In der Wohnung stehen und sich fragen: Wer hat hier wohl vor mir gelebt? Das beschäftigt die Berliner Regisseurin seit Kindheitstagen. Ihrem Film «In die Sonne schauen» könnte Großes bevorstehen.
Die Zeitzonen lösen sich langsam auf. Die Berliner Regisseurin Mascha Schilinski hat mit ihrem Film «In die Sonne schauen» Chancen auf den Oscar und reist seit Monaten um die Welt. London und Paris, New York und Los Angeles. «Ich habe schon gar keinen Jetlag mehr», erzählt sie. «Es gibt einfach keine Zeit mehr, was auch passend zum Thema des Films ist.»
Der erzählt von vier jungen Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten auf einem Bauernhof in der Altmark leben. Die Geschichte springt zwischen den Zeiten - ungefähr zwischen den 1910er Jahren, den 1940ern, den 1980ern und der heutigen Zeit. Unausgesprochen scheint die Mädchen etwas zu verbinden.
Beim Festival in Cannes sorgte der Film für eine Überraschung und gewann den Preis der Jury. Am Samstag (17. Januar) hat er nun Chancen auf den Europäischen Filmpreis. Und nächsten Donnerstag (22. Januar) könnte er für den Oscars als bester internationaler Film nominiert werden. Auf die Shortlist hat es der deutsche Beitrag schon geschafft.
«Das ist eine ganz alte Kindheitsfrage von mir»
Seit Cannes ist bei Schilinski viel los. Dabei sollte es für sie ein ruhiges Jahr werden, ein Babyjahr, wie sie beim Interview erzählt. Schlau und zugänglich wirkt sie da, auch sehr bestimmt in ihrer Art. Eine Frage, die wichtig war für «In die Sonne schauen»: Wer hat vor mir an diesem Ort gelebt?
«Das ist eine ganz alte Kindheitsfrage von mir, weil ich ja in einem Berliner Altbau groß geworden bin und mich auch immer gefragt habe: "Wer saß hier?"», erzählt Schilinski. «Oder wenn ich die Straße langlaufe: "Wer ist hier vor mir gelaufen und in welche sprichwörtlichen Fußstapfen trete ich hier gerade?" Das ist eine Frage, die mich immer begleitet.»
Welche Erfahrungen verbinden Frauen?
Mit einer fast magischen, manchmal gespenstischen Atmosphäre erzählt der Film von intergenerationalen Traumata, von Gewalt und Missbrauch, aber auch von intimen und zärtlichen Momenten. «Der Film setzt sich damit auseinander, welchen Blicken Frauen ein Jahrhundert lang unterworfen sind und diese Frauen im Film blicken zurück», sagt Schilinski.
Es gehe nicht um die große Geschichte, sondern sie hätten versucht, in den Puls der Figuren zu kriechen. «In das Innenleben einzutauschen und sichtbar zu machen, wo eigentlich kleine, leise Dinge zu Bruch gegangen, verschüttet oder verborgen sind. Und ich glaube, darin finden sich viele Menschen wieder.»