Als Anne Tieseler vor sieben Jahren nach dem Einkaufen mal wieder den Berg aus Verpackungsmüll betrachtete, war für sie klar: "So darf es nicht weitergehen." Durch "Nachdenken und bewussteren Konsum" konnte sie schnell einiges an Plastik und Papier reduzieren. Dann stieß sie auf Zero Waste - und ihr Leben änderte sich nachhaltig.

"Die Idee dabei ist, Müll von vorneherein zu vermeiden, statt hinterher zu schauen, wie man ihn wieder loskriegt", erklärt Anne Tieseler. Sie suchte und fand in Nürnberg Gleichgesinnte, die in ihrem häuslichen Umfeld bereits die Verschwendung eingedämmt hatten. Mitmachen kann jeder. "Wir sind ein fester Kern mit etwa 15 Leuten vom Schüler bis zum Rentner, vom Stadtratskandidaten bis zum Familienvater", erzählt Tieseler.

Vor drei Jahren schlossen sich die Ehrenamtlichen als Untergruppe dem Verein Bluepingu an, der sich 2008 gründete und für Nachhaltigkeit engagiert. Ergebnisse sind der "Regionallotse", ein Branchenbuch für Franken mit über 1500 Einkaufsadressen, Lastenfahrräder für alle, ein Stadtgarten, Foodsharing. Auch die Ernennung Nürnbergs zur Fairtrade-Stadt geht auf die Initiative von Bluepingu zurück.

Zigarettenkippen ohne Ende

Das Engagement der Zero Waste-Leute passte gut hinein. "Wir haben uns damals gleich mit anderen vernetzt", berichtet Anne Tieseler. "Es gibt so viele Gruppen in unserer Region, die zum Beispiel Müllsammelaktionen planen und sich mit Nachhaltigkeit befassen." Die Nürnberger stehen in Austausch mit anderen Zero Waste-Städten, holen sich Anregungen beim Institut für Nachhaltigkeit der Universität Erlangen-Nürnberg. Auch von der Stadt werden sie bei Aktionen unterstützt. "Einmal sind auf unsere Initiative hin Mitarbeiter des Ordnungsamts losgezogen und haben 15 Euro Bußgeld für das Wegwerfen von Zigarettenstummeln verteilt", berichtet Tieseler. Selbst Hand angelegt haben sie und ihre Mitstreiter im November bei der Europäischen Woche der Abfallvermeidung. Gemeinsam mit der Initiative "Upzigle", die sich die Befreiung der Umwelt vom Kippenproblem zu eigen gemacht hat, starteten sie eine Sammelaktion: "Wir haben in zwei Stunden etwa 60 000 Kippen in der Nürnberger Innenstadt aufgeklaubt", sagt Tieseler. "Eine erschreckende Zahl, wenn man bedenkt, dass jeder Zigarettenstummel giftig ist."

Erschreckendes Verhalten

Erschreckend war auch die Bilanz einer anderen Müllsammelaktion, die Zero Waste heuer auf die Beine gestellt hatte. Nach dem Festival Rock im Park sichteten die Ehrenamtlichen das Gelände und waren schockiert. "Wir haben intakte Zelte, Campingstühle und Schlafsäcke gefunden und haben uns gefragt, warum die Leute das einfach zurücklassen", sagt Tieseler. Die Gruppe sammelte alles Brauchbare ein und brachte die Sachen zu karitativen Einrichtungen.

Eine weitere Initiative von Zero Waste ist ein Brotbeutel aus Bio-Baumwolle mit dem aufgedruckten "Fränguru". Der Gedanke dahinter: "Sei ein Beuteltier und spar dir die Tüte." Diese Aktion war 2017 nicht nur die erste der Gruppe, sie wurde auch mit einem Preis ausgezeichnet. "Der Brotbeutel war schön, weil es im Grunde eine simple Aktion war", erzählt Tieseler. "Wir haben damals Läden angeschrieben und gefragt, ob sie mitmachen wollen. Dann ging einer von uns dorthin und verteilte die Beutel." Diese sind nach wie vor bei Zero Waste erhältlich, mittlerweile bieten aber auch viele Geschäfte und Bäckereien eigene Brotbeutel an.

Kostenlos Wasser nachfüllen

Auch die Idee der Non-Profit-Organisation "Refill-Deutschland" hat Zero Waste in Nürnberg verbreitet. An über 80 Stationen kann man kostenlos seine mitgebrachte Flasche mit Wasser befüllen lassen. Außerdem sind die Aktivisten regelmäßig mit Infoständen unterwegs und halten Vorträge, in der VHS ebenso wie in Kitas. "Schon den Kleinsten kann ein verantwortungsbewusster Umgang mit unseren Ressourcen vorgelebt werden", sagt Tieseler. "Wir probieren mit ihnen kreative Alternativen zur Abfallvermeidung aus."

Helden machen Stadt müllfrei

Abfallvermeidung steht auch im Mittelpunkt des größten Projekts der Gruppe. Unter dem Motto "Zero Waste Helden" soll Nürnberg zur Null-Müll-Stadt werden - und alle sollen mithelfen. Deshalb haben die Ehrenamtlichen Leitlinien in verschiedenen Kategorien erarbeitet, die sich jeder von der Internetseite www.zero-waste-helden.de herunterladen kann.

Die Tipps ermöglichen eine nachhaltige Gestaltung des Alltags für Privatleute ebenso wie für Firmen, Behörden, Schulen, Kitas. Und Gaststätten. Denn, mal als Beispiel, was ist dort mit den Papierservietten? "Bevor sie ungenutzt entsorgt werden müssen, weil sie zur Deko unter dem Teller liegen oder ums Besteck gewickelt sind, könnten die Lokale einen Serviettenspender auf den Tisch stellen", meint Tieseler.

Interessenten können einen "Heldenvertrag" unterschreiben und in ihrer jeweiligen Kategorie sogar Superhelden werden. Die Teilnehmer werden auf einer interaktiven Karte im Internet gekennzeichnet und sind auch an "Heldenstickern" an der Ladentür zu erkennen.

Mit ihren Aktionen will die Gruppe zeigen, dass nachhaltig zu leben Spaß macht. "Auch wenn es am Anfang eine Umstellung bedeutet und ein bisschen aufwendig ist, unter dem Strich schont es nicht nur die Umwelt, sondern spart Zeit und Geld", fasst Anne Tieseler die Idee von Zero Waste zusammen.