Soziologin sieht Vorteile für die «Psycho-Hygiene»
Was ist nun der Sinn des Ganzen? Die Kultur-Soziologin Yvonne Niekrenz, die ihre Doktorarbeit über «Rauschhafte Vergemeinschaftung» geschrieben hat, sieht den Karneval als willkommene Abwechslung im stressigen Arbeitsalltag. «Das ist eine Flucht aus den Regeln ins Nonkonforme, die Regeln des Alltags sind außer Kraft gesetzt», sagte die Wissenschaftlerin im WDR.
Eine entscheidende Rolle dabei spiele das Kostüm, das es ermögliche, mal eine ganz andere Person zu sein. «Das ist ganz, ganz wichtig.» Manchmal seien ganze Gruppen aufeinander abgestimmt verkleidet, «und das stärkt das Zugehörigkeitsgefühl für diese Gruppe».
Karneval kann die derzeitige Wagenburgmentalität aufbrechen
Der Psychotherapeut Wolfgang Oelsner, Autor des Buchs «Fest der Sehnsüchte - Warum Menschen Karneval brauchen», bezeichnet Karneval als «Urlaub von der Wirklichkeit». «Man darf anders angesprochen werden, man darf mal entspannt sein. Das Leben wird ein wenig leichter», so Oelsner.
Nach Überzeugung des Psychologen Stephan Grünewald hat der Karneval das Potenzial, die derzeitige «Wagenburgmentalität» in Teilen der Gesellschaft aufzubrechen und Menschen aus verschiedenen Lagern zumindest kurzzeitig zusammenzuführen: «Diese ungeheure verbindende Kraft in Zeiten, wo alles auseinanderfliegt, ist wohltuend», so Grünewald.
Gestützt wird diese These, wenn man Entertainer Guido Cantz zuhört, der einer der gefragtesten Redner im Kölner Karneval ist. Er hat die Erfahrung gemacht, dass das Publikum aktuell vor allem Ablenkung vom Alltag will - und im Zuge dessen weniger Witze über die harte Politik. «Man hat auf jeden Fall ganz viel Lust zu feiern, aber in erster Linie als Flucht aus dem täglichen Wahnsinn», sagte Cantz der dpa.
Gut laufen demnach Themen, die nicht direkt mit Politik zu tun haben, etwa der Gelsenkirchener Sparkassen-Einbruch oder Künstliche Intelligenz. In Köln kämen auch Witze gut an, die sich über die Kölner Olympia-Bewerbung lustig machten: «Nach dem Motto, wir reden seit 20 Jahren über einen Wasserbus über den Rhein, und nun trauen wir uns plötzlich Olympische Sommerspiele zu.»
In den Nonnenklöstern wurde «getanzt und gesprungen»
Die Weiberfastnacht wurzelt im Mittelalter. Besonders in Nonnenklöstern ging es damals hoch her. Bei Tage wurde «getanzt und gesprungen», und des Nachts, wenn die Äbtissin schlafen gegangen war, Karten gespielt, wie es ein damaliger Chronist vermerkte.
Auch die fest zementierten Geschlechterrollen früherer Tage gerieten ins Wanken: Ehefrauen verweigerten ihren Männern in der «verkehrten Welt» des Karnevals für kurze Zeit den Gehorsam. Der Brauch, Männern die Krawatten abzuschneiden, ist dagegen noch nicht so alt: Er kam erst nach 1945 auf.