Experten warnen vor einer weiteren Verschärfung der Lage. Sollte die Straße von Hormus länger geschlossen bleiben, könnte der Ölpreis auf bis zu 150 US-Dollar pro Barrel steigen, dem Fachmagazin Logistra zufolge. Zwar ist die Versorgung in Deutschland dank gut gefüllter Reserven für mehrere Monate gesichert, doch würde eine Verschlechterung der globalen Lieferbedingungen zu noch drastischeren Preissteigerungen führen, so der ADAC.
Spediteure schlagen Alarm: Mehrkosten von über 700.000 Euro pro Jahr
Der starke Anstieg der Dieselpreise stellt vor allem für das Speditionsgewerbe eine erhebliche Belastung dar. Seit Beginn des Iran-Kriegs sei der Preis um rund 40 Cent pro Liter gestiegen, erklärt Dirk Engelhardt, Chef des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Bei einer monatlichen Fahrleistung von 10.000 Kilometern und einem Verbrauch von 30 Litern pro 100 Kilometer ergeben sich für einen Lkw demnach Mehrkosten von rund 1.200 Euro pro Monat. Bei einer Flotte von 50 Fahrzeugen summiert sich dies auf mehr als 700.000 Euro im Jahr.
Kurzfristige staatliche Entlastungen fordert die Transportbranche angesichts der stark gestiegenen Dieselpreise. Nötig seien laut Engelhardt schnelle und unbürokratische Maßnahmen, um die Liquidität der Unternehmen zu sichern und Lieferketten aufrechtzuerhalten. Eine Dieselpreisbremse wird unter anderem gefordert, um die Belastung der Betriebe zu begrenzen und Insolvenzen im Mittelstand zu verhindern. Denkbar seien zudem eine Erstattung der CO₂-Abgabe auf Diesel oder eine Aussetzung der CO₂-Komponente der Lkw-Maut.
"Naheliegend" seien früher oder später Auswirkungen auf die Verbraucherpreise, betonte Engelhardt. Über Absicherungsmechanismen wie Dieselfloater verfügen viele kleine Transportunternehmen nicht - unmittelbar schlagen dort die Kosten durch. Somit drohen die steigenden Transportkosten, die allgemeine Inflation weiter anzufachen.
Spritpreisbremse startete am 1. April - "High Noon" an den Tankstellen
Am Donnerstag, 26. März 2026, hat der Bundestag ein umfassendes Maßnahmenpaket gegen überhöhte Spritpreise beschlossen - eine Reaktion auf die stark gestiegenen Kraftstoffpreise. Das Herzstück der Reform: Seit Dienstag, 1. April 2026, dürfen Tankstellen ihre Preise für Super E5, E10 und Diesel nur noch einmal pro Tag erhöhen – und zwar exakt um 12.00 Uhr mittags. Jederzeit möglich bleiben hingegen Preissenkungen. Die Regierung orientiert sich dabei an Österreich, wo dieses Verfahren bereits seit 2011 gilt, wie die Bundesregierung mitteilt.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche begründete die Maßnahme mit dem Ziel, mehr Transparenz zu schaffen: "Mit unserem Maßnahmenpaket erhöhen wir die Transparenz bei Kraftstoffpreisen und begrenzen die täglich möglichen Preiserhöhungen an den Tankstellen", so das Bundeswirtschaftsministerium. Hintergrund ist die Tatsache, dass Tankstellen bisher ihre Preise vielfach änderten. Im Durchschnitt meldete eine Tankstelle pro Tag 20 Preisveränderungen, in der Spitze waren es sogar 50, erklärt Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, der Tagesschau.
Die ersten Erfahrungen mit der neuen Regelung fallen jedoch ernüchternd aus. Zu einem regelrechten "Preis-Schock um 12.00 Uhr" kam es am ersten Tag nach Inkrafttreten der Spritpreisbremse. Viele Tankstellen nutzten die erlaubte Preiserhöhung am Mittag für deutliche Preissprünge. Im Durchschnitt lagen die Aufschläge bei fast acht Cent pro Liter um 12.00 Uhr, zeigten ADAC-Analysen.
Verbraucherschützer fordern Nachbesserungen der Tankregel
Eine nüchterne Bilanz zieht Ramona Pop, Chefin des Bundesverbands der Verbraucherzentralen: "Aktuell sieht es nicht danach aus, dass die neue Regel Tanken wirklich günstiger macht." Es zeichne sich ab, dass die Preise um 12.00 Uhr nach oben sprängen, und dann im Tagesverlauf und am nächsten Morgen nachlassen. Einen praktischen Rat gibt die Verbraucherschützerin: "Verbraucherinnen und Verbraucher können sparen, wenn sie am späten Vormittag tanken. Diese Zeit ist für die meisten Berufstätigen allerdings ungünstig."
