Seit dem plötzlichen Tod seiner Frau hatte Herbert Schneider (Name geändert) keine Freude mehr am Leben. Der 81-Jährige fühlte sich alleine und erklärte seinem Sohn, er sehe keinen Sinn mehr in seinem Leben. Dieser überzeugte seinen Vater, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Mit Erfolg: "Jetzt hat er sogar wieder mit dem Klavierspielen angefangen und nimmt Unterricht", berichtet der Sohn.

Fälle wie diesen erlebt der Bonner Psychotherapeut und Gerontologe Rolf Hirsch immer wieder. "Untersuchungen zeigen, dass Psychotherapie bei alten Menschen genauso gut, wenn nicht sogar besser wirkt als bei jüngeren", sagt Hirsch, Mitglied der Arbeitsgruppe "Alte Menschen" im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland (NaSPro). Dennoch ist Herbert Schneider eine Ausnahme. Denn die wenigsten Senioren mit Selbstmordabsichten fänden den Weg zu einem Psychotherapeuten, beobachtet Hirsch.



10.000 Suizide jährlich

Das lässt sich deutlich an den Suizidraten der Älteren ablesen. "Alte Menschen gehören zu den Hochrisikogruppen für Suizid", stellte das NaSPro im vergangenen Jahr in einem Bericht fest. Danach nehmen sich in Deutschland etwa 10.000 Menschen im Jahr das Leben. Überproportional viele davon, nämlich 35 Prozent, sind älter als 65 Jahre. Lag 1998 das durchschnittliche Sterbealter bei Suizid noch bei 53,2 Jahren, so stieg es bis zu den jüngsten Erhebungen 2013 auf 57,4 Jahre.

Ausgelöst werde der Suizid häufig durch Einsamkeit nach Tod eines Partners, Krankheit, der Sorge vor Abhängigkeit oder der Angst vor einem Umzug ins Heim, weiß Hirsch. Die Ursache der überdurchschnittlichen Suizidraten alter Menschen sieht der Gerontologe jedoch in der Haltung unserer Gesellschaft. "Da werden die Alten oft nur als Kostenfaktor gesehen."

Reinhard Lindner von der Medizinisch-Geriatrischen Klinik Albertinen-Haus in Hamburg sieht das ähnlich. Ein zentraler Grund für die hohe Suizidrate sei, dass alte Menschen sich oftmals aus der Gesellschaft ausgegrenzt fühlten. Das werde mit Blick auf Kulturen deutlich, in denen das Alter hoch angesehen sei. "Wenn sich alte Menschen im Zentrum der Gesellschaft sehen, sind die Suizidraten deutlich niedriger."


Unerkannte Depressionen

Hinzu komme, dass depressive Verstimmungen bei Senioren oft nicht so wichtig genommen würden, sagt Hirsch. "Etwa 80 Prozent der alten Menschen, die Suizid begehen, haben eine unerkannte Depression", schätzt er. Das Problem sei, dass Senioren sich oft nicht trauten, über ihre Gefühle zu sprechen, beobachtet Lindner. "Viele würden sich gerne Angehörigen anvertrauen. Aber oft gibt es in den Beziehungen Probleme."

Ein Alarmsignal sei, wenn sich ein alter Mensch immer mehr zurückziehe, sagt Lindner. Spätestens, wenn ein Mensch den Sinn seines Lebens in Frage stelle, sollten Angehörige oder Bekannte das Gespräch zu suchen. Professionelle Hilfe für Senioren in psychischen Krisen zu finden, sei jedoch nicht immer einfach, sagt Hirsch. "Es gibt keine Beratungsstellen für alte Menschen in psychischen Notsituationen."

Ein erster Ansprechpartner könne der Hausarzt sein, wenn zu diesem ein gutes Verhältnis bestehe, rät Lindner. "Ich stelle auch fest, dass sich Familienberatungsstellen zunehmend auf ältere Menschen einstellen." Dennoch beobachtet auch er einen Nachholbedarf bei Psychotherapeuten und Kliniken, wenn es um die Behandlung alter Menschen ab 75 gehe. Hier müsste es mehr Fort- und Weiterbildung geben, fordert der Arzt für Gerontopsychosomatik. "Psychosomatische Kliniken müssten Stationen für Ältere einrichten."

Lindner sieht aber Anzeichen der Besserung. Denn die Notwendigkeit einer besseren Suizid-Prävention ist mittlerweile auch Thema im Bundestag. Die Politiker wollen die Zahl der Suizide senken. Für dieses Jahr sind im Bundeshaushalt erstmals 500.000 Euro sowie 2018 bis 2020 jeweils eine Million Euro jährlich für Forschungsprojekte zur Suizid-Prävention eingeplant. Die Chancen stehen gut, dass ein Teil davon in die Erprobung niedrigschwelliger Angebote für Senioren fließt.