Ute Staufer und Marlies Fischer arbeiten als Diplom-Sozialpädagoginnen beim "Notruf sexualisierter Gewalt" beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Sie klären auf über zehn wichtige Fragen. 1.Sexueller Missbrauch gegenüber Kindern: Was ist damit gemeint?

Statt von "sexuellem Missbrauch" spricht Ute Staufer lieber von "sexualisierter Gewalt". "Die darin liegende Betonung der Gewalt wird dem Phänomen stärker gerecht", sagt die Diplom-Sozialpädagogin vom "Notruf bei sexualisierter Gewalt" SkF in Bamberg. Sexualisierte Gewalt ist gemäß § 176 StGB eine Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Ein Erwachsener oder Jugendlicher macht sich strafbar, wenn er sexuelle Handlungen an einem Kind vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen lässt.

Sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern beginnt bereits bei verbaler Belästigung, voyeuristischen Blicken, aber auch flüchtigen Berührungen des Genitalbereichs oder der Brust. Passiert die Berührung aus Versehen, spricht man von einer Grenzverletzung, für die sich laut Staufer und ihrer Kollegin Marlies Fischer der Erwachsene entschuldigen muss.

2.Welche Signale an Geist und Körper ihrer Kinder sollten Eltern beunruhigen?

Bei allen plötzlichen Verhaltensveränderungen des Kindes, die sie nicht sofort einordnen können, sollten Eltern die Möglichkeit sexualisierter Gewalt zumindest im Hinterkopf haben. Mögliche Hinweise sind wahlweise ängstliches oder aggressives Verhalten. Auch ein plötzlicher Leistungsabfall in der Schule sollte beunruhigen.

Diese Symptome müssen laut Ute Staufer und Marlies Fischer nicht zwangsläufig auf sexualisierte Gewalt hinweisen, sie können es allerdings. Auch Verletzungen im Genitalbereich und ein dem Alter unangemessen sexualisierter Wortschatz des Kindes sollte Eltern unbedingt hellhörig machen.

3.Sollte ich den Verdacht sexualisierter Gewalt gegenüber meinem Kind äußern?

Eltern können ihre Kinder auf die beobachteten Veränderungen ihres Verhaltens ansprechen. Fragen sollten nicht als Vorwurf formuliert sein, sondern als Ausdruck elterlicher Fürsorge. Bei einem tatsächlich konkreten Verdacht sollten Eltern auf Befragungen verzichten, da ansonsten die Beweiskraft vor Gericht beeinträchtigt werden könnte, und sich Unterstützung bei Experten in Beratungsstellen holen.

4.Sollten Eltern bereits im Kindesalter über Sexualität und Missbrauch sprechen?

Um sich den Eltern überhaupt anvertrauen zu können, benötigt ein Kind die dafür passenden Wörter und Begriffe. Eltern sollten aus diesem Grund so früh wie möglich ihrem Kind altersgerechte Wörter für Körperteile, für Körpergrenzen und die Sexualität an die Hand geben. Dieser Prozess sollte von einigen zentralen Grundsätzen begleitet werden: "Sein Körper gehört allein dem Kind. Allein das Kind entscheidet, ob jemand anderes es küssen und berühren darf. Kinder dürfen Nein sagen!", sagt Ute Staufer. Dieses Recht am eigenen Körper muss im Zweifel auch eine Oma respektieren, die ihrem Enkelkind ungefragt einen Kuss auf die Backe drücken möchte.

5.Sollten Eltern den Aussagen ihrer Kinder vorbehaltlos Glauben schenken?

"Es ist ungemein wichtig, dass Eltern den Aussagen ihrer Kinder glauben", sagt Marlies Fischer. Kinder sollten in ihrer Angst, ihrem Unbehagen und Schmerz ernstgenommen werden. Dazu gehört in einem nächsten Schritt auch die gemeinsame Suche nach Lösungen: "Was sollen wir als Eltern tun, damit du das nicht mehr erleben musst?"

Wenn beispielsweise eine Lehrerin einen Schüler regelmäßig mit ihrem Busen berührt, kann diese Grenzverletzung laut Fischer möglicherweise vom Kind oder den Eltern selbst mit der Lehrerin besprochen werden. "Bei strafbaren Handlungen sollte dies dagegen keine Option mehr sein", sagt die Sozialpädagogin.

6.Das Kind schweigt sich über den Verdacht aus. Was können Eltern jetzt tun?

Eltern sollten ihre Kinder in diesem Fall keineswegs unter Druck setzen oder sie mit Suggestivfragen zu beeinflussen versuchen. "Das könnte auch die Glaubwürdigkeit der Vorwürfe bei einem möglichen Strafprozess erschüttern", sagt Ute Staufer. Stattdessen empfiehlt sie Eltern, sich Rat und Hilfe beim Jugendamt oder einer Beratungsstelle zu holen.