Daher fordert Pop, die Bundesregierung müsse die neue Tankregel schnell bewerten, auch im Hinblick auf den Zeitpunkt der Preisanpassung. Möglicherweise könnte die Regelung sogar kontraproduktiv wirken, warnen Experten, da Tankstellen nun einen Anreiz haben, die einmalige Erhöhungsmöglichkeit maximal auszunutzen. Statt mehrerer kleiner Preisanpassungen über den Tag verteilt kommt es nun zu einem großen Preissprung zur Mittagszeit.
Scharfe Kritik an den Preiserhöhungen kommt vom ADAC, da der Rohölpreis zwischen dem 31. März und dem 1. April gesunken sei. "Die Sorge des ADAC scheint sich zu bestätigen, dass Mineralölkonzerne im Zweifel einen Risikoaufschlag machen, weil sie Kraftstoffpreise nur noch einmal täglich erhöhen können", sagte ein Preisexperte des Autoclubs in München. Offenbar reduziere die Neuregelung das hohe Preisniveau eher nicht.
Bundeskartellamt erhält erweiterte Befugnisse
Weitere Instrumente sieht das Kraftstoffmaßnahmenpaket neben der zeitlichen Begrenzung von Preiserhöhungen vor. Künftig können Verstöße gegen das Verbot der mehrmaligen täglichen Preiserhöhungen mit empfindlichen Bußgeldern von bis zu 100.000 Euro geahndet werden, wie das ZDF berichtet. Diese drastische Strafandrohung soll sicherstellen, dass sich die Tankstellenbetreiber an die neuen Vorgaben halten.
Zudem erhält das Bundeskartellamt erweiterte Befugnisse im Kampf gegen überhöhte Spritpreise. Künftig soll die Behörde einfacher gegen marktbeherrschende Unternehmen vorgehen können, wenn Hinweise auf unangemessen hohe Preise vorliegen. Daneben soll das Kartellamt die Preisentwicklung an deutschen Tankstellen auf mögliche Abzocke durchleuchten, wie der Spiegel berichtet. Verfahren sollen beschleunigt werden, um strukturelle Störungen des Wettbewerbs schneller festzustellen und zu beheben.
Eine zentrale Rolle bei der Überwachung spielt laut Bundesregierung die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe beim Bundeskartellamt. Die Preisdaten von rund 15.000 Tankstellen in Deutschland bündelt und monitort diese Stelle. Betreiber sind verpflichtet, jede Preisänderung bei Super E5, Super E10 und Diesel "in Echtzeit" - innerhalb von fünf Minuten - zu melden. Die Markttransparenzstelle gibt diese Daten an zugelassene Verbraucher-Informationsdienste weiter, sodass Autofahrer über Apps und Websites die günstigsten Tankstellen in ihrer Umgebung finden können, erläutert das Bundeskartellamt.
Strukturelle Probleme bleiben ungelöst
Kritiker bemängeln jedoch, dass die Regierung mit ihren Maßnahmen lediglich Symptome bekämpfe, nicht aber die strukturellen Ursachen der hohen Spritpreise angehe. Die wesentlichen Probleme sind demzufolge:
- Wenige integrierte Mineralölkonzerne kontrollieren gleichzeitig Raffinerien, Großhandel und Tankstellen
- Diese vertikale Integration dämpft den Wettbewerbsdruck erheblich
- Die geopolitische Krise im Nahen Osten ist ungelöst
- Die CO₂-Steuer auf fossile Brennstoffe ist 2026 erneut gestiegen und wird ab 2027 weiter zunehmen, wie der ADAC warnt.
Besonders problematisch sei die vertikale Integration im Kraftstoffmarkt, wie das ZDF berichtet.
Mineralölkonzerne skeptisch gegenüber neuer Regelung
Skeptisch zeigt sich der Wirtschaftsverband Fuels und Energie, der mehrere Mineralölkonzerne zu seinen Mitgliedern zählt, gegenüber dem neuen Preismodell. "Uns ist keine Untersuchung bekannt, die belegt, dass das neue Preismodell nach österreichischem Vorbild Vorteile für den Verbraucher bieten würde", heißt es in einer Stellungnahme des Verbandes gegenüber der Tagesschau.
