Gehen Reformvorschläge nicht weit genug? Kassen mit radikalen Vorschlägen

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Das Gesundheitssystem muss komplett neu gedacht werden, fordern zwei Krankenkassen in Deutschland. Das sind ihre Konzepte.

Braucht unser Gesundheitssystem eine 180-Grad-Wende? Maßnahmen zur Lösung der finanziellen Krise der Krankenkassen werden derzeit intensiv diskutiert. So veröffentlichte die von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eingesetzte Finanzkommission Gesundheit jüngst 66 Vorschläge zur Reformierung des Gesundheitssystems. Zwei Krankenkassen geht das nicht weit genug. 

"Wir reden in Deutschland seit Jahren vor allem darüber, wie wir Krankheiten finanzieren. Viel zu selten reden wir darüber, wie wir sie verhindern", betont Andrea Galle, Vorständin der Betriebskrankenkasse mkk in einer Mitteilung. Mithilfe einer Petition will Galle gemeinsam mit Sportwissenschaftler und Autor Ingo Froböse erreichen, dass Prävention im Fokus des Gesundheitssystems steht und der Schutz der Gesundheit ein fest verankerter staatlicher Auftrag wird. Das soll auch im Grundgesetz festgeschrieben werden. Gkv-Chef Oliver Blatt plädierte jüngst ebenfalls für einen stärkeren Fokus auf Prävention.

Maßnahmen zur Krankenkassenkrise: Muss Gesundheit ins Grundgesetz?

"Deutschland lässt ein enormes Gesundheitspotenzial ungenutzt. Wir brauchen dringend eine grundlegende Neuausrichtung der Präventionspolitik. Wir brauchen ein Grundrecht auf Gesundheit", unterstreicht Galle in einem Positionspapier, das inFranken.de vorliegt.

Aktuell schützt Artikel 2 GG nur die körperliche Unversehrtheit – psychische Gesundheit, Prävention und Aufklärung sind nicht abgedeckt. Der "Flickenteppich" aus Einzelregelungen solle mit einer Erweiterung des Artikel 2 vereinheitlicht werden.

Jedes politische Handeln müsste dann den Schutz und die Förderung von Gesundheit in ihrer herausragenden Stellung für alle Bereiche unserer Gesellschaft anerkennen. "Von diesem Leitgedanken sollen alle politischen Entscheidungen getragen werden", so die Vision.

IKK-Chef will komplett neues Gesundheitssystem - mit 150-Euro-Pauschale

Auch Ralf Hermes, Chef der IKK Innovationskasse, drängt auf einen kompletten Systemwandel. Wie t-online berichtet, fordere Hermes in einem Positionspapier sogar die Auflösung der gesetzlichen Pflegeversicherung. Hermes plädiert für ein Gesundheitssystem, das in die drei klar getrennten Bereiche Solidarität, Versorgung und Wettbewerb unterteilt ist. Der Vorschlag umfasst:

  • Eine solidarische Gesundheitsversicherung, die sich über staatliche Zuschüsse und zehn Prozent der Löhne der Arbeitnehmer (gezahlt durch die Arbeitgeber) finanzieren würde. Diese soll bei besonders kostspieligen Krankenkassenleistungen wie Krankenhausaufenthalten greifen.
  • Eine soziale Krankenversicherung, die durch Beitragszahlungen der Versicherten gedeckt wäre und aus der die alltägliche medizinische Versorgung finanziert würde. Alle - auch Ehepartner - müssten dann eine monatliche Pauschale in Höhe von 150 Euro zahlen. Beim Arzt würde eine Eigenbeteiligung fällig.
  • Eine private Absicherung aller Versicherten, die bei Leistungen, die über die Grundversorgung hinausgehen, zahlt. Dazu gehören etwa Krankengeld, Zahnersatz, schnellerer Arztzugang und sonstige Wahlfreiheitsoptionen, erweiterte Therapien und Innovationen. Das alles müssten Versicherte dann aus eigener Tasche bezahlen.

Hermes und sein Mitautor Thomas Drabinski sehen das Modell als "ordnungspolitische Alternative zur Dauerkrise". Bei dem aktuellen Gesundheitssystem sei Hermes' Meinung nach nicht nur die Finanzierung aus dem Lot geraten, sondern auch die Architektur des Systems selbst. 

Vorschaubild: © Sebastian Kahnert (dpa)