Auch ein Anruf bei der Beratungsstelle für Kriminalitätsopfer bei der Polizei kann weiterhelfen. "Eltern sollten - so schwer es ihnen auch fällt - nicht in Aktionismus verfallen. Sie sollten deshalb auch nicht auf eigene Faust den potenziellen Täter mit ihrem Verdacht konfrontieren", sagt Staufer.

7.Der Verdacht hat sich erhärtet: Ein Kind erfährt sexuelle Gewalt. Und jetzt?

"Der Schutz des Kindes ist immer das oberste Gebot", sagt Marlies Fischer. Bei einem hinreichend erhärteten Verdacht sollten Eltern ihr Kind deshalb umgehend aus der betreffenden Situation herausnehmen: aus der Schule beispielsweise, aus dem Verein oder aus dem Musikunterricht.

Ob Eltern anschließend einen Vorgesetzten des Tatverdächtigen informieren oder sofort die Polizei einschalten, sollten sie mit klarem Kopf entscheiden. Im Falle von bereits älteren Kindern sollten auch sie in den Entscheidungsprozess mit einbezogen werden.

8.Was tun, wenn der Partner oder Ex-Partner ein Kind missbraucht?

Das Gros sexualisierter Gewalt geht von Männer und hierbei von Mitgliedern des unmittelbaren Familienverbands aus: Väter, Stiefväter, Geschwister, Onkel oder Großväter. "Der fremde unbekannte Mann ist als Täter die große Ausnahme", sagt Ute Staufer.

Falls Eltern ihre Ex-Partner im Verdacht haben, sollten sie sich dem Jugendamt anvertrauen. Dort wird das Umgangsrecht behandelt, dort kann entsprechend verhindert werden, dass ein Kind weitere Zeit mit dem Ex-Partner verbringen muss. Hat ein Elternteil einen begründeten Verdacht gegenüber dem aktuellen Partner, sollte es sich gemeinsam mit dem Kind unverzüglich räumlich von diesem Partner distanzieren. "Das Kind kann dann nicht mehr bei dem verdächtigten Partner bleiben, völlig ausgeschlossen", sagt Fischer. Oft scheuen vor allem Frauen diesen Schritt - weil sie ebenfalls der Gewalt des Partners ausgesetzt sind, diesen unverändert lieben oder sich eine Trennung finanziell nicht zutrauen.

9.Ich habe den Verdacht, dass ein Nachbarskind sexuelle Gewalt erfährt. Was tun?

Wenn Lehrern oder Erziehern Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung vorliegen, sind sie an die konkreten Handlungsleitfäden ihrer Einrichtung gebunden. Konkret bedeutet dies, dass sie ihren Verdacht unverzüglich einem Vorgesetzten melden müssen.

Ein Nachbar dagegen könnte - ein vertrauensvolles Verhältnis vorausgesetzt - seine Beobachtungen zunächst mit den Eltern des betreffenden Kindes teilen. Lässt sich der Verdacht nicht ausräumen, sollte er sich mit dem Jugendamt oder der Polizei in Verbindung setzen.

Wer die Hinweise nicht richtig einzuordnen weiß und seinen Nachbarn nicht voreilig einem Verdacht aussetzen möchte, kann die weiteren Schritte mit den Experten der Beratungsstellen abklären: "Eines muss aber klar sein: Das Wohl des möglicherweise gefährdeten Kindes steht immer im Vordergrund. Einfach nur wegschauen geht deshalb nicht", sagt Ute Staufer.

10.Wie finde ich heraus, ob mein Kind in Kita, Schule und Verein gut aufgehoben ist?

Viele Vereine und kirchliche Einrichtungen haben inzwischen ein Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt erarbeitet. "Eltern können nachfragen, ob es ein solches Konzept gibt und Übungsleiter entsprechend auch geschult worden sind", sagt Marlies Fischer. Darüber hinaus soll ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis verhindern, dass verurteilte Sexualstraftäter in Vereinen oder auch kirchlichen Einrichtungen als Betreuer arbeiten können.

Allerdings werden einschlägige Verurteilungen derzeit noch nach Ablauf einer Verjährungsfrist aus dem Führungszeugnis getilgt. "Einen hundertprozentigen Schutz kann es so nicht geben", sagt Ute Staufer. Eltern können sich aber bei Bekannten und anderen Eltern über den betreffenden Verein informieren. "Und auch hier gilt: Zeigen Sie Interesse an den Aktivitäten des Kindes. Fragen sie nach, bleiben sie wachsam und sensibel", sagt Staufer.

Text: Christoph Hägele