Tatsächlich zeigen erste Auswertungen, dass die Spritpreisbremse möglicherweise sogar zu höheren Durchschnittspreisen führt, da Tankstellen die einmalige Erhöhungsmöglichkeit um 12.00 Uhr für kräftige Aufschläge nutzen.
Aufgabe des Bundeskartellamts sei es nun, Mineralölkonzerne zur Mäßigung zu bewegen, fordert der ADAC. Sollte der Iran-Krieg ein halbes Jahr andauern, könnte Öl im Spätsommer so knapp werden, dass insbesondere Schwellenländer ihren Verbrauch rationieren müssten, warnen Ökonomen des britischen Wirtschaftsforschungsinstituts Oxford Economics. Für diesen Fall prophezeit das Institut eine globale Rezession. Bereits vor drei Wochen hatte das Münchner Ifo-Institut gewarnt, dass die weltweiten strategischen Ölreserven begrenzt seien und innerhalb weniger Monate aufgebraucht sein könnten.
Online-Petition fordert Preisdeckel von 1,75 Euro
Seinen Ausdruck findet der Unmut über die explodierenden Kraftstoffpreise in einer massiven Online-Petition. Über 34.000 Menschen haben die Forderung des Automobilclubs "Mobil in Deutschland e.V." nach einer sofortigen Spritpreisbremse unterzeichnet. Die am 3. März 2026 gestartete Petition richtet sich direkt an die Bundesregierung und verlangt einen Preisdeckel von maximal 1,75 Euro pro Liter für Diesel und Benzin, heißt es auf der Plattform OpenPetition.
Eindringlich begründet Dr. Michael Haberland, Präsident des Automobilclubs und Initiator der Petition, die Forderung: "Die Kosten für Mobilität von Autofahrern, Familien, Pendlern, Senioren, Handwerkern und dem so wichtigen Güterverkehr dürfen nicht überstrapaziert werden. Das ist kontraproduktiv für Wirtschaft und Gesellschaft." Zudem betont die Initiative, dass Mobilität kein Luxus sei, sondern Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, wirtschaftliche Stabilität und ein funktionierendes Alltagsleben. Bei Preisen von 2 Euro und mehr pro Liter sei diese Mobilität für viele Menschen akut gefährdet. Die Unterzeichner fordern konkrete Maßnahmen zur Senkung der Spritpreise, die durch verschiedene Instrumente umsetzbar wären:
- Aussetzung oder Streichung der CO₂-Steuer
- Aussetzung oder Streichung der Energiesteuer
- Reduktion der Mineralölsteuer
- Senkung der Mehrwertsteuer von 19 Prozent auf 7 Prozent
Deutschland besteuert Kraftstoff am stärksten in der EU
Besonders brisant: Die Petition weist darauf hin, dass in keinem anderen EU-Land Kraftstoff so stark besteuert wird wie in Deutschland. Gleich vier verschiedene Steuerarten zahlen Autofahrer: Energiesteuer, CO₂-Steuer, Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer. Ohne diese Steuern würde ein Liter Super statt 2 Euro nur etwa 90 Cent kosten. Die Initiatoren verweisen auf das erfolgreiche Modell von Juni bis August 2022, als eine befristete Steuersenkung zu einer deutlichen Entlastung der Autofahrer geführt hatte.
Auch aus der Politik wird die Kritik an den bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung immer lauter. Drastischere Instrumente bringt Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) ins Spiel: "Die extrem hohen Spritpreise sind für viele Menschen und Unternehmen unzumutbar", schrieb er auf der Plattform X. "Wir brauchen Maßnahmen und Entscheidungen, die Spritpreise senken und sofort wirken. Eine Preisobergrenze wie in unserem Nachbarland Polen und eine Aussetzung der CO₂-Steuer wären solche Instrumente."
Aus Sachsen kommt ebenfalls Unterstützung für einen Preisdeckel nach polnischem Vorbild. Gegenüber dem "Stern" erklärte der CDU-Bundestagsabgeordnete Florian Oest: "Das bisherige Spritpreispaket reicht nicht aus. Wir brauchen Steuererleichterungen und eine Preisobergrenze nach polnischem Vorbild." Im Nachbarland Polen gilt seit dieser Woche eine von der Regierung täglich gesetzte Preisgrenze für Benzin und Diesel. Zudem wuwurdenort die Mehrwert- und Energiesteuer gesenkt. "Ein Blick nach Polen zeigt, dass ein Deckel für Kraftstoff zu mehr Stabilität führen kann", so Oest.
