Vom «starken Geschlecht»
Wie wichtig das ist, zeigen Zahlen: Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. «Und zwar aus Gründen, die weitgehend vermeidbar sind», heißt es bei der Uni Tübingen. Darüber gesprochen werde viel zu selten.
Laut dem «Psychreport 2025» der Krankenkasse DAK kamen auf je 100 Versicherte bei Frauen 431 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen, bei Männern 266. Für Piekorz ein Hinweis, dass sich Männer seltener aufgrund von psychischer Belastung eine Krankschreibung «erlauben». Finden sie über längere Zeit keine Hilfe, kann das Suizidrisiko steigen - hier machen Männer mit fast 70 Prozent einen überdurchschnittlichen Anteil aus.
«Im Volksmund gelten Männer als „starkes Geschlecht“ und per se als leistungsfähig und gesund», heißt es in einer Broschüre des Bundesgesundheitsministeriums. Doch die Zahl psychischer Erkrankungen steige. Dies werde häufig auf gesellschaftlich geprägte, geschlechtsspezifische Zwänge der Arbeitswelt zurückgeführt. Finanz- und Wirtschaftskrisen etwa führten vor allem bei Männern zu seelischen Belastungen, Burn-outs oder Depressionen.
Hinweise beachten
Warnsignale könnten schlechter Schlaf über längere Zeit, exzessiver Sport oder hoher Alkoholkonsum sein oder wenn man sich in Arbeit stürze, sagt Piekorz. Gerade Männer neigten zum Schweigen oder zögen sich zurück. Viele ignorierten dies eine ganze Weile. «Das ist fahrlässig.»
Die Psychologin vergleicht das mit der Motorkontrollleuchte im Auto: «Wenn die aufleuchtet, würden viele Menschen recht zeitnah in die Werkstatt fahren und nachgucken lassen, was los ist», sagt sie. «Doch die eigenen mentalen Warnzeichen schieben viele Männer erstaunlich lange beiseite, funktionieren weiter.» Irgendwann aber stehe man auf dem Seitenstreifen, nichts gehe mehr.
Ihre Faustregel: «Wenn Belastungssymptome nicht mehr weggehen, andere einen darauf ansprechen oder Erholungszeiten zum Beispiel im Urlaub oder am Wochenende nicht mehr erholsam sind, dann wäre es gut, sich professionelle Unterstützung zu holen und genauer hinzuschauen.»
«Hat sehr geholfen»
Schauspieler Luding war klar, dass er externe Hilfe brauchte. «Ich bin kein Mensch, der andere gern belastet.» Sich an Freunde oder Familie zu wenden, sei ausgeschlossen gewesen.
Auch sei aus dem Kreis niemand objektiv. «Ich wollte kein Verständnis für mein Leben, sondern eine Anleitung, wie ich da rauskomme», sagt er. «Da musste jemand her, der einen überhaupt nicht kennt und keine Manschetten hat, Fragen zu stellen, Themen anzusprechen.»
Psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei kein Zeichen von Schwäche oder eine Niederlage, betont Piekorz. Es gehe um Selbstverantwortung für das eigene Leben, die eigene Gesundheit. «Und so ein Perspektivwechsel kann ja durchaus sehr männlich und stark sein, dass man sich selbst anders bewertet.»
Luding bezeichnet die anderthalb Jahre Therapie als gute und wichtige Erfahrung. «Ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe. Es hat sehr geholfen zu wissen, welche Sachen aus Prägung kommen und welche aus Erfahrung.» Er werde sich sicher wieder Hilfe holen: «Immer wenn ich merke, der Berg kommt auf mich zu, werde ich das Gespräch suchen.»