf der Bühne zu produzieren. Wo Raab auftauchte, war der Zirkus in der Stadt. Er war ein wandelnder Ausnahmezustand.
Die Late Night «TV total» hatte ihn danach dem ganz großen Publikum bekannt gemacht. Auch weil die Sendung eine Art Abschussbasis für immer neue Ideen im Raab-Orbit wurde. Manche verpufften, viele andere wurden zu Dauerbrennern des Fernsehens - etwa bombastisch inszenierte Promi-Wettkämpfe à la «TV total Turmspringen» oder seine Talentsuche für den ESC. 2010 gewann er den Wettbewerb mit Lena Meyer-Landrut. 2013 ließ man ihn sogar das Kanzlerduell mitmoderieren.
Mit vollem Körpereinsatz
Die Liste der Verletzungen, die Raab in seiner Karriere erlitt, las sich irgendwann wie die eines Fußballstars: Gehirnerschütterung, Jochbeinbruch, Nasenbeinbruch, Kieferhöhlenbruch, Innenbandriss, Meniskusschaden, Riss des Mittelfingers und Schürfungen ohne Ende. Raab galt als Besessener, der auch seinen eigenen Körper einsetzte, vor allem bei «Schlag den Raab» - einer Samstagabendshow, die er erfand, als schon niemand mehr so richtig an die große neue Samstagabendshow glaubte.