Politiker fordern Übergewinnsteuer und Mobilitätsgeld
Ein entschiedeneres Vorgehen fordert auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD): "Die Steuern auf den Sprit müssen sofort gesenkt werden. Und dies muss durch eine Übergewinnsteuer kompensiert werden, damit es nicht an anderer Stelle zu Kürzungen kommt." Jetzt müsse Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) handeln. Schwesig äußerte deutliche Kritik an der neuen Tankregel: "Die Regelung, dass Tankstellen künftig nur noch einmal am Tag die Benzinpreise anheben können, wirkt erwartungsgemäß nicht."
Dem pflichtet Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) bei: "Die ersten Reaktionen an den Tankstellen zeigen sehr deutlich: Die neue Regel schafft mehr Struktur bei den Preisbewegungen – sie löst aber nicht das eigentliche Problem zu hoher Spritpreise." In der Pflicht sieht er den Bund: "Wir brauchen eine klare Prüfung, ob der Wettbewerb im Kraftstoffmarkt tatsächlich funktioniert – und wo nötig ein entschlossenes Vorgehen gegen Missstände. Gleichzeitig müssen spürbare Entlastungen auf den Weg gebracht werden."
Innerhalb der Regierung macht Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) Druck für schnelle Entlastungen. In einem Brief an Kanzleramtsminister Thorsten Frei und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (beide CDU) schreibt er: Es sei absehbar, "dass es weitere Maßnahmen brauchen wird, um die steigende Inflation frühzeitig zu dämpfen". Die Bundesregierung müsse vorbereitet sein und zielgerichtet handeln können.
Alternative Konzepte für soziale Mobilität
Drei konkrete Vorschläge präsentiert Klingbeil: "Alle können wir schnell umsetzen", betont der Vizekanzler: Er plädiert für eine Übergewinnsteuer zur Finanzierung, mit der übermäßige Krisenprofite von Unternehmen abgeschöpft werden könnten. Außerdem spricht er sich für einen flexiblen Preisdeckel für Benzin, Diesel und Öl aus, wie es ihn in Belgien und Luxemburg gebe. "Ich bitte daher, dass entsprechende Vorbereitungen jetzt schnell getroffen werden, um zügig ein Gesetz auf den Weg zu bringen", schreibt er. Über eine Ausweitung der Pendlerpauschale, über eine Mobilitätsprämie oder eine zeitlich befristete Senkung der Energiesteuer könnten zudem die Kosten für das Pendeln reduziert werden. "Wir brauchen eine schnelle politische Entscheidung, wofür wir die Mittel der Übergewinnsteuer einsetzen wollen", betont Klingbeil.
Eine langfristige Alternative bringt der Umweltverband BUND ins Gespräch: ein "Mobilitätsgeld", das die bestehende Pendlerpauschale ablösen soll. BUND-Verkehrsexperte Jens Hilgenberg argumentiert: "Auch wenn die Kosten für Diesel und Benzin in nächster Zeit wieder sinken sollten, werden sie doch perspektivisch grundsätzlich eher steigen. Deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Impulse für eine sozial- und umweltverträgliche Mobilität zu setzen." In erster Linie profitieren von der Pendlerpauschale in ihrer jetzigen Form Personen mit hohem Einkommen und weiten Pendelwegen, die sie mit dem Auto zurücklegen. Mit einem Mobilitätsgeld würde ein fester Betrag pro Pendel-Kilometer mit der Steuer verrechnet oder direkt ausgezahlt - unabhängig vom Einkommen und den benutzten Verkehrsmitteln.
Diese Forderung unterstützt der Sozialverband VdK: "Mobilität darf keine Frage des Geldbeutels sein." Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hatte vorgeschlagen, künftig jedem Pendler sofort und unabhängig von der Höhe des Einkommens einheitlich ein Mobilitätsgeld von 17 Cent je Kilometer auszuzahlen. Unterdessen prüft die schwarz-rote Koalition weitere Schritte für den Fall, dass der Iran-Krieg länger andauert und die Preise weiter steigen. Dazu zählt unter anderem eine erneute Anhebung der Pendlerpauschale. Nicht nur Autofahrer belasten die hohen Spritpreise, sondern die gesamte Wirtschaft gerät unter Druck. Steigende Kosten für Benzin, Diesel und Kerosin erhöhen die Transportkosten und tragen zu einer allgemeinen Inflation bei - ein Teufelskreis, der sich nur durch eine Entspannung der geopolitischen Lage im Nahen Osten durchbrechen lässt, wie das ZDF berichtet. sl/mit dpa
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